Museen

Jetzt heißt es Abschied nehmen von der Südsee in Dahlem

Etwas Sehnsucht konservieren: Sonntag schließen die großen Sammlungen der Museen Dahlem. Ein letzter Besuch.

Große Bootshalle: Zwei Tage noch können die Südseeboote besichtigt werden. Auf dem Tonga-Boot (l.) dürfen Kinder spielen

Große Bootshalle: Zwei Tage noch können die Südseeboote besichtigt werden. Auf dem Tonga-Boot (l.) dürfen Kinder spielen

Foto: Reto Klar

Draußen auf der Straße liegt der Schneematsch, die Glocken der benachbarten Kirche läuten, drinnen in den Museen Dahlem herrscht Südsee-Stimmung. Das ist nicht alle Tage so. „Wo liegt die Südsee“, fragt ein älterer Mann, Typ Oberstudienrat a.D., den kopierten Lageplan in der Hand. „Über Amerika, links halten“, antwortet ihm der freundliche Museumsmitarbeiter. „Schönen Tag“, ruft er uns noch hinterher. Endlich mal Besucher, denkt der Aufseher wahrscheinlich.

Dämonische Masken – Voodoo aus Neukaledonien

Dahlems Zeit war gezählt: Die letzten Jahre schlidderte das weitläufige Areal mit dem Ethnologischen Museum und dem Museum für Asiatische Kunst immer mehr in die Krise. 120.000 Besucher jährlich, Tendenz abnehmend. Im Wendejahr ’89 waren es noch knapp 600.000. In das Gebäude wurde seit Jahren nichts mehr investiert, das En­tree wirkt wie eine Multifunktionshalle in Recklinghausen der 70er-Jahre.

Die Touristen bevorzugen ohnehin die Häuser auf der Museumsinsel. Warum in den Westen fahren, wenn die Schätze in Berlins Mitte näher liegen? Ein Jammer für die Sammlungen von Weltrang in Dahlem. Vielen Präsentationen hätte ein wenig mehr Museumspädagogik gut getan. Allerdings konnten auch einige der Artefakte gar nicht mehr bewegt werden – zu fragil und kontaminiert.

An diesem frühen Mittag ist die kleine Garderobe nahezu vollgehängt von Wintermänteln, eine Schulklasse ist da, das sieht man an den vielen bunten Anoraks an den Haken. So viel Museumslust wie an diesem Tag herrscht selten in Dahlem. So kurz vor Ende wollen viele doch noch schauen.

Am Sonntag ist Schluss, die populären, prominenten Sammlungen wie die der Südsee, die Dauerausstellung Indianer Nordamerikas mit ihrem Schmuck und Zentralasien mit der gewaltigen Kulthöhle und den Wandmalereien schließen. Die Vorbereitungen für den Umzug ins Humboldt-Forum laufen an. Der Platz wird als Werkstatt gebraucht, so ein Südseeboot ist groß, und die meisten Exponate müssen dekontaminiert werden, später wird restauriert und verpackt. 15 Restauratoren werden die Herren im Haus sein.

Bei den Eskimos ist es leer, vielleicht ist es einfach zu kalt draußen, um die Riten im ewigen Eisen zu bestaunen. Auch die moderne indianische Kunst, sehr poppig, ist gerade nicht gefragt. In der Indianer-Sammlung, der größten außerhalb Nordamerikas, starrt ein Paar in die Vitrine mit den heiligen Clowns.

Alle treffen sich an diesem Tag im Raum mit den Südsee-Booten, in Dämmerlicht getaucht, gleich dahinter grinsen dämonische schwarze Masken aus Federn und Menschenhaar. Voodoo aus Neukaledonien in alten Vitrinen, das hatten wir schon vergessen, genauso wie die im Männerhaus ausgekochten Schädel einige Meter weiter. Das Fremde bleibt uns hier fremd.

Frauen und Männer, rund um die Sechzig, Best Ager, wie man heute sagt, bildungseifrig, stehen andächtig auf dem ausgetretenen, grauen Teppich vor den elf Booten. Vor einem silberfarbenen, klobigen Fernseher sitzen sieben silbergraue Damen und schauen sich ein Video an, dass das Leben und den Bootsbau auf den Inseln zeigt.

Die Hinweisschilder sind sehr tief gehängt, ziemlich angestaubt, wenn man an aktuelle, multimediale Präsentationen denkt. Seit Jahrzehnten stehen diese Boote hier, ohne Schutz aus Glas, sie wirken seltsam aus der Zeit gefallen. Wenn wir sie so anschauen in ihrer Schlichtheit, denken wir an Gauguins idealisiertes Südseeleben, das er einst in seinen farbprallen Gemälden beschwor. Wie viele windumbrauste Seemeilen konnte man auf diesen Holzkreationen wohl zurücklegen? „Nicht anfassen“, ruft eine Aufseherin einer Silber-Damen zu.

Max, vier, fünf Jahre alt, und Alisoha, vielleicht sieben, sind mit ihrer Oma hier. Beide toben auf dem für Kinder freigegebenen, rekonstruierten Tonga-Boot und rufen „Leinen los! Lasso her!“. Die begeisterte Oma macht Fotos von diesem Abenteuer. An diesem Tag wird auffallend viel in den einzelnen Abteilungen fotografiert, einige halten ihre Kameras bereit, die Jüngeren nehmen ihr Smartphone.

Wer ein Boot hatte, der fühlte sich frei

Ein bisschen ist es so, als ob gerade die älteren Besucher mit dem letzten Blick auf die Boote ihre eigene Sehnsucht konservieren wollen. Ihre Erinnerung an eine Welt, die einmal groß war und fern und exotisch, wo Träume reichen mussten und Fantasie, weil es eben noch keine Billigflieger gab in alle Ecken und Winkel dieser Erde. Eine Zeit, wo das Internet noch keine Bilder frei Haus lieferte, die suggerieren, dass die Welt für jeden erreichbar ist. Und als Berlin noch eine Insel war, da waren diese Boote etwas ganz besonderes, sie waren immer da. Und wer ein Boot hat, der fühlte sich frei.

Mit der Verschiffung dieser Boote bald in Berlins Mitte, endet endgültig die museale Ära des alten West-Berlins. Generationen von Schulkindern wurden in der Lansstraße sozialisiert. Aber ohnehin wird es nur ein Abschied auf Zeit, sechs der riesengroßen Pazifikboote werden im Schloss wieder neu aufgestellt – in einem der zwei Kuben im zweiten Stock heißt es dann „Südsee – nach den Sternen gucken“. Mal sehen, wie weit man schauen kann.

Museen Dahlem, Lansstr. 8. Öffnungszeiten: Sa/So 10–18 Uhr