In der Schlange vor der Halle singen sie atemlos und prosten sich mit Piccolos zu. „Helene Fischer war auch schon da“, erklärt Monika ihrem Mann Thomas. Der ist zum ersten Mal mit und nicht so begeistert, weil er im Nieselwetter für die verschärften Kontrollmaßnahmen anstehen muss. „Aber die kommt nicht“. Thomas guckt enttäuscht, dabei hat die große Schlagernacht noch gar nicht angefangen.
„Dafür kommt Andrea“, erklärt Monika tröstend. Na gut, durch die Aussicht auf die Schlager-Queen aus Krefeld lässt sich der Gatte aufmuntern. Nach Leibesvisitation und Abgabe eines Sprühdeos kauft Monika am Merch-Stand die offizielle CD zur Nacht. Während die beiden ihre Plätze suchen, wird der ehemaligen DSDS-Teilnehmerin Anna Maria Zimmermann ein Blumenstrauß überreicht.
Perfekte Musikbox mit kokettem Zwinkern
Man muss sich des Schlagers nicht mehr schämen, dem ist spätestens seit Helene Fischer so. Als perfekte Musikbox mit sexy Pailettenhotpants und kokettem Zwinkern, die Schlager-Pop-Rock-Mash ausspuckt, hat Fischer den Volksgesang aus seiner peinlichen Traufe gehoben. Ihr Schlagerbegriff dehnt sich von Evanesences Goth-Rock über Grönemeyer bis zu Britney Spears. Die Identifikation mit Fischers großem Kino, dem atemlosen Traum, fällt leicht.
13.000 wollen in der ausverkauften Benz-Arena eine Schlagerparty feiern. Ältere Damen sitzen auf den Rängen und halten ihre Handtaschen fest. Muttis hängen ihren Kindern fluoreszierende Leuchtstäbe um die Hälse. Junggesellinnen-Gruppen mit Mottoshirts drängen sich um die Bar. Schlager ist echt für alle da.
Klatsch, Klatsch, Pause
Und auch die musikalischen Grenzen sind bei der Schlagerparty des Jahres fließend wie die Zielgruppe. Der Antenne-Brandenburg-Moderator Alexander Dieck übt die Menge im Doppelklatsch. Theoretisch funktioniert der so: Klatsch, Klatsch, Pause, doziert Dieck. Der Einspieler zu Queens „We Will Rock You“ erledigt den Rest.
Die Männer, die zum Doppelklatscher auf der leuchtenden Showtreppe auftreten und die ersten Silben des Queen-Klassikers singen, tragen Boygroup-Uniformen, die zum größten Teil aus Loden bestehen. Die Jungs heißen Voxxclub, vielleicht haben sie Shopping-Queen geschaut bei der Namensfindung. Der Übergang von Freddy Mercury zum Alpenrock fällt den vier Männern überraschend leicht. Sie singen über Sehnsucht und von einer Marie, die schön tanzen kann.
Schuhplatteln auf Lady Gaga
Gemeinsam träumt die Halle von Berg-Gipfeln in Tirol. Dann wagen die feschen Jungs eine zweite Coverversion, dieses Mal interpretieren sie die Zillertaler Schürzenjäger. „Sierra Madre“ kann die ganze Halle mitsingen. Zum Schluss schuhplatteln die Alpenboys eine elektrolastige Lady-Gaga-Version eines Stücks, das „I Wui“ heißt.
Monika und Thomas stehen auf und singen mit, die Omis klopfen sich auf die Schenkel. Schlager ist, wenn aus „We Will Rock You“ plötzlich „ZickezackeZickezackeHoiHoihoi“ wird, und es keiner gemerkt hat.
Bei Andrea Berg liegt man sich in den Armen
In glitzernden Animal-Print-Leggins, weißer Bluse und einem Mikrofon bestückt mit blauem Strass dirigiert Andrea Berg routiniert ihre Fans. „Die Gefühle haben Schweigepflicht“ ist natürlich nur im übertragenen Sinn gemeint. Die Ränge stehen, im Innenraum liegt man sich in den Armen. „Du, es ist wunderschön“, befindet Andrea.
Während sie die Schuhe auszieht und barfuß auf die Boxen am Bühnenrand springt, zeichnen blinkende Haarschleifen die Wege durch die Menge. Im Mittelrund schwärmt es zur Bar, zur Bühne, von ganz hinten nach vorne, zurück zu den Ausgängen. Atemlos durch die Arena.
Alle warten auf Roland Kaiser
Die zweite Frau des Abends, die aus der DSDS-Retorte entsprungene Beatrice Egli, klettert nicht auf der Bühne herum. Sie lässt sich lieber von einer Windmaschine anblasen. Dann kommt DJ Ötzi mit seinem lustigen Strickmützchen. Der Anton, der Stern, Après-Ski, Hüttengaudi. Unten feiern sie ihn, die Damen auf den Rängen ertragen es, weil sich die Schlagernacht endlich ihrem Höhepunkt nähert.
Dann ist er endlich da. „Was du mir gibst hab ich niemals zu träumen gewagt, du hast in mir ein erloschenes Feuer entfacht“ – zitternd singen sie die Zeilen mit. Dem Publikum bleibt nach sechs Stunden Konzertmarathon endgültig den Atem weg. In einem seiner Hits singt Roland Kaiser „Ich glaub’ es geht schon wieder los und wird auch nie vorbei sein“. Er hat natürlich recht.




