Die kritische Kritik des Zeitgeistes hat neulich, es war so circa vor zehn Jahren, einen Begriff geprägt. Genauer: ein Akronym. Ein Akronym ist, wir haben es selbst gerade sicherheitshalber nochmal nachgeschlagen, eine Art Sonderfall der Abkürzung, also so etwas wie EDV, ADAC, PC und TÜV. Und die kritische Kritik des Zeitgeistes hat damals, vor zehn Jahren – oder, wie wir lieber sagen: neulich – eben so ein Akronym geprägt für das Phänomen, dass plötzlich gestandene, gutsituierte Männer in abgewetzten Jeans und Kapuzenpullis herumzulaufen begannen. „OTEK“ hieß das damals. Das war eine Kurzform für: Opa trägt Enkels Kleidung. Man machte das damals an steinalten, aber jugendversessenen Existenzen wie Dieter Bohlen fest, die in Sendungen wie „Deutschland sucht den Superstar“ so taten, als gebe es keinen Alterungsprozess. Als sei er abgeschafft worden.

Die wichtigste Nachricht nach dem Auftritt der „Fantastischen Vier“ in der O2 World lautet nun, dass dieses Akronym beibehalten werden kann, aber semantisch neu aufgeladen werden muss. Denn natürlich waren es dort im Publikum keine Großväter, die in altersuntypischer Streetwear-Kleidung herumhüpften, nickten und die Hände in die Luft warfen, als würden sie sich gar nicht kümmern. Es waren Onkel, die in altersuntypischer Streetwear-Kleidung herumhüpften. Es waren größtenteils Männer um die 40, die sich einen partylastigen Abend in der Halle noch gerade mal so leisten konnten, weil sie Kinder nur als Neffen kennen. Oder weil sie allesamt gute Babysitter haben.

Onkel trägt Enkels Kleidung

Die „Fantastischen Vier“ kamen jedenfalls von hinten herangestürmt, sie standen plötzlich mitten im Innenraum. Keiner hatte damit gerechnet, alle zückten ihre Smartphones und filmten mit. Schwarz gekleidet und von herabrieselndem Konfetti umtost, intonierten sie „25“ mitsamt den HipHop-typischen Formeln aus dem Setzkasten der Apodiktik: kein Scheiß, Mann. Jeder weiß, Mann. Smudo, Thomas D., Michi Beck und der vierte, dessen Namen man sich so schwer merken kann. Und das alles begleitet von der aus Amerika, aus der Ahnengalerie des HipHop entliehenen Motorik der entschlossenen Ansage: der kurz erhobene rechte Arm, der heftig niedergeschleudert wird; der nickende Kopf und die nach kurzem Hüpfen entschieden auf den Boden gestampften Beine.

Diese aufmüpfige Motorik blieb das Leitmotiv des Abends – im Publikum wie auf der großen Bühne. Und dennoch wollte kein Funke überspringen. Es war ein bisschen so wie beim Auftritt von Kraftwerk in der Neuen Nationalgalerie: ein freundlich interessiertes Publikum nahm ein Museumsexponat zur Kenntnis. Wenn überhaupt etwas Euphorie und Ekstase auslöste, dann war es ein Hit aus den Neunzigern wie „Sie ist weg“ – gefolgt von ähnlich choreographierten Liebesliedern, die von sparsam dosiertem Lebenszweifel handelten oder von bürgerlich gedrosselter Existenzangst – die aber niemals politisch zu werden drohten und vom Zweifel berichteten: darüber, mit wem und warum man eigentlich sein Leben führen soll.

Entschiedene Ratlosigkeit

Es blieb viel Platz im Innenraum der O2 World, die Stimmung blieb gedämpft. Auf den Rängen schien das milde mitfiebernde Publikum eines Baseballspiels Platz genommen zu haben, das aber gern auch mal nebenbei über was anderes redet. Und das kann man von diesem gemäßigten Abend vielleicht als These mit nach Hause nehmen: Die Fantastischen Vier haben es geschafft – mit zum Teil großartigen Texten – das unpolitische Vakuum der späten Kohl-Ära mit der hochpolitischen Rhetorik des HipHop zu fusionieren. Mit seiner Wut, seiner Sprachlust, aber auch mit seiner Ratlosigkeit. Sie haben das anschlussfähig gemacht mit der alltäglichen Welt des Liebeskummers, des Single-Daseins und sonstiger Alltagsprobleme. Das war in seiner Zeit, in den Neunzigern, wie eine Erlösung. Heute ist es ein nostalgischer Akkord.

Und der wurde dann passenderweise in der Zugabe auch in Akronymen gesungen: „ARD, ZDF, C&A, BRD, DDR und USA. BSE, HIV und DRK, GbR, GmbH – ihr könnt mich mal.“

Die Abkürzung OTEK kam nicht vor.