Als der schwarze Vorhang mit dem vierbuchstabigen Band-Logo fällt, bricht am Mittwochabend die Hölle los in der O2 World in Friedrichshain. Laserblitze greifen zuckend durch die Halle. Flammenwerfer züngeln hitzig im Takt. Böller detonieren und gleißende Feuerwerkskörper zischen über die Bühne.

Und mittendrin in diesem überbordenden Feuerzauber stehen die vier Musiker der amerikanischen Glam-Hardrocker Kiss mit ihren schwarz-weiß geschminkten Horror-Clownsfratzen, in schwarzledernen, nietenbesetzten Phantasiekostümen samt gefährlich hoher Plateausohlen und hämmern rund 8000 Besuchern ihren Song „Detroit Rock City“ um die Ohren.

Als Kiss in den 70er-Jahren mit ihrem pubertären Mummenschanz auf der Bildfläche erschienen, wurden sie gerühmt und belächelt gleichermaßen. Sie traten nie ohne Verkleidung auf. Sie gaben ihren Kunstfiguren die Namen „The Demon“ , „The Starchild“, „The Spaceman“ und „The Catman“. Sie spielten einen rüden Rock ’n’ Roll von erschütternder Schlichtheit. Man hat sie als „kriminell repetitiv und tumb monoton“ kritisiert. Sie machten aus der Rockbühne einen Rummelplatz samt Geisterbahn und Kuriositätenkabinett. Aber sie versammelten über die Jahre auch eine der treuesten Fangemeinden des Showgeschäfts um sich, die als „The Kiss Army“ firmiert. Und die ihnen über Höhen und Tiefen bis heute die Treue hält.

Kiss ist Kult, Kiss ist Party

Viele geschminkte Gesichter sind im Publikum auszumachen. Manche haben sich sogar mit einem kompletten „Demon“ -Outfit ausstaffiert, samt Brustpanzer und Fledermausumhang. Und gefühlt jeder zweite hier, ob jung oder alt, trägt ein Kiss-T-Shirt. Kiss ist Kult. Kiss ist Party. Kiss sorgt eineinhalb Stunden lang für ausgelassenes Staunen. „Deuce“ spielen sie und „ Psycho Circus“. Der Sound ist bestens, die Lautstärke enorm, der pyrotechnische Einsatz von verschwenderischem Ausmaß. Die imposante Bühne mit ihren gestochen scharfen LED-Bildwänden, Scheinwerferbatterien und hydraulischen Podesten nimmt die ganze Hallenbreite ein.

Der im Verlauf der Show Feuer spuckende Bassist Gene Simmons („The Demon“) und Gitarrist Paul Stanley („The Starchild“) sind seit der Bandgründung 1973 dabei. Nach diversen Besetzungswechseln gehören, nun auch schon seit vielen Jahren, Gitarrist Tommy Thayer in der Rolle des „Spaceman“ und Schlagzeuger Eric Singer als „Catman“ zur Cast. Gemeinsam inszenieren sie eine Rock’n’Roll-Revue, bei der an nichts gespart wurde. Nun ja, ein wenig vielleicht bei der Musik. Im Vergleich zu manchen Kollegen haben Kiss einen großen Vorteil.

Man sieht ihnen hinter all der Schminke ihr Alter nicht an. Simmons ist 65 Jahre alt, Paul Stanley 63, die anderen beiden sind in ihren Fünfzigern. In gespieltem jugendlichem Übermut staksen die routinierten Musiker übers Areal. Man hört freilich, wie sie sich bei manchen Stücken stimmlich etwas schwer tun. Aber egal. Der Stimmung tut das keinen Abbruch. Bei „I Love It Loud“ skandiert alles „He, He, He, Hey, Yeah“. Und irgendwann schwebt Paul Stanley bei „Love Gun“ tatsächlich über die Köpfe des Publikums Richtung Hallenmitte, wo er auf einem Podest am Mixer einfach weiterspielt.

Nach einem Karriereknick Anfang der Achtziger hatten Kiss beschlossen, einige Zeit lang unmaskiert aufzutreten. Ein Marketing-Coup, der ihnen wieder mehr Umsatz bescherte. Ein paar Platten später kehrten die Kiss-Fratzen aber zurück. Zwanzig Studioalben haben sie in ihrer Karriere veröffentlicht. Mehr als 100 Millionen Platten haben sie verkauft. Außerdem sind Kiss Rekordhalter: In den USA sind sie die Band mit den meisten goldenen Schallplatten. Weltweit stehen sie auf Platz drei, hinter den Beatles und den Rolling Stones. Und doch haben sie es erst im vergangenen Jahr geschafft, in die „Rock ’n’ Roll Hall of Fame“ aufgenommen zu werden.

Mit Schlächterbeil und Kunstblut

Für sein Bass-Solo vor „God of Thunder“ hängt sich Simmons, der Mann mit der längsten Zunge des Rock ’n’ Roll, ein Instrument in Form eines Schlächterbeils um. Er hämmert kurz und knackig in die Saiten. Er blickt in seinem Kabuki-Comic-Gesicht grimmig in die Ferne. Und spuckt im giftgrünen Scheinwerferlicht, alle haben darauf gewartet, mit Kunstblut um sich. Bisschen eklig, aber kommt immer wieder gut an.

Kiss haben in den 70er-Jahren den Grundstock gelegt für den Stadionrock der Achtziger. Sie haben stilistisch immer wieder Haken geschlagen, vom derben Hardrock zum seichten Pop, ja selbst mit einem Symphonieorchester haben sie mal angebandelt. Heute verwalten sie, auch mit den neuen Stücken, geschäftstüchtig ihre große Vergangenheit. Ein kleines bisschen „Rocky Horror Show“ mit Monstern zum Knuddeln und einer bewegungsintensiven Musik, die in ihrer klassischen Einfachheit vertraut und eingängig daherkommt.

Und dann geht die atemlos machende Show mit „Black Diamond“ und noch einmal jeder Menge Pyrotechnik-Einsatz in ihr Finale. Der Feuerwerker ist genau genommen das fünfte Bandmitglied. Doch erst bei den Zugaben holen Kiss ihre großen Hits hervor: das polternde „ Shout It Out Loud“, den Disco-Ausrutscher „I Was Made For Lovin‘ You“, der zu ihrem größten Erfolg wurde, und die juvenile Hymne „ Rock and Roll All Nite“, bei der noch einmal alles aufgefahren wird, was der Entertainment-Fundus hergibt, samt Schwebebühne und Konfettikanone. Das Publikum überschüttet seine Helden mit dankbarem Jubel. Und wir warten auf das Kiss-Musical am Broadway.