Sammler

Ein Kunstliebhaber mit Vision - Heiner Pietzsch wird 85

Der Berliner Sammler und Mäzen Heiner Pietzsch feiert heute seinen 85. Geburtstag. Sein Traum einer Galerie des 20. Jahrhunderts wird am Kulturforum wahr.

Foto: dpa Picture-Alliance / Britta Pe / pA/DPA/Britta Pedersen; Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Es war einmal in Dresden im Jahre 1946: Eine Klasse Halbwüchsiger besuchte eine Ausstellung. Da fragte die Lehrerin einen der Schüler: „Ist das entartete Kunst?“ Die Antwort des Knaben: „Klar ist das entartet!“ Doch es zog den 16-Jährigen immer wieder zurück zu diesen Bildern, ein Dutzend Mal ging er noch alleine hin. Dieser Schüler war Heiner Pietzsch, und er hatte sich infiziert. „Ich bin ein Kriegskind, ich brauchte Farbe und Sinnlichkeit“, bekannte Heiner Pietzsch später.

Dresden, dessen Untergang er selbst miterlebt hatte, lag in Schutt und Asche. Der Alltag seiner Kindheit und frühen Jugend war grau. Grau schien zunächst auch seine berufliche Zukunft, eine Elektrikerlehre. Heiner Pietzsch fand den Beruf schrecklich und merkte später mit dem ihm eigenen Humor dazu an: „Wären mehr Leute wie ich Elektriker geworden, hätte Berlin zur Gasbeleuchtung zurückkehren müssen“. Welch Glück für Berlin, dass es anders kam!

Die Kunstwerke sind ihre Kinder

Dieses Schlüsselerlebnis aus dem Jahre 1946 war gewissermaßen die Initialzündung für den Aufbau einer Privatsammlung der Spitzenklasse. Die Beziehung von Heiner Pietzsch zu seinen Bildern ist dabei eine ganz besondere. So, wie man ein Haus für eine Familie baut, so errichteten Heiner und Ulla Pietzsch 1988 ihr Heim in Grunewald für ihre Sammlung; ihre Kunstwerke sind ihre Kinder. Es ist ein Privileg, das Museum im eigenen Haus zu haben, zu jeder Tag- und Nachtzeit Kontakt mit der Kunst aufnehmen zu können, ganz im Sinne André Bretons, des großen Theoretikers des Surrealismus, der einmal schrieb: „Ich mag Menschen, die sich nachts in einem Museum einschließen lassen, um sich ganz nach ihrem Belieben und zu unerlaubter Zeit ein Frauenporträt anschauen zu können, das sie mittels einer trüben Lampe erhellen“. André Breton hätte sich im Hause Pietzsch wie im Paradies gefühlt!

Ihr Haus ist aber mehr als nur ein Privatmuseum, es ist ein lebendiger Ort der Gastfreundschaft, der Offenheit und des Kunstsinns. Im Zentrum des Hauses ein Wohnzimmer der ganz besonderen Art, ein unvergesslicher Ort des Kunstgenusses. Die Sofas sind so bequem, wie man sie sich für einen Fernsehabend wünscht, aber hier dominieren andere Bilder. Und der Hausherr liebt es, durch seine Sammlung zu führen und zu den Bildern zu erzählen, zu den Künstlern und zu den Geschichten, die sich um ihre Entstehung und ihre Erwerbung ranken. Heiner Pietzsch versteht es, seine Bilder zu lebendigen Zeugen der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts werden zu lassen.

Und wer nicht das einmalige Vergnügen hat, selbst von Heiner Pietzsch in seinem Heim geführt zu werden, der kann ihm längst auch über YouTube an den Lippen hängen, und kombiniert mit MySpace-Website und Twitter ist Heiner Pietzsch inzwischen auch im Multimediapaket komplett verfügbar. Das Großartige an dieser Sammlung ist, dass sich in ihr zwei Stränge verbinden: die europäische Tradition des Surrealismus der 20er- und 30er-Jahre und das, was nach der Emigration in die USA an Neuartigem daraus entstanden ist. Die Sammlung Pietzsch beleuchtet damit eine entscheidende Nahtstelle in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts: Es ist nichts Geringeres als der Übergang zur Nachkriegsmoderne, ohne die auch die heutige Zeitgenossenschaft nicht zu verstehen ist. Die Ausstellung „Bilderträume“, die die Sammlung Pietzsch 2009 in der Neuen Nationalgalerie zeigte, war ein großartiger Erfolg.

Sie legte auch offen, wie passgenau sie sich hier einfügt. Die Sammlung Pietzsch ist eine Privatsammlung von nationaler Bedeutung, deshalb kann der ihr angemessene Ort nur die Nationalgalerie sein, und die ist in Berlin. Die Anfänge der Nationalgalerie stehen für ein sich grundlegend wandelndes Umfeld von Kunst und Kultur. Kunst wurde nicht mehr in Residenzen und an Höfen gesammelt, sondern von einem wohlhabenden und selbstbewussten Bürgertum, das im Zuge der Industrialisierung entstanden war.

Joachim Heinrich Wagener war der erste große Mäzen, und mit seiner bedeutenden Schenkung 1861 legte er den Grundstein für die Nationalgalerie. Seine treffliche Sammlung deutscher, französischer und belgischer Maler war allerdings mit der Auflage verknüpft, sie an einem öffentlichen Ort allen Kunstfreunden zugänglich zu machen, damit „eine nationale Galerie herauswachsen möge“. Wageners Wunsch ging in Erfüllung.

In dieser Tradition steht auch die Schenkung von Heiner und Ulla Pietzsch an das Land Berlin zur Überlassung an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Denn auch Heiner Pietzsch will nicht nur schenken, sondern er möchte, dass dabei etwas „herauswächst“, eine Galerie des 20. Jahrhunderts. Heiner Pietzsch will damit auch die Wunden des barbarischen Bildersturms der Nazis heilen helfen. Das ist es, was wirklich großes Mäzenatentum ausmacht! Die wunderbaren Bestände der Neuen Nationalgalerie zusammen mit den Surrealisten und abstrakten Expressionisten der Sammlung Pietzsch in ihrer ganzen Fülle dauerhaft zu präsentieren, dazu die Bestände des Hamburger Bahnhofs aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit den Sammlungen von Erich Marx und Egidio Marzona, von Brücke bis Beuys gewissermaßen, das ist die Vision, die hinter der Schenkung von Heiner Pietzsch steht, um Berlin als Kunststadt in eine ganz neue Dimension zu katapultieren.

Neues Museum am Kulturforum

Und dieser Traum wird wahr. Im November vergangenen Jahres hat der Bundestag 200 Millionen Euro für die Errichtung eines solchen Hauses am Kulturforum bewilligt, in diesem Jahr wird der Wettbewerb starten, und schon bald werden sich dort die Baukräne drehen. Dass das so ist, daran hat auch Heiner Pietzsch Anteil.

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz dankt Heiner Pietzsch und seiner Frau Ulla für langjährige Unterstützung, für Treue und Freundschaft. Ihre Schenkung schließt nahtlos an das Mäzenatentum an, das für Berlin vor 1933 so typisch war, und sie wird zu den ganz großen Taten in der langen Geschichte der Berliner Museen gehören. Davor verneigen wir uns aus Respekt und Zuneigung. Gesundheit, Glück und Erfolg, lieber Heiner, ad multos annos!

Unser Autor Hermann Parzinger ist Präsident der Berliner Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Der gebürtige Münchner, Jahrgang 1959, ist Prähistoriker und ein Spezialist für die Kultur der Skythen.

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