Tempodrom

Dieter Nuhr – Wenn auf die Märtyrer nur ein Obstkorb wartet

Ein therapeutischer und kurzweiliger Abend in Berlin: Der Kabarettist macht sich über die Jammergesellschaft, Vegetarier und auch ein wenig über Islamisten lustig

Foto: Reto Klar

Dieter Nuhr freut sich erst einmal, dass so viele gekommen sind und blickt in das ausverkaufte Tempodrom. „Nach dieser Woche“, fügt er hinzu, die für ihn einigermaßen turbulent war. Nicht allzu häufig wird man in überschaubarer Frist von einem fröhlichen Kabarettisten zu einem Hassprediger. Ein türkischstämmiger Kampflehrer aus Osnabrück fühlte sich dieser Tage in seinen religiösen Gefühlen verletzt, weil Dieter Nuhr solche Sätze sagte, wie, dass „wenn man es nicht wüsste, dass der Koran Gottes Wort ist, könnte man meinen, ein Mann hätte ihn geschrieben“.

In der Folge lief die Diskussion, so wie das ein guter Brauch in diesem Land ist, ein wenig heiß. Der Präsident des Zentralrat Muslime distanzierte sich von seinem niedersächsischen Glaubensgenossen, tadelte Dieter Nuhr gleichwohl für seine „fundamentalistische Lesarten“, Theologen kritisierten Nuhrs Koran-Interpretation, während Leitartikler sich aufgerufen fühlten, grundsätzlich die Aufklärung zu verteidigen. Der eindeutig lustigste Kommentar fand sich in der „taz“ wieder: „Gäbe es einen Nobelpreis für Beleidigtsein, die islamische Welt würde nicht so leer ausgehen wie sonst.“

Da also steht Dieter Nuhr auf der Bühne und befindet, dass diese Debatte heute nicht sein Thema sei – um dann natürlich mit offensichtlichem Vergnügen doch noch einmal darüber zu sprechen. „Islamophob“, so wie er bezichtigt wurde, sei eine gute Waffe in jeder Diskussion. In seiner Jugend hätte man „Faschist“ gesagt, um die rhetorische Oberhoheit zu haben, in den vergangenen Jahren sei „neoliberal“ hinzugekommen. Nun halt islamophob.

Konflikte überall, wo der Alkohol verboten ist

Bis auf die Ukraine, so stellt er eine bislang ungeahnte Kausalität auf, seien überall Konflikte in der Welt, wo der Alkohol verboten ist: „Im Westen sagt man dann: ‚Spreng du dich halt in die Luft, ich trinke lieber noch ein Glas.’“ Auch verweist er darauf, dass Koranwissenschaftler gesagt hätten, dass bei den 72 Jungfrauen, die auf jeden aufrechten Märtyrer im Himmel warten, ein Übersetzungsfehler vorliegen könne und stattdessen Früchte gemeint sein können. „Für die Betroffenen ist das natürlich ärgerlich, wenn auf sie im Himmel ein Obstkorb wartet.“

Aber eigentlich ist der Islam heute wirklich nicht sein Thema. Es soll ein „therapeutischer Abend“ sein, eine Schulung im positiven Denken. Überhaupt solle man seine Erwartungen niedrig halten, das erspare einem Enttäuschungen. Ständig würden die Menschen klagen, wie schlecht es ihnen ginge und über die Krisen der Welt jammern. Entweder klagten sie über Inflation oder über Deflation oder die Umweltzerstörung oder die soziale Ungerechtigkeit oder über Europa oder über alles zusammen. Dass wir in Europa seit 70 Jahren in Frieden miteinander verleben, werde vergessen. Dass das Waldsterben gestoppt worden sei, ist auch aus den Nachrichten verschwunden. Dass die Flüsse in Deutschland heute deutlich sauberer sind als vor 20 Jahren, ist – keine Meldung. Dass keine einzige Prognose über den Klimawandel zugetroffen habe, halte keinen Wissenschaftler davon ab, die nächste Klimakatastrophe zu prophezeien. „Ich misstraue Menschen, die nicht in der Lage sind, das Wetter für die kommenden zwei Wochen vorauszusagen, aber erzählen wollen, wie hoch der Meeresspiegel im Jahr 2100 ist.“

Sich lieber freuen, als sich zu sorgen

Dieter Nuhrs „Weltformel“ lautet: „Irgendwas ist immer.“ Man könne den Mensch als „Erfolgsmodell“ bezeichnen, stattdessen sorge man sich über die sieben Milliarden Bewohner, die der Planet bald zählen werde. Man sorge sich über die Alterung der Gesellschaft, statt sich erst einmal darüber zu freuen, dass die Menschen so alt werden. Wir fürchten uns davor, dass die Nutzung des Handys zu Gehirntumoren führen könne und übersehen, wie viele Menschenleben durch das Mobilfunktelefon gerettet worden sein, kann man doch heute viel schneller Hilfe holen.

Über die „Grundempörung“, über das „Dauerjammern“ macht sich Dieter Nuhr lustig – und damit macht er sich über uns alle lustig. Sein sympathisches Leitmotiv an diesem Abend zeigt, dass es kein Naturgesetz ist, dass Comedy ressentimentgeladen, so wie bei Mario Barth und Kurt Krömer, sein muss oder dass Politiker und Manager per se machtbesessen, verschlagen und dumpf sind, wie es das politische Kabarett suggeriert.

Wie schlimm wäre ein fleischessender Hitler gewesen?

Dieter Nuhr schlägt dann zu, wenn Fanatiker unterwegs sind, Vegetarier zum Beispiel, die ihr Lebensmodell als alleinglückseligmachend propagieren. Was sie gern unterschlagen, dass auch Adolf Hitler kein Fleisch gegessen hatte. „Da kann man natürlich andererseits überlegen“, sagt Dieter Nuhr, „wie schlimm wäre dieser Hitler erst gewesen, hätte er auch noch Fleisch gegessen.“

Und vor dem Tod, so die frohe Botschaft des extrem kurzweiligen Abends, solle man sich auch nicht sorgen. Er sei ja schließlich auch jeden Tag wieder aufgestanden, das mit dem Tod sei keine ausgemachte Sache. „Wenn die Leute sagen, du wirst sterben, sage ich: ‚Abwarten’“.

Dieter Nuhr tritt auch am Sonntag noch einmal auf