„Jutta Hartmann“

Wie sich die Futschi-Queen im Hipster-Kiez behauptet

Ob auf der Bühne oder im Comedybus: Die Neuköllner Kneipenwirtin Jutta Hartmann ist allgegenwärtig. Doch wer ist eigentlich Bob Schneider, der hinter der Kunstfigur steckt? Eine Begegnung.

Foto: Montage: David Heerde / David Heerde/Andreas Riedel; Montage: David Heerde

Jutta rennt! Dabei startet der Berlin-Marathon erst Ende September. Doch für Jutta Hartmann, die potente, upps, patente Kneipenwirtin aus der Nogatstraße, hat der Dauerlauf bereits begonnen. Es ist ein komödiantischer Marathon, der die Neuköllner Futschi-Queen fast allabendlich nach Kreuzberg führt, ins BKA-Theater. Als Teil der schrillen Ades Zabel Company steht sie in „Hostel Hermannstraße“ ihre Frau, gemeinsam mit der unverhofft zu Reichtum gelangten Hartz-IV-Königin Edith Schröder (Ades Zabel) und Leggins-Boutique-Betreiberin Brigitte (Biggie van Blond). Im neuen Hipster-Kiez Nord-Neukölln versuchen sie sich als Hoteliers bzw. Hoteliösen zu behaupten.

Wie alle Heldinnen des so trashigen wie erfolgreichen „Neuköllnicals“ ist Jutta Hartmann eine Kunstfigur. Der Mann, der sie erfunden hat, kommt privat eher sachlich daher. Bob Schneider verbindet auf den ersten Blick nichts mit seiner Rolle, die von der Aufmachung her dem „Denver-Clan“ entsprungen scheint. Schneider ist Comedian, Schauspieler, Sänger – und Damendarsteller. „Mit Travestie oder gar Transsexualität hat das nichts zu tun.“

Tatsächlich vergisst das bunt gemischte Publikum im BKA nach wenigen Minuten, dass hier Männer als Frauen auftreten. Viel wichtiger in den Shows ist die liebevolle Milieuschilderung. Volkstheater im besten Sinne ist das. Es wirkt bei aller Komik so authentisch, dass man Jutta, Edith und all die anderen für echte Wesen aus Neukölln hält.

Mit Jutta auf großer Fahrt

Dass man Jutta ernster nimmt als geplant, diese Erfahrung macht Bob Schneider mitunter auch tagsüber, wenn das Publikum mit Reiseleiterin Jutta auf große Fahrt geht. „Juchhe auf der Spree“ mit der Comedy-Sightseeing-Bootstour auf der MS Köpenick durch Berlins Mitte. Oder mit dem Bus: Die „Tour de Jutta“ führt diesen Sommer durch „Balkonien“. Dabei lautet das Motto: Wer kann am schnellsten die Balkonkästen bepflanzen? „Als erster Preis winkt ,Jutta ihr grüner Daumen’, eine Samenbombe mit Gießkanne“, schildert Schneider die schräge Tour, die an der Schöneberger Motzstraße startet – mit freundlicher Unterstützung der Berliner Sparkasse.

Geschäftssinn beweisen Jutta und Bob in Sachen Merchandising. Souvenirs wie ein Tee namens „Auf 180“ oder der Beutel mit der Aufschrift „Ich bin dann mal Futschi“ könnten demnächst auch im Online-Shop vertrieben werden. Bob Schneider hat einen Stadtführer „Jutta und ihr Neukölln“ herausgebracht sowie zwei „Futschi Deluxe“-Bücher: eines mit den besten Rezepten aus Neuköllns Kneipenküche (z.B. Dönertoast, „Bockwurst naturelle“ und Futschi). Das andere mit Lifestyle-Tipps aus Neukölln – mit Juttas Hilfe hat man für jeden Anlass das passende Outfit, Hauptsache mit Strass und Schulterpolstern...

Wie Futschi schmeckt, der legendäre Eckneipen-Cocktail aus Cola und Chantré, bzw. „Schantre“, wie der Berliner sagt, weiß Bob Schneider. „Ich muss als Reiseleiterin ja am Ende mittrinken. Allerdings nur die kleine Portion, als Futschini“. Schneider hat mit futschiqueen.de den ersten Comedy-Lifestye-Blog aus Neukölln ins Leben gerufen.

„Wir wollten zum Film“

Auch wenn alles nur Spiel ist, eine Frage stellt sich schon: Wie viel Jutta steckt in Bob? „Eigentlich nicht so viel. Aber es sind natürlich eine Menge Erfahrungen und Beobachtungen in die Figur eingeflossen.“ Der Ur-Berliner, der sein Alter nicht verrät („in den besten Jahren“) wuchs in Charlottenburg unweit des „Stutti“ auf. Was die Schauspielerei betrifft, ist er familiär nicht vorbelastet. Der Vater arbeitete bei der Gasag, die Mutter als Verkäuferin bei Wertheim am Kudamm.

Der Sohn entdeckte in den wilden 80ern sein komisches Talent mit der Teufelsberg Produktion, damals schon gemeinsam mit Ades Zabel. „Wir wollten zum Film“ beschreibt Schneider die Beweggründe von damals. Underground-Streifen wie „Drei Drachen vom Grill“ entstanden, die Bühnenshows wurden anfangs nur als Beigabe zu den Filmpremieren entwickelt. „Zum Schluss blieb nur noch die Bühne übrig“, so Schneider.

Immerhin hat er Anfang der 90er, „als erster Student aus dem Westen“, ein Filmstudium an der Filmhochschule Babelsberg absolviert. Eine Doku, in der er als Filmcutter arbeitete, erhielt sogar den Grimme-Preis: „Die Bühnenrepublik“, ein Fernsehfilm über Theater in der DDR.

Eine Show der Ades Zabel Company könnte bald ins Kino kommen. Die Weihnachtsproduktion „Wenn Ediths Glocken läuten“ wurde gerade verfilmt. Per „Krautfunding“ kamen stolze 16.000 Euro zusammen, sodass an original wirkenden Schauplätzen gedreht werden konnte. Etwa eine Wohnung in der Neuköllner Weserstraße oder die Charlottenburger Kneipe, die als Jutta Hartmanns Lokal fungiert.

Von Kladow nach Neukölln

In Neukölln hat Bob Schneider nie gewohnt. Seit einigen Jahren lebt er mit seinem Freund im fernen Kladow. Um sich nach den Shows am Mehringdamm als Nichtautofahrer den langen Heimweg zu sparen, hat er auch in Kreuzberg eine Unterkunft. Warum dreht sich also alles um Neukölln? Dass es diesen Bezirk getroffen hat, sei eher Zufall gewesen, meint er: „Als wir in den 90ern Figuren wie Edith und Jutta erfanden, war Neukölln noch eher so kleinbürgerlich wie heute viele Ecken in Spandau.“

Nun erlebt der Bezirk einen atemberaubend rasanten Aufschwung. Kann es sein, dass Jutta Hartmann irgendwann Neukölln verlassen muss? Eine interessante Frage, so Schneider: „Vielleicht muss sie nach Spandau umziehen? Oder sie macht auf Mallorca eine Kneipe auf, so ähnlich wie die Katzenberger?“ Nicht unwichtig für künftige Shows könnte auch sein, ob die Protagonistinnen unbemannt bleiben sollten wie bisher.

Doch erst mal freut sich Bob auf sein Programm, das er wieder als Jutta Hartmann am 14. Oktober zur Premiere im BKA bringen wird. „Manchmal möchtet Ihr schon mit mir“ frönt, zur Tastenbegleitung von Volker Sondershausen, dem deutschen Schlager der 80er-Jahre. Desiree Nick gibt dabei ihr Debüt als Regisseurin: „Sie hatte viele Anfragen aus der Branche, entschied sich aber für dieses Projekt“, freut sich Schneider auf die Zusammenarbeit mit der Entertainerin, die er seit vielen Jahren kennt und schätzt. „Durch ihre Weltkarriere hatten wir uns aus den Augen verloren.“

Zwischen Schlager und Kalligraphie

Der Abend soll nicht nur als Parodie rüberkommen. Auch privat schätzt Schneider durchaus den Schlager. An Andrea Berg etwa mag er das Unperfekte, deswegen hat er sich sehr mit ihren Liedern befasst. Und mit Roland Kaiser, „der ist für West-Berlin ein Muss!“

Schneiders musikalische Interessen sind, bis auf Klassik, weit gefächert. Mit der Band Wild Roses intonierte er schon Rocksongs. In der knappen Freizeit widmet er sich, angeleitet von einem Zen-Mönch, der asiatischen Kalligraphie. Zudem übt er MBSR, ein Programm zur „achtsamkeitsbasierten Stressreduktion“. Kein Zufall, dass man auch bei Jutta Hartmann jüngst esoterische Anwandlungen beobachten konnte.

Foto: Jörn Hartmann

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.