Konferenz

„Die Neue Nationalgalerie ist rostig wie ein altes Auto“

Stararchitekt David Chipperfield äußerst sich erstmals zur Sanierung der Nationalgalerie. Sie ist komplett marode – vom Dach bis zum Sockel. Auf einem zweitägigen Kolloquium wurden die Details vorgestellt.

Foto: Amin Akhtar

Mit dem britischen Humor ist das so eine Sache. Der von der Queen zum Ritter geschlagene David Chipperfield sitzt auf dem Podium der Nationalgalerie und bescheinigt den Deutschen erst einmal ein hohes Diskussionsniveau. Komisch ist für ihn wohl auch, dass man in Berlin extra ein deutsch-englisches Wörterbuch bei der Senatsverwaltung für Bauwesen erstellt hat, um die exakte Definition von Wörtern wie „reconstruction“ und „repair“ festzulegen. Schließlich gibt es feine Unterschiede in der Übersetzung.

Allerdings sieht der englische Architekt, in weißer Jeans, auf dem Redepult gerade so aus, als wüsste er gar nicht, warum er eigentlich sprechen soll auf dem zweitägigen Kolloquium „Form versus Function“. Er versteht wohl die Aufregung nicht: Alle wollen endlich wissen, wie sein Konzept für die Neue Nationalgalerie aussieht. Ist der denkmalgeschützte Bau mit dem Schwebedach für die Anforderungen eines Museums des 21. Jahrhunderts überhaupt noch funktionsfähig? Seit der Eröffnung der Ikone aus Stahl und Glas 1968 wurde nichts gemacht.

Dach und Fenster sind defekt

Die Liste der Mängel ist lang, die Defekte sind gravierend: das Dach undicht, die Bodenplatten gebrochen, die Standards für Klima und Sicherheit unterschritten. Alle technischen Gebäudeteile sind „am Ende ihrer Lebenszeit“. Auch wenn das von außen nicht sichtbar ist - das Haus ist eine Gefahr. Die Bausumme soll erst im Frühjahr 2015 bekanntgegeben werden. Drei Jahre sind für die Bauzeit veranschlagt, aber so vage wie das formuliert ist, weiß man, dass es mehr wird. Die Museen der Nachkriegsmoderne, sagt Stiftungspräsident Hermann Parzinger, seien die letzten Jahre vernachlässigt worden – zugunsten der historischen Bauten auf der Museumsinsel.

Senatsbaudirektorin Regula Lüscher begrüßt die „unterschiedlichen Startzeichen am Kulturforum“. Ihre Ausführungen zum geplanten Museum der Moderne gleich nebenan und zur städtebaulichen Entwicklung des Areals insgesamt sind dürftig. Beide Standorte, Sigismundstraße und Potsdamer Straße, „beides ist vorstellbar“, sagt sie.

Für Chipperfield entspricht die Baufälligkeit der Nationalgalerie einem „rosty car“, einem verrosteten Auto. Radikale Veränderung will der Architekt dennoch nicht vornehmen. Seine Prämisse: so originalgetreu wie möglich sanieren. Eine spezielle „Mies-Denkmalpflege“ aber gibt es nicht. In seiner klaren Funktionalität hätte das Haus über die Jahrzehnte hinweg bestens funktioniert. Allerdings entsprechen Bookshop, Café und die Garderobe im Untergeschoss nicht mehr der modernen Infrastruktur. Für den Besucher aber könnte das Untergeschoss kaum komfortabler sein: beste Orientierung, gut angeschlossene Räume, Tageslicht über die Fenster auf der Seite des Gartens. „Es gibt keine bessere Funktion“, so Chipperfield.

Das Aufwendigste dürfte der mächtige Sockel des Gebäudes sein, die Dichtung ist defekt. Das heißt nichts Gutes: Alle Granitplatten müssen bis auf den Rohbau abgetragen werden, erst dann ist die „Eingriffstiefe“, damit die Schadenshöhe absehbar. Auch die Fassade ist altersschwach. Zudem müssen alle 5,20 Meter hohen Fenster komplett ausgetauscht werden – sie sind gebrochen. Gläser mit der speziellen Breite von 3,60 Meter werden heute aber nur noch in China hergestellt. Ein Probefenster wurde bereits „heil geliefert und heil eingebaut. Test bestanden“, erklärt Alexander Schwarz, Partner von Chipperfield. Alle Fenster sind also künftig „made in China“. „Der Aufwand“, meint Schwarz, „entspricht der Bedeutung des Gebäudes“.

„Herr Chipperfield, was machen Sie mit den Holzkisten?“ fragt Meyer Voggenreiter, der Ausstellungsgestalter, der gerade auch das Amerika Haus designt hat. Er meint die Garderoben aus Holz in der oberen Halle, sie sind zu klein. Für Mies-Fans kommt die Frage einer Beleidigung gleich. „Das sind keine Holzkisten“, ruft Museumschef Udo Kittelmann dazwischen. „Die bleiben“, sagt Chipperfield knapp. Klatschen im Publikum, die Liga der schwarzgekleideten Architekten ist bestens vertreten. Die Garderoben übrigens wurden damals für 300 Mäntel entworfen, als Museen noch nicht dieses Besucheraufkommen hatten, „statisch“ waren, mehr „Verwahrungsanstalt für Kunst“ (Kittelmann). Kein lebendiger (Event-)Ort wie heute, wo ein Museum schon einmal zur Lounge wird und bis spät nachts öffnet wie kürzlich bei den Lichtinstallationen von Otto Piene.

Einig sind sich alle Beteiligten darüber, dass sich seit der Eröffnung des Mies-Baus eigentlich alles verändert hat: die Kunst, ihre Rezeption, der Besucher und überhaupt das Museum als Institution. Mies sah zwischen Museum und Außenraum eine fließende Verbindung, der Skulpturengarten als Schnittstelle zwischen Stadtlandschaft und Institution. Damals gestalteten sich Vernissagen „wie eine Party mit Haus und Garten“, wo man ein und aus ging. Der Berliner Architekturtheoretiker Fritz Neumeyer spricht über das Vermächtnis des Mies-Bau als „hortus conclusus“, als Paradiesgärtlein. Mehr Verneigung vor Mies van der Rohe geht nicht. Den Skulpturengarten wird David Chipperfield wieder öffnen – Hochsommer darf es allerdings nicht werden. Diese Klimabalance ist dann nicht zu managen.