Häuser im Gründerzeitstil reihen sich aneinander, links sitzen einige Figuren unter einer Markise in einem Restaurant, rechts lehnen ein paar Räder an einem Gestänge. In der Straße fährt kein Auto. Die Sonne scheint, die Frauen tragen schulterfreie Kleider, ein verschlafener Sonntag in einer namenlosen Stadt vermutlich.

Das Bild lockt den Betrachter auf die falsche Fährte, man erkennt es auf den zweiten Blick. Rechts die Reklametafel, sie ist von Aki Tatsu, dem japanischen Restaurant, das an dieser Ecke seit einer gefühlten Ewigkeit seinen Platz hat. Auf der Gegenseite ist ein italienisches Lokal, eine Art Vapanio für Touristen.

Friedlich, sogar gemütlich

Als es vor ein paar Jahr öffnete, blank geputzt und in hellen Farben, war es ein weiterer Hinweis auf die Aufwertung in Kreuzberg. Aber so gentrifiziert ist die Oranienstraße, wie dieses Bild es Glauben machen möchte, ist sie dann doch nicht.

Diese Vortäuschung falscher Tatsachen verantwortet Fabrice Moireau. Der Franzose hat bereits Impressionen einiger anderer Städte gemalt – London, Paris, Rom, New York –, nun ist Berlin mit dem knapp 100-seitigen Bildband dran. Es ist verdächtig leichte Kost. Es zeigt Berlin in den Augen eines Postkartenzeichners. Es nervt in seinem süßlichen Optimismus.

Anarchistische Tonalität

Der Hackesche Markt, der U-Bahnhof Schönhauser Allee, das ICC, das Sowjetische Ehrenmal in Treptow verwandelt Fabrice Moireau in Orte der Ruhe und Beschaulichkeit. Das ist Kitsch, er ist belanglos, das kann weg, ist der erste (und auch zweiter) Gedanke beim Durchblättern. Andererseits, das ganze Unterfangen hat auch etwas Subversives.

Die heiter-possierliche Tonalität und die opimistisch-helle Farbgebung sind, gerade weil sie wie aus einem fernen Jahrhundert zu kommen scheinen, anarchistisch. Nichts könnte 2015 mehr Anti-Mainstream sein als Berlin, deren Bewohner ja auch immer ein wenig stolz auf die Kaputtheit sind, als friedlich, idyllisch, im schlimmsten Fall als gemütlich darzustellen.

Wo sind nur all die Touristen? Die Oranienstraße einmal ganz leer und einladend
Wo sind nur all die Touristen? Die Oranienstraße einmal ganz leer und einladend © © Fabrice Moireau | © Fabrice Moireau

Wo die Kunst der Moderne sich darum bemüht, die „Schattenseite“ der modernen Gesellschaft zu zeigen („der Künstler deckt schonungslos auf“ ist dabei das übliche Stereotyp) und auf diese Weise ihre leichten Siege einfährt, geht Fabrice Moireau den entgegengesetzten Weg. In seinem naiv-romantischen Stil ist er nahe an den Fünf-Euro-Malern, deren getupfte Gemälde an der Adria angeboten werden.

Und doch macht er es etwas komplett Anderes: Wie die französischen Impressionisten Mitte des 19. Jahrhunderts geht Fabrice Moireau raus aus dem Atelier und malt das Stadtleben, so wie er es sieht, so wie er es erlebt. Es wird nicht getupft, sondern gezeichnet.

Von den Impressionisten hat er nicht die Pinselführung übernommen, also diese kurzen, kommaförmigen Stöße, aber deren unverfrorenen Romantizismus und Streben nach Realismus.

Ohne Müll und Gewusel ist die Stadt echt schön

Denn natürlich ist Fabrice Moireau ein Realist. Wenngleich ein Realist, der ein paar Dinge ausblendet. Er übersieht das Gewusel der Stadt, seinen Müll, seine latente Aggressivität. Seine Bilder sind fast immer menschenleer, was denen gefallen wird, die behaupten, Berlin sei schon toll, wären da nicht die Berliner.

So verschönert sich die Sicht von der Karl-Liebknecht-Straße Richtung Alexanderplatz, wenn sie sich auf die Marienkirche konzentriert und den Fernsehturm und das Park-Inn-Hotel als Schatten verblassen lassen. Und wenn man das Kulturforum mit Moi­reaus Augen sehen könnte, dann würde man diesen traurigen Ort viellecht sogar lieb gewinnen.

Idyllisch: der Freischwimmer
Idyllisch: der Freischwimmer© © Fabrice Moireau | © Fabrice Moireau

Leichtes Spiel hat Fabrice Moireau an den Plätzen, die ohnehin malerisch sind: der Wannsee, die Britzer Mühle, der Friedhof in Weißensee. Gezeigt hat ihm die Stadt Boris von Brauchitsch, der auf den ersten Seiten „Eine kurze Reise durch die Geschichte Berlins“ verfasst hat.

Ein schöner, komprimierter Text über die Stadtgeschichte, der auch Berlins Weg zur größten Industriestadt des Kontinents am Ende des 19. Jahrhunderts erzählt und hilfreich für die Leser ist, die all die Friedrichs und Wilhelms in Preußens Geschichte immer durcheineinander bringen.

Am Reichstag weht die belgische Flagge

Ein halbes Dutzend Mal hat Fabrice Moireau die Stadt besucht. Morgens um fünf Uhr sei der Franzose aufgestanden, erzählt Boris von Brauchitsch, und ohne Frühstück habe er das Hotel verlassen, da es zu dieser nachtschlafenden Zeit kein Essen anbietet. Wenn er ihn dann um zehn Uhr getroffen hat, habe Fabrice Moireau seine erste Skizze schon fertiggestellt.

Detailgetreu hat er die Stadt abgebildet, facettenreicher und akkurater als ein Fotograf sie festzuhalten vermag. Nur bei der deutschen Flagge auf dem Reichstag hat er die Farbkombination schwarz-gelb-rot gewählt. Berlin kommt einem in diesem Moment belgisch vor.