Leitartikel

So politisch war das Berliner Theatertreffen lange nicht

Flankiert von Horrornachrichten von gekenterten Flüchtlingsbooten im Mittelmeer und der Diskussion über die Unterbringung von Asylbewerbern, hat die 52. Ausgabe des Festivals harte politische Kost geboten.

Foto: Stephanie Pilick / dpa

So politisch wie in diesem Jahr war das Berliner Theatertreffen schon lange nicht mehr. Flankiert von Horrornachrichten von gekenterten Flüchtlingsbooten im Mittelmeer und der Diskussion über die Unterbringung von Asylbewerbern, wurde die 52. Ausgabe des Festivals mit „Die Schutzbefohlenen“ eröffnet. Auf der Bühne: Lampedusa-Flüchtlinge, die in der Inszenierung von Nicolas Stemann ihre Stimme erheben. Die Textgrundlage hatte Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek geliefert, hinterher wurde Geld gesammelt für den Wiederaufbau des „Hauses der 28 Türen“, das bis zu seiner Zerstörung Ende März auf dem Oranienplatz in Kreuzberg stand und ein Veranstaltungsort für in Berlin lebende Flüchtlinge war.

Und zum Schluss, am heutigen Sonntag, gastiert das Residenztheater München mit Frank Castorfs „Baal“. Es gibt lediglich eine Vorstellung – und das ist die allerletzte, das war der Kompromiss mit den Brecht-Erben: Die hatten vor Gericht gegen die aus ihrer Sicht unzumutbaren, weil das Werk verfremdenden Texteinschübe geklagt und wollten die sofortige Absetzung der Aufführung erreichen.

Ein Streit ums Urheberrecht also, der im 21. Jahrhundert angesichts der ästhetischen Tendenzen im Theater anachronistisch anmutet. Dass der Zuschauer auf der Bühne einen Text in voller Länge und ohne Einschübe zu sehen bekommt, ist im bundesrepublikanischen Theater – anders als im angelsächsischen Raum – eher die Ausnahme. Regietheater nennt man das.

Ein Autor wie Wolfram Lotz berücksichtigt das schon in seiner Vorlage. In der Vorrede zu „Die lächerliche Finsternis“ schreibt er: „Da es sich um ein Hörspielskript handelt (…), bedarf es bei einer etwaigen Umsetzung auf einer Bühne einer umfassenden Transformation. Veränderungen in der Dramaturgie, Streichungen, das Einfügen von Fremdtexten o.Ä. in größerem Maße sind daher nicht nur erlaubt, sondern ratsam.“

Postdramatik kann richtig Spaß machen

Ein kluger Mann. Der in seinem Text ausgesprochen unterhaltsam auch darüber reflektiert, wie politisch Theater eigentlich sein kann. Regisseur Dusan David Parízek hat das bei der Uraufführung am Wiener Burgtheater sehr ernst genommen und gleichzeitig wunderbar überhöht. Seine Inszenierung war ein Höhepunkt des Festivals – und auch ein Kommentar dazu. Und sie hat gezeigt: Postdramatik kann richtig Spaß machen.

Natürlich kann, muss man streiten über die Auswahl der „zehn bemerkenswertesten“ Aufführungen, das ist das diskussionseinladende Kriterium. Die Jury debattiert, bevor sie sich entscheidet. Die Zuschauer tauschen sich nach der Aufführung vorzugsweise im Garten des Festspielhauses aus. Auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters kam vorbei. Sie weiß um die Wichtigkeit dieses Festivals, aber auch, dass kleinere Bühnen selten eingeladen werden. Um vorzugsweise die zu stärken, stellt der Bund eine Million Euro für einen Theaterpreis zur Verfügung. Ein tolles kulturpolitisches Signal.

In diesem Jahr gab es viele Uraufführungen, viele junge Regisseure, viel Performatives, auch Innovatives. Das Theater lebt. Die Auswahl des Theatertreffens hat das gespiegelt.

Und zugleich vieles nicht berücksichtigt. Wie Arbeiten von kleineren Bühnen. Stellvertretend für die Enttäuschten steht Jette Steckel, die in Berlin regelmäßig am Deutschen Theater inszeniert. Am Hamburger Thalia Theater, ihrer zweiten künstlerischen Heimat, hat sie „Die Tragödie von Romeo und Julia“ inszeniert. Anders als viele ihrer Regiekollegen nimmt sie die größte Liebesgeschichte aller Zeiten ernst. Und findet die entsprechenden Bilder. Mut zum Gefühl, zur großen, nicht ironisch gebrochenen Geste. Ein Theaterabend, von dem man lange zehrt. Und ein Erlebnis, mit dem man einige postmoderne Inszenierungen dieses Shakespeare-Stückes locker durchstehen kann. Eine Arbeit, die nach Berlin gehört. Zumindest als Gastspiel.