Inszenierungen

52. Theatertreffen bietet harten politischen Stoff

Die eingeladenen Theatermacher widmen sich in ihren Kreationen und Interpretationen Themen wie Flucht, Rassismus und Krieg. Es gibt keine Komödie und kaum Klassiker. Ein Festival der Uraufführungen.

Foto: Thomas Aurin

Es ist ein wütender Text, den Elfriede Jelinek verfasst hat. „Die Schutzbefohlenen“ bezieht sich auf das 2500 Jahre alte Drama „Die Schutzflehenden“ von Aischylos. Doch die Literaturnobelpreisträgerin aus Österreich meint eine sehr aktuelle menschliche Tragödie.

Täglich spielt diese sich an den Grenzen Europas ab. Als Antwort auf die Besetzung der Wiener Votivkirche durch Asylsuchende aus Pakistan schrieb Jelinek Anfang 2013 ihre Anklage gegen das Versagen einer Zivilisation, die humanitäre Werte propagiert, diese aber jenen Menschen vorenthält, die Zuflucht suchen in der Festung Europa.

Nun eröffnet „Die Schutzbefohlenen“ in einer Aufführung des Hamburger Thalia Theaters das diesjährige Theatertreffen in Berlin. Nicolas Stemann inszenierte Jelineks Stück nicht nur mit Schauspielern. Sondern auch mit einem Chor aus afrikanischen Flüchtlingen, die über die italienische Insel Lampedusa nach Hamburg kamen, wo sie Unterkunft in der St.-Pauli-Kirche fanden.

Ausgehend von Elfriede Jelineks Stück widmet sich das bedeutendste Festival des deutschsprachigen Theaters ausführlich dem Flüchtlingsthema. Im Anschluss an die Vorstellungen lädt das Theatertreffen zu Tischgesprächen mit Vertretern der Kampagne „My right is your right“, am Sonnabend, den 2. Mai, gibt es ab 14.30 Uhr einen Thementag.

Zehn Inszenierungen aus 379 Produktionen ausgewählt

Ein Festival bezieht Stellung. Das 52. Theatertreffen ist sicher das politischste seit vielen Jahren. Überhaupt bieten die zehn Inszenierungen, die von der Jury in zwölf Monaten aus 379 Produktionen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz ausgewählt wurden, ziemlich harten Stoff.

Keine Komödie, kaum Klassiker, viele neue Gesichter: Es sei ein Festival der Uraufführungen und der Debütanten, so Festival-Leiterin Yvonne Büdenhölzer. „Die eingeladenen Theatermacher widmen sich in ihren Interpretationen und Kreationen großen gesellschaftspolitischen Problemen wie Krieg, Flucht und den dadurch bedingten Traumata.“

Die dabei immer wieder auftauchende Frage „Was können wir tun?“ bezieht sich nicht nur auf unseren Willen und unsere Fähigkeiten, Hilfe zu leisten. Sondern nicht zuletzt auf die Möglichkeiten des Theaters, gerade wenn es den Betroffenen selbst eine Bühne bietet.

Erinnerungen an den blutigen Balkan-Konflikt

„Wir können euch nicht helfen, wir müssen euch ja spielen“, heißt es an einer Stelle in „Die Schutzbefohlenen“. Das komplexe Verhältnis zwischen Sein und Spielen hat auch Yael Ronen zum Thema gemacht in dem Stück, dass die israelische Regisseurin gemeinsam mit sieben Schauspielern, darunter fünf aus dem ehemaligen Jugoslawien, am Berliner Maxim Gorki Theater entwickelte. In „Common Ground“ geht es um die persönlichen Erinnerungen an die blutigen Balkan-Konflikte der 90er-Jahre. Immer hinterfragt das Theater dabei die eigene Perspektive.

„Das ist ja nur ein Text!“ ruft auch der somalische Pirat in „Die lächerliche Finsternis“. Man dürfe das nicht verwechseln mit dem, was in der Wirklichkeit geschieht! Das Stück von Wolfgang Lotz, uraufgeführt am Wiener Akademietheater, erzählt vom Irrsinn der globalisierten Welt, spielt ironisch mit Rassismus und political correctness. Macho-Gehabe konterkariert Regisseur Dušan David Pařízek, indem er auf eine rein weibliche Besetzung setzt.

Ein Frauenstück ist die zweite eingeladene Produktion des Akademietheaters Wien: „die unverheiratete“ von Ewald Palmetshofer erzählt vom Zwist in der Familie einer Denunziantin, die in den letzten Kriegstagen in Oberösterreich einen jungen Soldaten als vermeintlichen Deserteur an den Galgen brachte. Regisseur und Bühnenbildner Robert Borgmann lässt die Beteiligten symbolhaft in brauner Erde wühlen.

Vom Clinch der Generationen

Vom qualvollen Graben in der Familiengeschichte handelt auch „Das Fest“ vom Staatstheater Stuttgart, Christopher Rüpings Adaption des berühmten Films des dänischen Dogma-Kinos, in dem es um Kindesmissbrauch geht. Der Clinch der Generationen ist ebenso ein Thema in Karin Henkels Inszenierung von Ibsens „John Gabriel Borkman“ am Schauspielhaus Hamburg. Aus Ibsens Naturalismus macht die Regisseurin, die das Familiendrama in einen Bunker (oder eine Gruft?) verlegt, eine grelle Groteske.

Wie im vergangenen Jahr sind die Münchner Kammerspiele mit einer Inszenierung von Susanne Kennedy beim Theatertreffen vertreten. Mit ihren Mitteln des Maskenspiels und Playbacks adaptierte sie den Film von Rainer Werner Fassbinder und Michael Fengler „Warum läuft Herr R. Amok?“.

Fassbinder, der im Mai 70 Jahre alt geworden wäre, widmen die Berliner Festspiele einen „Focus Fassbinder“ inklusive der großen Ausstellung „Fassbinder – jetzt“ im Martin-Gropius-Bau. Susanne Kennedys Inszenierung erntete bei der Premiere ebenso Jubel wie wütende Ablehnung. Auch das ist üblich beim Theatertreffen, dass gerne jene Arbeiten einlädt, über die man streiten kann.

Die letzte Vorstellung

Zwiespältig nahm das Publikum im Schauspiel Hannover die Bühnenfassung von Judith Schalanskys Buch „Atlas der abgelegenen Inseln“ auf. Die zahlreichen, nicht miteinander zusammenhängenden Geschichten ließ Regisseur Thom Luz zeitgleich auf drei Etagen im Treppenhaus eines Museums spielen.

In Berlin wird nun das Carl-von-Ossietzky-Gymnasium in Pankow Ort der Aufführung. Ein ganz anderes Problem gab es bei der Einladung von Frank Castorfs „Baal“-Inszenierung vom Münchner Residenztheater. Gegen das Anti-Kolonialismus-Spektakel, das der Berliner Volksbühnen-Intendant aus Brechts Stück macht, hatte der Suhrkamp Verlag als Vertreter der Erben des Dramatikers geklagt. Verlag und Theater einigten sich, dass die Vorstellung beim Theatertreffen die letzte sein wird.

Das Deutsche Theater Berlin ist mit Becketts „Warten auf Godot“ dabei. In Ivan Panteleevs Inszenierung, eine Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen, agieren Samuel Finzi und Wolfram Koch als Wladimir und Estragon ohne jedes Requisit um ein Kraterloch. Als wären sie auf einem fremden Planeten gelandet. Gestrandete in einer Welt, die sie nicht haben will.

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