100. Geburstag

Katharine Mehrling: Mein Leben mit Edith Piaf

Am 19. Dezember wäre der „Spatz von Paris“ 100 Jahre alt geworden. Berlins Musicalstar gratuliert. Alles begann mit einer Musikkassette.

Große Stimme, kleine Frau: Edith Piaf fasziniert das Publikum noch heute

Große Stimme, kleine Frau: Edith Piaf fasziniert das Publikum noch heute

Foto: g49 / picture alliance / Globe-ZUMA

Bis ich 19 war, kannte ich von Edith Piaf nicht viel. „Non, je ne regrette rien“ natürlich, „Milord“, „La vie en rose“, die drei Klassiker halt. Aber dann bekam ich ein Geschenk von meiner ersten großen Liebe, Jérôme, ein Franzose. Eine Kassette. Mit der Aufschrift: „Edith Piaf“.

Handgeschrieben. Mit vielen ihrer Chansons, die mir alle ganz unbekannt waren. Diese Kassette besitze ich heute noch. Sie hat etwas in mir ausgelöst. Etwas Brachiales, als hätte sich der Himmel geöffnet. Es hat zumindest etwas in mir geöffnet. So kann, so muss man singen!

Auf Spurensuche in Paris

Als ich dann in London Musical und Schauspiel studierte, kam die Kassette natürlich mit. Statt britischem Pop hörte ich dort, sehr zum Leidwesen meiner Mitbewohnerin, nur Edith Piaf. Und statt Musical-Literatur zu wälzen, habe ich alles gelesen, was ich über Piaf in die Finger kriegen konnte. In London habe ich auch das Schauspielstück von Pam Gems über die Piaf entdeckt, das Elaine Paige am Westend spielte.

Meine Leidenschaft war so stark, dass ich nach zwei Jahren London für ein halbes Jahr nach Paris zog, der Piaf wegen, um dieses Flair zu spüren, dieses Lebensgefühl, um mich auf Spurensuche zu begeben.

Als ich dann in Deutschland begann, Theater zu spielen, habe ich den Regisseur meines ersten Stücks „Grease“ überredet, mich die Piaf spielen zu lassen. Der kannte das Gems-Stück, hat es sogar schon inszeniert. Die Produktion, 1998 am Schauspielhaus in Kassel, war ein solcher Erfolg, dass wir damit ins Opernhaus zogen.

Sie brannte von beiden Enden

Das war das erste Mal, dass ich in diese Figur geschlüpft bin. Ich fühlte da eine unglaubliche Identifikation, eine wahnsinnig starke Energie. Ich habe teilweise Tage gebraucht, um da wieder herauszukommen. Natürlich habe ich sehr von ihren Erfahrungen gezehrt, von ihren Erlebnissen und ihrem Leben, denn ich war damals noch relativ unerfahren.

Das ist nicht ganz ungefährlich. Die Piaf brannte an beiden Enden, die hat sich verbrannt, sich selbst zerstört. Die Rolle habe ich zwei Jahre später noch mal im Theater Bielefeld gespielt und dann hier in Berlin, in der Tribüne. Irgendwann habe ich gemerkt: Ich möcht’s nicht mehr.

Weil es mich zu sehr einnimmt, zu sehr mitnimmt. Ich habe mich auch gefragt, ob ich die Chansons überhaupt noch singen will. Weil der Sog so stark ist, als würde man mitgerissen von einem Strudel. Das ist schwer zu beschreiben, es klingt vielleicht etwas spirituell. Das ist es auch.

Dann, als ihr 50. Todestag anstand, habe ich wieder Lust bekommen, mich den Chansons zu nähern. Vielleicht habe ich den Umweg über die Rolle gebraucht, um die Lieder überhaupt singen zu können. Eine Bühnenrolle bietet einen gewissen Schutz. Bei einem Konzert dagegen bist du nackt.

Ich wollte die Chansons aber nicht mehr einfach nur interpretieren, sondern sie verändern, sie verjazzen, einen eigenen Stil hineinbringen: verraucht, verrucht, „edgy“. Ich bin weniger in die Energie der Piaf hineingegangen, dafür viel mehr in die Figuren, um die es in den Chansons geht. Und habe nun aus meinem eigenen Erfahrungsschatz geschöpft. Daraus hat sich ein neues Programm entwickelt, „Piaf au Bar“ mit fünf Jazzmusikern.

Aus dem Bauch heraus

Warum immer wieder, auch heute, nach 100 Jahren noch, die Piaf? Es hat zahllose andere Chansonsängerinnen gegeben. Aber bei ihr kommt etwas Anderes hinzu. Das kommt von ganz unten, aus dem Abgrund der Seele. Damit hat sie Menschen berührt, ob man ihre Texte verstanden hat oder nicht.

Es ist diese Stimme, die in ihren Anfängen den Straßenlärm übertönen musste, und diese unbändige Kraft. Aus dem Bauch heraus, aus dem Untergeschoss, schonungslos und echt. Sie transponiert etwas, das weit über den Intellekt hinausgeht, weil sie einen ganz unmittelbar trifft. Weil sie das Drama selbst gelebt hat. Ich glaube, das ist es, was die Leute bis heute fesselt.

Da geht’s ans Eingemachte

Ihre Chansons handeln vom Tod, von Prostitution, von der Liebe, von den Geschichten der einfachen Leute und der Sehnsucht nach dem besseren Leben. Dabei scheut sie den Schmerz nicht. Da geht es nicht um die Luxusproblemchen, die wir heute so haben. Da geht’s ans Eingemachte. Und diesen Schmerz hört man heraus, das Rohe, das Pure, das Existenzielle.

Anfangs gab es bei mir einen Riesenrespekt, eine Ehrfurcht: Darf ich das überhaupt singen? Aber da war auch diese ungeheure Lust, mir diese Geschichten zu eigen zu machen. Ich hatte das merkwürdige Gefühl, ja, ich darf das, das war mehr eine Intuition.

Inzwischen ist daraus eine liebevolle Verbindung geworden, ich muss manchmal richtig schmunzeln, wenn ich sie höre. Weil ich verstehe, wie sie interpretiert, wie sie an die Texte herangegangen ist. Und noch heute geht mir dabei das Herz auf und es fährt mit mir eine Etage tiefer als bei allem anderen, was ich sonst so höre.

Die Krönung: Zwei Konzerte zum 100.

Sie spielt oft mit einer ungeheuren Lebensfreude, bricht diese, um dann in die traurigste Melancholie abzudriften. Das ist paradox und extrem. Das macht Piaf so zeitlos. Ich hätte sie wahnsinnig gern einmal live erlebt, sie getroffen und eine Nacht mit ihr durchgemacht.

Die beiden Konzerte zu ihrem 100. Geburtstag sind für mich natürlich die Krönung. „Piaf“ in der Bar zu singen oder auch im Schlosspark Theater mit fünf Musikern, das hatte eine sehr knisternde, intime Atmosphäre.

Aber jetzt an der Komischen Oper! Auf dieser Bühne! Mit 70 Musikern! Ein Geschenk, ein Lebenstraum, der sich da erfüllt. Ich singe diesmal viele Chansons, die für ein größeres Orchester gedacht waren, die sie damals im Olympia oder in der Carnegie Hall gespielt hat.

Auch Charles Dumont kommt nach Berlin

Da bekomme ich noch mal ein ganz anderes Lampenfieber. Weil ich dem Anlass gerecht werden möchte. Und dann kommt auch noch Charles Dumont aus Paris angereist, der Komponist des Liedes, das ihr Leben verändert hat: „Non, je ne regrette rien“! Das ist eigentlich kaum zu fassen.

Man möchte meinen, es müsste doch auch in Paris Konzerte zum Gedenktag geben. Aber er will nach Berlin kommen, in die Komische Oper. Es war ein geheimer Wunsch, ihn einmal kennenzulernen. Und dann hat er wirklich zugesagt.

Ich bedanke mich bei der Piaf. Sie hat mich gelehrt, diesen Beruf zu leben. Ihn zu fühlen und zu schätzen. Wenn es sie nicht gegeben hätte, würde ich all das nicht machen.

Aufgezeichnet von Peter Zander

Die Autorin: Der Berliner Musicalstar Katharine Mehrling spielte in Berlin u.a. „Pinkelstadt“ im Schlosspark Theater, „Non(n)sens“ in der Tribüne und „Cabaret“ in der Bar Jeder Vernunft. Momentan ist sie in „My Fair Lady“ und „Ball im Savoy“ an der Komischen Oper zu erleben. Gerade wurde sie mit dem Goldenen Vorhang ausgezeichnet.

Die Konzerte: Am 13. und auch direkt am 100. Geburtstag am 19. Dezember widmet Katharine Mehrling der Piaf einen Chanson-Abend: „La vie en rose“. Am 19.12. wird dabei auch Piaf-Komponist Charles Dumont kommen.