Konzert in Berlin

Aus „Tatort“-Quälgeist Liefers wird in Berlin ein cooler JJL

Jan Josef Liefers ist einer der größten Stars, die der deutsche Film zu bieten hat. Am Donnerstagabend beweist er in der Berliner Columbiahalle, dass er auch Wohlfühlpop kann.

Foto: Stefan Hoederath / Redferns via Getty Images

Wenn sie wieder in Münster einen „Tatort“ drehen, dann wohnen Axel Prahl und Jan Josef Liefers immer im selben Hotel. Sie wohnen nicht im Haupthaus, sondern in einem Nebenhäuschen. Anfangs fanden die beiden Schauspieler das ja nett, dass sie immer die Extrawurst bekommen. Bis sie rausfanden, warum: weil sich die anderen Hotelgäste gestört fühlen, wenn sie abends, nach einem langen Drehtag, noch auf der Gitarre dreschen.

Berlin ist nicht Münster. In der Columbiahalle kommt einer von beiden mit Gitarre auf die Bühne. Und die Leute kommen und zahlen sogar dafür. Gleich zu Beginn läuft ein Film ab, in der ein Mann mit Hut sich durch Straßen und U-Bahnen musiziert und Münzen sammelt. Dann kommt der Mann auf die Bühne, es ist Jan Josef Liefers, und das ist natürlich ein bisschen kokett. Denn selbst beim „Tatort“ ist er Quotenkönig und auch sonst einer der größten Stars, die der deutsche Film so zu bieten hat.

Später wird er auch mal erwähnen, dass er nicht wisse, ob sich das rumgesprochen habe: „Ich habe ein zweites Standbein, ich mache Filme.“ Aber jetzt steht er hier ganz allein, mit seiner Gitarre. Hat den Star draußen gelassen. Und singt solo. Die anderen fünf Musiker kommen erst nach und nach hinzu.

2003 hat er angefangen, mit seiner Band Oblivion durch die Lande zu touren. Mit seinem Programm „Soundtrack meiner Jugend“. Wo er aus seinem Leben erzählte. Und Lieder dieser Zeit spielte. Das waren Coverversionen von Lift und Karat und Silly. Aus dem Programm wurde dann auch eine Autobiographie und jüngst sogar ein Film. Aber das war gestern. Denn die Band hat sich nicht darum gekümmert, ob ihr Name geschützt war. Jetzt muss sie anders heißen. Nennt sich Radio Doria. Und hat sich mit dem neuen Namen auch neu erfunden. Die Sechs spielen jetzt Lieder, die die Band und Liefers selber geschrieben und komponiert haben.

Noch beim ersten Song scheint ein Tonunfall zu passieren. Da quietscht und kratzt es und irgendwer muss ein Radio aufs Mikro gezogen haben. Aber dann wird klar, das ist Absicht, es klingt, wie wenn man bei einem dieser ganz alten Radiogeräte am Regler dreht. Das ist jungen Menschen kaum noch zu erklären, aber so jung sind die Menschen in der nicht ganz, nur zu zwei Dritteln gefüllten Columbiahalle mehrheitlich nicht.

„Radio Doria – Die freie Stimme der Schlaflosigkeit“ ist also so etwas wie Liefers' ganz persönliches Radio, wo ein Lied aufs nächste folgt und der Sänger zwischendurch auch kleine Geschichten zum Besten gibt. Der Mann da auf der Bühne hat so gar nichts zu tun mit diesem zynischsteifen Rechtsmediziner Professor Boerne aus Münster. Liefers, mit Blue Jeans und sonst ganz in schwarz, mit T-Shirt, Jackett und Hut, wirkt viel cooler. Nennen wir ihn deshalb JJL.

Zwischen Schlafen und Wachen

Auch das neue Programm handelt wieder von Erinnerungen. Nur diesmal nicht aus der Jugend in der DDR. Sondern allgemeiner von Situationen zwischen Tag und Nacht, zwischen Schlafen und Wachen. Liefers hat schon selber zugegeben, dass er „kein Goldkehlchen“ ist. Dass seine Stimme ein wenig klinge wie das eines Jungen aus der Schokoladenwerbung. Aber es gibt ja auch andere Sänger in Deutschland, die was mit Doria zu tun und auch keine Stimme haben, aber damit ziemlich weit gekommen sind. Liefers hat Mumm, er stellt sich auf die Bühne. Seine Band, Johann Weiß und Jens Nickel an den Gitarren, Christian Adameit am Bass, Timon Fenner am Schlagzeug und Gunter Papperitz am Keyboard unterstützen ihn und treiben ihn an. Und gemeinsam spielen sie einen Mix aus Wohlfühlpop und Progrock, mit Texten mit ein wenig mehr Niveau, als man es in anderen Radiostationen hört.

Wie macht der Mann das nur? Kaum zu glauben, wo überall der Liefers liefert. Ein neuer „Tatort“ ist gerade abgedreht („Erkläre Chimäre“), zu Weihnachten ist er im neuen Til-Schweiger-Film „Honig im Kopf“ zu sehen. Zum Mauerfalljubiläum hat er das Konzert am Brandenburger Tor moderiert. Nächste Woche tritt er von Mittwoch bis Freitag wieder im Schiller Theater auf, in Jürgen Flimms „Satiesfactionen“. Am heutigen Sonnabend setzt er sich bei der letzten „Wetten, dass..?!“-Show aufs Sofa. Wann hat der eigentlich Zeit für Frau und Kinder? Und dann singt er auch noch.

Es bewegt ihn sichtlich, mal wieder „zuhause“ zu spielen. Als er vor langer Zeit sein erstes Konzert in Berlin gab, habe er sich, gibt er zu, in die Hose geschissen vor Angst. Und das, setzt er nach, hat er heute wieder getan. Das Tiefspalten macht ihn sympathisch. Aber nervös sein braucht der Mann mit Hut doch gar nicht. Das Publikum ist ihm wohlgesonnen. Und er weiß es zu bezirzen. Holt einmal eine Helga auf die Bühne und tanzt mit ihr. Bringt bei einem der schönsten Songs, „Verlorene Kinder“, den ganzen Saal dazu, den Refrain zu oho-ho-ho-hen. Und fürs letzte Lied geht er dann reihum durchs Publikum und gibt jedem das Gefühl, nur für ihn zu singen.

Kind in einem älteren Körper

Irgendwann hat dieser JJ Liefers das Jackett ausgezogen und tupft sich manchmal mit einem Handtuch den Schweiß von der offenen Brust. Der Hut bleibt aber auf. Das Radio-Geräusch wird als Running Gag irgendwann vergessen. Auch ein paar Anekdoten zünden nicht ganz und ein politisches Statement gegen fundamentale Terroristen wirkt fehl am Platz. Ganz bei sich ist er aber immer dann, wenn er persönlich wird. Wenn ein Telefon klingelt und wir erfahren, dass er wieder nicht den Müll runtergebracht hat. Oder wenn er erzählt, dass seine Kinder Erwachsene so alt fänden, er sich aber immer noch als Kind in einem älteren Körper fühle. Über zwei Stunden gibt der Mann mit Hut alles. Und auch wenn die Mitte ein paar Längen hat, am Ende hat er alle um den Finger gewickelt.

Im März hat Liefers das Programm schon einmal testweise im Postbahnhof gespielt. Damals kam dann auch der „Tatort“-Kollege Prahl auf die Bühne und sie sangen gemeinsam. Darauf wartet man diesmal allerdings vergebens. Vielleicht müssen wir uns mal in dieses Münsteraner Hotel einmieten, um zu lauschen.