ARD-Film

Der Mann, der die Tiere liebte - Ulrich Tukur spielt Grzimek

Verhaltensforscher, Fernsehstar und untreuer Ehemann: Ein ARD-Film am Karfreitag widmet sich dem Leben des großen Tierverstehers. Der Hauptdarsteller erweist sich dabei als ein echter Glücksfall.

Foto: ARD / ARD Degeto/UFA Fiction/Roland Su

Seltsam, dass es nicht schon lange einen Spielfilm über Bernhard Grzimek gibt. Denn sein Leben hält wie nur wenige jene Zutaten bereit, die so ein Biopic zum Funktionieren braucht: Ein öffentliches Leben mit viel Glanz, Applaus und gelegentlichen Rückschlägen – und seine private Kehrseite, die das Melodramatische mitliefert und meistens von den Kosten des Erfolgs verunstaltet ist.

Das ist gerade bei Grzimek erstaunlich. Hat man ihn nicht als einen älteren, immer etwas onkelhaften Tierfachmann in Erinnerung? Stets korrekt gekleidet saß Grzimek hinter einem Studioschreibtisch des Hessischen Rundfunks. Die Fernsehreihe hieß „Ein Platz für Tiere“, und man fand es damals noch aufregend, wenn dort eine Gorilladame namens Betsy auftauchte oder irgendeine afrikanische Kröte. Der putzige, beruhigend berechenbare Professor, der eine Fliege lieber totstreichelte, als ihr etwas anzutun: dieser Professor stahl sich direkt ins Herz seines harmoniebedürftigen Publikums. Wie wild konnte schon einer sein, den man ausgerechnet 1968 zum Krawattenmann des Jahres wählte?

Die Schrullen werden nicht imitiert

Es war natürlich komplizierter. Das Bild vom anzugtragenden Schreibtischzoologen hat sich wie ein Vorhang vor ein Leben geschoben, das fast absurd reich war an Glanz und Melodramatik – und aus dem Roland Suso Richter nun deshalb diesen Film gemacht hat. Richter, der sich in Fernsehfilmen wie „Mogadischu“ (2008) und „Die Spiegel-Affäre“ (2014) schon öfter der deutschen Nachkriegsgeschichte widmete, hat mit der Besetzung Ulrich Tukurs für die Rolle Grzimeks einen Glücksgriff getan. Tukur verzichtet, von einigen Äußerlichkeiten abgesehen, vollständig darauf, die Schrullen des Professors zu imitieren – den leicht nasalen Singsang seiner Sprache etwa, der man seine oberschlesische Herkunft noch anhören kann. Er beschränkt sich auf den immer leicht dandyhaften Lebemann, den wir aus vielen seiner Rollen kennen. Zu Grzimek passt das ausgesprochen gut.

Der Film setzt mit dem Zusammenbruch von 1945 ein, also zu einem Zeitpunkt, als Grzimek bereits 36 Jahre alt war und zum Direktor des Zoologischen Gartens in Frankfurt am Main berufen wurde. Das mag daran liegen, dass sich Richter und sein Autor Marco Rossi trotz der stattlichen 165 Minuten des Films auf den eigentlichen Aufstieg Grzimeks beschränken wollten. Was zuvor geschah, können sie deshalb nur in Andeutungen und Nebensträngen erzählen: Was es mit Grzimeks NSDAP-Mitgliedschaft auf sich hatte zum Beispiel. Oder dass er neben seinen beiden leiblichen Kindern Michael und Rochus auch noch mit einer Geliebten zwei weitere Kinder zeugte. Monogamie ist bei Säugetieren ja nicht sonderlich verbreitet, nur drei bis fünf Prozent aller Arten, die meisten Menschen eingeschlossen, halten sich an dieses partnerschaftliche Konzept. Grzimek, lebenslang notorisch untreu, scheint sich dem Rest der Schöpfung näher gefühlt zu haben.

Oscartriumph und Schicksalsschlag

Das wird auch im Lauf der Filmhandlung deutlich. Barbara Auer muss als Ehefrau Hilde viel Leid ertragen, das sich über die Jahre als Verbitterung in ihr Gesicht frisst. Das liegt nicht nur an der permanenten Abwesenheit und Seitensprungfreude ihres Mannes. Es liegt auch am Verlust ihres Sohnes Michael. Der begleitete den Vater 1959 in den Serengeti-Nationalpark, um dort aus der Luft die Wanderung der Tierherden zu dokumentieren.

Bekanntlich entstand daraus der Film „Serengeti darf nicht sterben“, der im Jahr darauf den ersten Oscar für einen deutschen Dokumentarfilm erhielt. Michael Grzimek konnte das freilich nicht mehr erleben, er war während der Dreharbeiten mit dem Flugzeug abgestürzt und gestorben. Grzimek nahm den Preis allein entgegen. Richter zeigt gerade in diesen schicksalsschwangeren Filmminuten Gespür dafür, wie leicht existenzielle Erschütterungen wie diese, wenn man sie fiktionalisiert, ins Kitschige kippen können. Die Kamera zoomt Grzimeks Trauer nicht heran, sie glaubt nicht, dass man ihr Wesen in zuckenden Augenpartien und hängenden Schultern einfangen könnte. Sie lässt ihn allein mit ihr.

Die schwarze Seite von Grzimek

Bei seiner Frau gestattet sie sich das schon ausgiebiger, und dafür gibt es Gründe. Dass Grzimek nach dem Tod seines Sohnes eine Liebesbeziehung mit dessen Witwe Erika begann und dafür seine Ehe endgültig aufkündigte: Das war für die frühen Sechziger eine ungewöhnliche Idee, die man noch heute unorthodox finden kann. Seine Frau blieb mit dem gemeinsamen Adoptivsohn Thomas zurück, der zeitlebens ohne Erfolg um väterliche Zuwendung kämpfte, dann ins Drogenmilieu abrutschte und sich 1980 das Leben nahm. Diese schwarze Seite von Grzimeks Leben hatte Loriot wohl kaum vor Augen gehabt, als er den Tierforscher im Jahr zuvor liebevoll als schrulligen Freund der Steinlaus parodierte. Das übernimmt jetzt Ulrich Tukur, und den Konflikt zwischen der Exfrau und der neuen Frau liefern sich Barbara Auer und Katharina Schüttler so diskret, dass man den Film auch deshalb sehenswert nennen muss.

Seine letzten Lebensjahre widmete Grzimek, lebenslang ein manischer Schreiber, seinem Kampf für die Tierrechte und den Artenschutz, immer einsiedlerischer und zurückgezogener, bis die Gesundheit auch das nicht mehr zuließ. Es bleibt von ihm nicht nur sein Lebenswerk. Es bleibt auch die Frage, ob einer, der sein Leben so radikal dem Wohl der Tiere widmete, dem Menschen jemals ganz vertraut haben kann.

Grzimek, ARD, Karfreitag, 20.15 Uhr