Herbert Fritsch

Ein bisschen Chaos an der Komischen Oper

Herbert Fritsch findet Regietheater „arrogant und dämlich“. Jetzt gibt der Theatermann, der sonst an der Volksbühne inszeniert, mit Mozarts „Don Giovanni“ sein Debüt an der Komischen Oper.

Foto: Amin Akhtar

Für Opernhäuser gehört der November zu den ganz schwierigen Monaten. Denn wenn die Erkältungswelle die Sänger erwischt, dann bringt das schnell den Probenplan durcheinander. Herbert Fritsch ist davon betroffen. Der Theatermann inszeniert gerade Mozarts „Don Giovanni“, die Premiere an der Komischen Oper findet am 30. November statt. Eigentlich sind wir zu einem Probenbesuch mit anschließendem Gespräch verabredet, aber kurzfristig zieht Fritsch sein Angebot zurück. Bedingt durch viele Krankheitsausfälle und ein Bühnenbild, das sich bewegt, herrsche „ein bisschen Chaos auf der Bühne“. Dem Einwand, dass das doch ein Stilprinzip seiner Arbeiten sei, entgegnet er: „Bei mir braucht alles eine Form“. Kein Chaos ohne Struktur.

Das Gespräch beginnt am Bühneneingang an der Behrenstraße, wir gehen durch niedrige Kellergänge, über den Hof ins Intendanz-Gebäude, dass Unter den Linden liegt. Und betreten dann den wahrscheinlich ruhigsten und unwirtlichsten Ort des Opernhauses; zwei Dutzend Stühle stehen im Halbkreis um ein armselig aussehendes Klavier herum, die Fenster sind beschlagen.

Herbert Fritsch verbreitet allen Widrigkeiten zum Trotz eine gute Stimmung, da gibt es keinen Widerspruch zwischen dem Regisseur und seinen Arbeiten. In Berlin hat der 63-Jährige seine künstlerische Heimat an der Volksbühne, in den Anfangsjahren von Intendant Frank Castorf fiel er dort als ein Schauspieler auf, der genüsslich das Publikum malträtieren konnte. Vorzugsweise in den abendfüllenden Inszenierungen legte er noch die ein oder andere Nummer drauf und sorgte dafür, dass der Abend nicht enden wollte.

Ein Spätentdeckter

Davon ist er als Regisseur weit entfernt. Also nicht von den Nummern, die liebt er immer noch. Er ist ja gewissermaßen ein Spätentdeckter, obwohl er schon seit langem auch Regie führt. Aber seinen Durchbruch hatte er erst vor ein paar Jahren, er arbeitete in der Provinz und wurde mit seinen Inszenierungen aus Oberhausen oder Schwerin zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Mehrfach. Er möchte sein Publikum unterhalten, und das gelingt ihm verlässlich auch mit seinen Berliner Arbeiten wie „Die spanische Fliege“, „Murmel Murmel“, „Frau Luna“ oder „Ohne Titel Nr. 1“ – allesamt Volksbühnen-Aufführungen, die selten länger als zwei Stunden dauern.

Das wird sich bei seinem Regiedebüt an der Komischen Oper wohl ändern. Mozarts „Don Giovanni“ ist kein kurzes Werk. Wird es Eingriffe ins Libretto geben? Herbert Fritsch zögert einen Augenblick: „Ja, aber ich sag’ nicht, welche.“ Und die Musik, das Allerheiligste in der Oper, die bleibt unangetastet? „Da gibt es auch ’ne kleine Veränderung, aber die verrate ich nicht.“

Vor der Kurve nicht runterbremsen

Also reden wir lieber über den Komponisten. Fritsch „fühlt sich von Mozart verstanden“ und ergänzt: „Er stupst mich immer an, wie ein Freund, um mir zu sagen, hier kannste das machen, hier das, es ist so ein Reichtum in der Musik, im Stück.“ Es folgt ein überraschender Vergleich mit der Welt des Motorsports. Der Regisseur spricht davon, dass man bei allem, was man macht, bis an die Grenze gehen müsse, also „vor der Kurve nicht runterbremsen“ dürfe, sondern die optimale Geschwindigkeit finden müsse, sonst sei das Rennen verloren. Und Mozart „ist voller wunderschöner Kurven“.

Die Schikanen, um im Bild zu bleiben, die hat der Regisseur, der auch das Bühnenbild für seine „Don Giovanni“-Inszenierung entworfen hat, selbst eingebaut: Ein sich bewegendes Szenario hat Fritsch sich ausgedacht, das erinnert an seine „Murmel Murmel“-Inszenierung. In diesem Stück wird nur das titelgebende Wort gesprochen, allerdings in wahnsinnig vielen Varianten zwischen den sich hin- und herschiebenden Kulissen. So eine Bühne ist für Sänger noch ungewohnter als für Schauspieler, aber „ein bisschen Herausforderung muss sein“.

Bloß kein Regietheater

Das klingt jetzt schwer nach Regietheater. Fritsch macht das aber nicht, darauf legt er Wert. Regietheater sei „mit viel Wissen verbunden und die Zuschauer sind dann die Dummen. Diejenigen, die sich schuldig fühlen müssen, weil sie irgendwas nicht verstanden haben. Das finde ich arrogant und dämlich.“ Er möchte „das Publikum nicht belehren“.

Auf seine Herangehensweise angesprochen, sagt er, dass er sich „von den Schauspielern und Sängern erklären lässt, worum es geht. Ich weiß das manchmal gar nicht.“ Es sei sein Arbeitsprinzip, „in eine Sache hineinzugehen und möglichst wenig zu wissen. Alles, was ich mir aus Unsicherheit ausgedacht habe, hat keine Bedeutung mehr in dem Moment, in dem die Sänger vor mir stehen.“

Sehr ernst, sehr albern

Dass Fritsch eine tiefe Abneigung gegen das „Echttun auf der Bühne“ hat, sieht man seinen Inszenierungen an, den stark geschminkten Gesichtern der Akteure, die in stilisierten Kostümen stecken. Der Regisseur liebt das Spiel, die Künstlichkeit, nicht den Realismus: „Heulsusentheater kann ich überhaupt nicht ausstehen.“

Der Regisseur erwähnt, dass „Don Giovanni“ eigentlich als Komödie geschrieben sei. Aber selbst Giorgio Strehler habe es „total düster und ernst“ inszeniert, diese Aufführung hat sich Fritsch auf DVD angeschaut. Dabei gebe es so „absurde Versteckspiele im Stück“, das habe sein Interesse geweckt. Er verspricht einen anderen Blick auf Don Giovanni, diesen Frauenheld, der zum Schluss eigentlich in die Hölle fährt: „Wenn man das Stück ernst nimmt, ist es super albern. Und ich nehme das Stück sehr ernst.“