Redaktions-Tipps

Unsere Hits des Frühlings

Morgenpost-Redakteure stellen ihre Lieblingssongs vor.

Abby: „Streets“ Was könnte ein besseres Lied für einen Sommer in dieser Stadt sein, als eines, das genau aus dieser Stadt kommt? „Streets“ heißt die erste Single vom Album „Friends and Enemies“ der Berliner Band „Abby“. Die vier Jungs sind keine Laptop-Musikanten, sie spielen ihre Instrumente für ihren Hauptstadt-Indie-Sound hingebungsvoll. In „Streets“ verspricht Sänger Filou „I carry you home on my back/ always you on a faster track”. Ein rührendes Versprechen angesichts dessen, dass einer im Leben immer schneller läuft als der andere. Meist im Wechsel, das Nebeneinander ist die Herausforderung. Das Video erzählt eine Geschichte, deren Bilder so wahr sind, dass sie fast von der Musik ablenken. Es beschreibt das Leben einer Frau, Kindheit, Jugend, Liebe, Eifersucht, Sex und spielt mit dem Gedanken, alles rückgängig machen zu können. Jugend ist eben, wenn alles einen Anfang und nichts ein Ende hat. „Streets“ ist das Trotzdem und das Deswegen. Das Hurra des Sommers. Eva Lindner

Roseaux: „Walking on the moon“ Es zupft und trommelt sacht, als Aloe Blacc singt: „Giant steps are what you take...“ Man will dann, dass er nie aufhört – damit dieses schwerelose Gefühl nicht mehr weggeht. Das Lied „Walking on the moon“ (ursprünglich von „The Police“ vor 35 Jahre gesungen) handelt im Grunde von der Grundeigenschaft des Frühlings: dem Anfang. Ob das jetzt Liebe ist, eine blühende Balkonpflanze oder die Joghurt-Frühlingssorte im Kühlregal (Rhabarber-Vanille!). Eine Warnung schickt Roseuax (so heißt Blaccs französische Band) gleich in Zeile drei mit: „I hope my leg don’t break“. Denn die Täuschung steckt in dieser Euphorie drin. Der Rhythmus dieser Swing-Nummer ist dabei so leicht, dass man gebrochene Beine genauso überhört, wie die Warnungen der Freunde im Refrain: „Some say / tomorrow is another day“. Aber der Blick auf Morgen hilft denen, die sich trotz Sonne und Joghurt gerade nicht schwerelos fühlen wollen. Besonders die Zeile: „You stay“. Bleiben kann ja auch ein Neuanfang sein. Sören Kittel

Biffy Clyro: „Black Chandelier“ Eigentlich kam der Hit zu früh, er wäre beinahe erfroren wie eine Blume im Eis. Ausgerechnet in Berlin war das zu sehen, als die Schotten Biffy Clyro im Februar hier spielten: Sänger Simon Neil wurde von einem Trinkbecher getroffen, er stürmte wie ein gefrusteter Eishockeyspieler ins Publikum, um den Schuldigen zu attackieren. Schlechter Auftritt. Aber nun, nach dem Frost, wird das Lied „Black Chandelier“ allen Frust wegpusten. Es ist eine Hymne wie von den Foo Fighters und Coldplay, hätten sie in besten Zeiten gemeinsam gespielt. Ein Liebeslied, natürlich. Darüber, dass sich das Herz anfühlen kann wie ein stehen gelassenes Autowrack. Aber da war doch was? Genau, „I used to be free": Wer nun wieder Cabrio fährt, diese Zeile hört und von einem Pappbecher getroffen wird, könnte lächeln. Und zwar so, dass sich der Werfer davon nicht mehr erholt. Philip Volkmann-Schluck

Phoenix: „Entertainment“ Dieser graue, kalte, fiese, dreckige Winter, lang genug hat er uns gelangweilt. Monatelang haben wir uns Zuhause in Wollsocken auf dem Sofa verkrochen und Ingwertee mit Honig getrunken, damit ist jetzt Schluss. Zeit für Entertainment! Am besten gleich losrennen, nur im T-Shirt und ohne die klobigen Winterstiefel, den zarten Sonnenstrahlen entgegen, stehen bleiben auf einer Wiese, sich umgucken, die ersten Blümchen sehen, und laut mitsingen. Ja, wir gehen wieder raus, wir treffen uns mit Freunden auf ein Bier und trinken es draußen, vor dem Eingang zur Bar. Aus der dieser elegante und mondäne Pop der Lieblingsband aller Hipster, Indie-Mädchen und Menschen mit dem richtigen Musikgeschmack dringt. Mit der Mitsing-Hymne „Entertainment“, die ist der Frühling erschienen. Wenn wir dann morgens nach einer durchtanzten Nacht nach draußen stolpern, werden wir von Sonnenstrahlen und zwitschernden Vögeln empfangen, ganz bestimmt. Jule Bleyer

Madness: „Never knew your name“ Man hat sich kennengelernt, in die Augen geschaut, gelacht und sich verknallt. Doch der Club schließt, die Nacht ist vorbei, noch bevor etwas angefangen hat. Der Name? Danach trauten wir uns nicht zu fragen. Wir gehen, allein, und sind Mr und Mrs Cool. Das Lied für flammende Herzen. Diana Zinkler

Bruce Foxton: „Number Six“ „Alles wird anders, Ehrenwort!“ Mit solcherlei Versprechen mogelt sich der Frühling alljährlich zurück in unser Leben. Und wir glauben ihm. Na klar. Popmusik ist auch so eine verschlagene Hoffnungsmacherin. Lügt dem Hörer das Blaue vom Himmel herunter, singt uns (im Idealfall) genau das, was wir hören wollen. So einen Soundtrack zum Neustart liefert „Number Six“, die Single von einem Album, das nur treueste Fans erreichte. „Bei uns in Haus Nummer 6, Schatz, wird sich ab sofort alles ändern. Ich ändere mich, unser Heim, verdammt: die ganze Stadt…“, säuselt der Sänger abgebrüht wie „Dschungelbuch“-Schlange Ka. Die Rickenbacker-Gitarre, ein himmlisches Piano, ein wölkchen-leichtes Glockenspiel und Drumfills im Motown-Stil: Sie alle verbürgen sich, dass nun aber mal der ganz große Neuanfang unmittelbar auf der Haustürschwelle steht. Paul Weller hat den Song seinem alten Bassisten Foxton geschrieben. Es wurde ein Juwel wie aus ihren späten „The Jam“-Tagen. Ehrenwort! Patrick Goldstein

Phosphorescent: „Muchacho’s Tune“ Wer sagt eigentlich, dass man im Frühling fröhlich sein muss? Vogelzwitschern, blaue Bänder und Schalmaienklänge? Wenn das Frühjahr träg, keusch und kalt ist, dann darf ich das auch sein. Und zwar mit Phosphorescent und seiner neuen Platte. Ja, auch das darf man sagen. Am besten zeigt man diesem Frühling mit der Ballade Muchacho’s Tune die kalte Schulter. Das plinkt und blinkert so schön im Hintergrund, man merkt deutlich die Heimat des Sängers, Alabama. Leichter Country ist so unvergleichlich vorwurfsvoll, es passt gut zu der Stimmung da draußen. „I saw the moonlight’s mirrored glow/ On that old dirty city’s snow/I sat there feeling low/ O my, O my.“ Schöner kann man nicht aufgeben. Judith Luig

IAMX: „I come with knives“ Mit Frühling hat das Ganze natürlich wenig zu tun. Eine Abfahrt in die Dunkelheit ist dieses Lied, aber wo lernen sich zwei Seelen besser kennen, als in den Abgründen? „I never promised you an open heart or charity“, singt Chris Corner, was fatal an „Ich habe Dir nie einen Rosengarten versprochen“ erinnert. Nur wird Mr. Corner kein Therapiegespräch führen, er kommt gleich mit seinen Messern vorbei, er sei ja auch nur ein Mensch, singt er. Hm. Er hätte ja auch einfach mal reden können. Oder die Sache auf sich beruhen lassen. Richtig großartig/beunruhigend/außergewöhnlich wird der Song durch den Gesang der Frauen, ein Lied der Engel (und ja, auf deutsch): „Kinder und Sterne küssen und verlieren sich / greifen leise meine Hand und führen mich / die Traumgötter brachten mich in eine Landschaft.“ Das war’s dann wohl. Matthias Wulff