Und dann stieg sie in den Trevi-Brunnen. Anita Ekberg geizte in Federico Fellinis Filmklassiker „La dolce vita – Das süße Leben“ schon zuvor nicht eben mit ihren Reizen. Verführte Marcello Mastroianni als Boulevardreporter und mit ihm eine ganze Generation von Kinozuschauern. Mit koketten Posen und engem, schulterfreiem Kleid. Und diesem tiefen, gurrenden Lachen, das so gar nicht zu der großen Blonden passen wollte. Aber das war noch nicht verrucht genug, das musste noch gesteigert werden. So stieg sie, was in den prüden 50er-Jahren wirklich noch unerhört war, nachts in einen öffentlichen Brunnen. Die Fontana di Trevi. Lupfte ihr Kleid und watete lasziv durch den Wasserfall. Auf dass der nasse Stoff ihre Kurven noch deutlicher betonte.

Berühmt durch eine einzige Szene

Es gibt viele Stars, die sich mit nur einem Film ins kollektive Gedächtnis einbrennen. Anita Ekberg brauchte nur diese eine, kaum zwei Minuten lange Szene. Sie wurde, was immer so ausgelutscht klingt, aber in diesem Fall wörtlich zu nehmen ist, über Nacht weltberühmt. Ein Sexsymbol. Der erotische Traum einer ganzen Männergeneration. Das Brunnenbad wurde ikonographisch. Und fand, sehr zum Leidwesen der römischen Stadtverwaltung, auf Jahre zahllose touristische Nachahmer.

Der Brunnen aber sollte der Diva noch lange anhaften. Als die Figur nicht mehr ganz so atemberaubend war und ihre Karriere längst verglüht war, hat sich der Kurvenstar sein spätes Geld auch damit verdient, quer durch Europa zu reisen und unzählige Brunnen einzuweihen. Selbst in Berlin hat sie das noch einmal im Juni 2003 getan, am Hausvogteiplatz. Hineingestiegen ist sie freilich nicht mehr. Aber der Brunnen und die Ekberg, das waren Synonyme, Topf und Deckel, Hoch- und Tiefpunkt eines Lebens, das nur kurze Zeit wirklich das eines Stars gewesen war.

Die Zeit der Sex-Göttinnen

Anita Ekberg hatte nicht nur die richtigen Maße. Sie kam auch zur richtigen Zeit. Die 40er-Jahre waren die letzte güldene Zeit der entrückten, unnahbaren Hollywooddiven. Der „Göttlichen“ eben, die nicht umsonst Stars waren, also oben, am Firmament zu Hause. Wir Irdischen durften zu ihnen aufblicken, uns am Abglanz ihrer Strahlkraft weiden. Aber nahe kamen wir ihnen nie. Die 50er-Jahre dagegen waren die Zeit, als die Göttlichen irdisch wurden, als sie vom Olymp herabstiegen. Und fleischlich wurden. Keine rätselhaften Geschöpfe mehr, von Licht und Schatten, idealen Kamerapositionen und fantasievollen Kostümen und Haarschnitten kreiert.

Die neuen Diven hatten nicht mehr nur Sex-Appeal, sie verkörperten puren Sex. Mit drallen Kurven, Wespentaillen und üppigen Dekolletés. Es war die Zeit der Halbgöttinnen, und es war kein Zufall, dass sie meist zuerst Schönheitsköniginnen waren. Wie Miss Rom Gina Lollobrigida, Miss Eleganza Sophia Loren oder Miss Schweden Anita Ekberg.

Der schwedische Eisberg, das kochende Eis

Die Schwedin, 1931 in Malmö als sechstes von acht Kindern in eher proletarischem Milieu geboren – der Vater Hafenarbeiter, die Mutter Verkäuferin –, begann früh als Mannequin und Fotomodell zu arbeiten, bevor sie 1951 zur Miss Schweden gekürt wurde. Für die Miss-Universum-Wahl fuhr sie im Jahr darauf in die USA, wo sie zwar nicht den Titel errang, dafür aber einen Hollywoodvertrag.

Ihre schauspielerisches Können hielt sich in Grenzen, immerhin schaffte sie es zu größeren Parts in Filmen wie in „Krieg und Frieden“ (1956) oder „Der gelbe Strom“ (1953), für den sie sogar einen Golden Globe als beste Nachwuchshoffnung erhielt. Aber der ganz große Ruhm stellte sich nicht in der Neuen, sondern in der Alten Welt ein. Als Fellini sie als Hollywooddiva besetzte. Auch nur so ein kleiner Part. Aber eben mit Brunnenbad. Ein Jahrzehnt lang war sie fortan eine Sexgöttin. Eine, die sehr unterschiedlich wahr genommen wurde, als „schwedischer Eisberg“ in Deutschland, aber als „ghiaccio bollente“, also kochendes Eis, in Italien. Kein Wunder also, dass es die kühle Nordin in Bella Italia hielt. Wo ihr Fellini noch einen großen Auftritt in „Boccacio ’70“ und ein kleines Comeback 1987 in „Intervista“ bescherte. Von Fellini stammt auch eines der schönsten Schwärmereien über Anita Ekberg: „Die Mondfarbe ihrer Haut, das eishelle Blau ihres Blicks, der Goldglanz ihrer Haare, die Überschwänglichkeit und Lebensfreude machten aus ihr ein grandioses Geschöpf, außerirdisch und zugleich bewegend, unwiderstehlich.“

Die wahre Geschichte vom Trevi-Brunnen

Ihr Leben war wild. Voller Affären und kleiner Skandale. Aber auch voller Elend. Alkoholsucht. Enzüge. Und Brunneneinweihungen, die sie tapfer absolvierte. Am Ende litt sie unter Einsamkeit, auch unter Finanznöten. Als sie 2009 auf Monate im Krankenhaus lag und ihr Haus ausgeraubt wurde, bat sie gar die Fellini-Foundation um Hilfe. Zuletzt lebte sie in einem Altersheim in der Nähe von Rom, nach einer Oberschenkelhalsbruch am Rollstuhl gefesselt. Nun starb sie am Sonntag, mit 83 Jahren, nach langer Krankheit in einer Klinik in Rocca di Papa bei Rom.

In Berlin hat man sie noch einmal vor zwei Jahren erleben dürfen, auf dem Talent Campus der Berlinale. Da erzählte sie mit spitzer Zunge, wie das wirklich war mit Fellini und dem Brunnen. Dass die Szene im Januar gedreht wurde, als es auch in Rom empfindlich kalt war. Dass sie mutig ins kühle Nass stieg, Mastroianni sich aber erst Mut antrinken musste und mehrfach im Brunnen ausrutschte, so dass die Szene wieder und wieder gedreht werden musste. Und die Diva schlotterte. Ewiger Ruhm ist also doch nicht so leicht zu bekommen.