Konzert in Berlin

Asaf Avidan jauchzt und fordert in der Passionskirche

Der israelische Sänger Asaf Avidan wurde bekannt mit seiner Rockband The Mojos, doch nach drei Alben entschied er sich für den Alleingang. Am Donnerstag spielte er am Marheinekeplatz in Kreuzberg.

Foto: Oliver Mehlis / dpa

Er ist ein rastloser Wanderer, der es offensichtlich an keinem Ort lange aushält. Ein reisender Sänger, der unstet durch die Welt zieht, um den Menschen seine Lieder ganz nahe zu bringen.

Der israelische Sänger und Songschreiber Asaf Avidan wurde bekannt mit seiner bluesbetonten Rockband The Mojos, doch nach drei erfolgreichen Alben entschied er sich für den Alleingang. Anstatt vor Tausenden mit seiner Band zu spielen, tingelt er auf seiner „Back To Basics“-Tour nur mit Gitarre und ein wenig Elektronik durch kleine Klubs, um seine Songs im intimen Rahmen strahlen zu lassen.

Wie am Donnerstagabend in der ausverkauften Passionskirche am Marheinekeplatz, in der er nach dem folkig-perlenden Eröffnungssong „My Latest Sin“ mit überwältigendem Jubel empfangen wird. Unendliches Leid und verzehrende Sehnsucht legt er in seine bis ins höchste Falsett jauchzende, fordernde, von Liebesqualen gepeinigte Stimme.

Ja, er ist auch ein guter Gitarrist, doch ist sein eigentliches Instrument diese Stimme, die er furchtlos phrasierend einsetzt, mit dem er keucht und kiekst, die er bis an die biologischen Grenzen ausreizt und mit der er seine Geschichten singt, in denen es um Gestrauchelte, Gefallene und immer wieder um glücklich wie unglücklich Verliebte geht.

In Unterhemd und Hosenträgern vor dem Altar

Das Bühnenbild ist ein hölzerner Kleiderständer, an dem er nach „Left Behind“ sein schwarzes Jackett aufhängt. In Unterhemd und Hosenträgern steht er vor dem Altar, zwei großflächige Tattoos lasten schwer auf seinen schmalen Schultern und mit Gitarre und Mundharmonika singt Asaf Avidan den Blues. Er hat sich den Slang der amerikanischen Südstaaten perfekt draufgeschafft, klingt mitunter knarzig wie die großen alten Folkblues-Sänger vom Mississippi und erzählt zwischendurch immer wieder über sich und über seine Musik, die er durchaus auch als therapeutische Maßnahme verstanden wissen will.

Diese Kirche sei der seltsamste Ort, an dem er jemals aufgetreten ist, sagt er. „Die verkaufen hier ja sogar Alkohol!“ Er nimmt noch einen Schluck. Avidan ist ein charmanter Plauderer, ein sympathischer Schlacks, der von seinem Kampf gegen die Tücken des Lebens erzählt und dass es einzig überbordender Liebeskummer war, der ihn auf die Bühne getrieben habe. Asaf Avidan ist studierter Trickfilm-Animateur, hatte einen guten Job in Tel Aviv.

Doch durch die Trennung von seiner ersten langjährigen Freundin lief sein Leben aus dem Ruder. Gleich sechs Songs schrieb er, um das Drama zu verarbeiten. „Girl won’t you come back“ bricht es aus ihm heraus, als er metaphernreich davon erzählt. „Girl won’t you come back“ schreit er sich die Seele aus dem Leib. Geholfen habe es der Beziehung freilich nicht. Die Lieder fanden sich 2006 auf seiner Debüt-EP „Now That You’re Leaving“.

Leonard Cohen auf Helium

Mitunter klingen seine Balladen, Folk- und Bluessong wie Leonard Cohen auf Helium. Ein Song wie „Conspiratory Visions of Gomorrha“, zu dem ihn die alttestamentarische Geschichte von Lots Frau inspiriert hat, weist auch hörbar cohensche Züge auf. Bei einigen Liedern nutzt er eine Loop-Maschine, mit der den Stücken Schritt für Schritt einen voluminösen und treibenden Sound samt Rhythmus, Bass und Beats verleiht.

Seinen größten Hit gibt es zum Schluss. Die großartige Ballade „The Reckoning“ wurde quasi durch einen studiotechnischen Unfall zur Nummer 1 in den deutschen Charts. Ein bis dahin eher unbekannte Berliner DJ namens Wankelmut hatte sich das Stück vorgenommen und als „One Day / The Reckoning Song“ durch die Dancefloor-Mangel gewalkt. Ein grausamer Mix, mit dem auch Asaf Avidan nicht sonderlich viel anfangen konnte. Aber er wurde zum Hit.

Nun singt er die Ballade von Trennung, Einsamkeit und Älterwerden elektronikfrei nur mit seiner Gitarre, und diese betörende Stimme knistert hoch und höher bis in die Wolken. Er wird umarmt von Applaus, kehrt zu mehreren Zugaben zurück und dankt seinem Publikum, das ihm die Treue hält bei seinen egoistischen Eskapaden, die, er betont es noch einmal, seine Therapie seien, um nicht am Leben zu verzweifeln. Ganz am Schluss lässt er sich sogar noch zu einem Wunschkonzert hinreißen. Man einigt sich auf „Devil and Me“. Und ein kleines Mädchen rührt ihn zum Abschied zutiefst, als es ihm einen Strauß Blumen auf die Bühne bringt.