DramaUSA 2015 118 min.,
von Todd Haynes, mit Rooney Mara, Cate Blanchett, Kyle Chandler

Eine Frau sucht nach einem Weihnachtsgeschenk für ihre kleine Tochter, die Verkäuferin rät ihr zu einer Modelleisenbahn. Da ahnt man, da weiß man schon: Hier werden Rollenverhalten und Geschlechterklischees aufgebrochen. Man ahnt auch schon, durch die Blicke dieser Frauen, dass da etwas ist, das weit über den Kauf einer Modelleisenbahn hinausgeht.

Aber wir befinden uns im tiefen Muff der 50er-Jahre, der bleiernen Zeit des Konformismus, in der Andersdenkende, Andersfühlende keinen Platz in der Gesellschaft haben und derartige Zuneigungen als „sittenwidriges Verhalten“ gelten. Das kleine Ladenmädchen Therese (Rooney Mara) und Carol, die Dame von Welt (Cate Blanchett), sie kommen sich näher. Und es ist, als ob sich da zwei Verschlossene finden und ge-genseitig öffnen. Aber da sind auch Standesunterschiede, die argwöhnisch betrachtet werden. Und da sind vor allem die Männer, die ihre Gattin bwz. Freundin geradezu als Besitz beanspruchen und erst gar nicht wahrnehmen und dann brutal reagieren, als sie bemerken, wie ihnen die Gefährtin entgleitet.

Patricia Highsmith ist berühmt für ihre Thriller und Ripley-Romane. Dass die Schriftstellerin lesbisch war, blieb lange ein Geheimnis, ihren frühen Offenbarungsroman „Der Preis von Salz“ hat sie 1952 noch unter Pseudonym veröffentlicht und sich erst 1984 zur Autorschaft bekannt. Die Neuauflage hieß zwar nun „Carol“, die Titelfigur ist aber nur eine Nebenrolle, eine Sehnsucht.

Es geht vor allem um das Mädchen, hinter dem unschwer die Autorin selbst zu erkennen ist. Auch die Highsmith jobbte einst als Verkäuferin in einer Spielwarenabteilung und wollte etwas Anderes werden. Nur ist es bei ihrem Alter Ego Therese nicht das Schreiben, sondern das Fotografieren, das Bildermachen. Sich eigene Bilder machen als Weg der Emanzipation.

Eigentlich unglaublich, dass dieser Film tatsächlich die erste Adaption dieses Romans ist, wo die Highsmith doch sonst fast ausverfilmt ist. Aber umso beglückender, dass dabei Todd Haynes Regie führte. „Carol“ ist einer der schönsten, stärksten Filme des Jahres (und mit fünf Nominierungen der Favorit bei den Golden Globes). Haynes ist so etwas wie der moderne Douglas Sirk, er folgt dessen meisterhaften Melodramen aus den 50er-Jahren, lässt aber eben auch jene bedrückende Zeit wiederauferstehen.

In „Dem Himmel so fern“ (2002) erzählte er die verbotene Liebe einer Dame zu einem Gärtner, einem Schwarzen obendrein. Diesmal ist es die Liebe zweier Frauen, die nicht sein darf. Beide Male geht es dabei auch um die Erosion einer Ehe, die auf Lügen beruht.

Eine große Melancholie liegt über dem Film. Er handelt von Sehnsüchten, die nicht ausgelebt werden dürfen, von Verlangen, das sich selbst kasteit. Es ist ein Drama der tiefen Blicke und der kleinen Gesten. Und deshalb vor allem ein Fest für die Schauspieler. Für Rooney Mara, die mit großen Augen in die Welt schaut, dabei immer eine Audrey-Hepburn-Herzlichkeit durchschimmern lässt und völlig zu Recht in Cannes als beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde. Und dann ist da natürlich die eigentlich immer großartige Cate Blanchett, die hier alles überstrahlt. Allein wie sie eine Olive aus ihrem Cocktail aufspießt, ist Weltklasse. Ganz große Verführerin – und dann ganz große Tragödin.

Die Kamera, die wie beim „Fernen Himmel“ erneut Edward Lachman führte, fährt mit Lust über die 50er-Jahre-Ausstattung, die Interieurs, vor allem aber die Roben, den Schmuck, dem Lippenstift der betörenden Carol. Das Objekt der Begierde wird als Göttin in Szene gesetzt, wenn auch als unnahbare. Zugleich werden aber immer auch die Abgründe hinter der schönen Oberfläche sichtbar. Dabei werden die Filmbilder dauernd in künstliche Rahmen gezwängt, werden die Figuren von Möbeln, Tür- und Fensterrahmen verdeckt oder angeschnitten oder durch beschlagene, verregnete Fensterscheiben aufgenommen. Trübe Aussichten in trüben Zeiten. Die Begehrenden erscheinen so stets als Isolierte, Gefangene.

Das Alles ist in tiefstem Damals, im raunenden Imperativ erzählt. Und wiegt uns in falscher Sicherheit, dass seither doch alles viel besser geworden ist. Aber ist es das wirklich? Trotz des Retro-Looks drängt uns der Film die Frage auf, wie weit es in der heutigen neokonservativen Zeit und des Wiedererstarken des Fundamentalismus allerorten mit Toleranz und Vielfalt wirklich bestellt ist.

So ist „Carol“ nicht nur ein entrücktes Meisterwerk, sondern auch ein Drama von zwingender Aktualität.

Peter Zander