Vor zehn Jahren hat Kostja Ullmann in Marco Kreuzpaintners Coming-Out-Film „Sommersturm“ seinen ersten Kinofilm gedreht. Der ihn zum Star machte. Nun haben die beiden noch einmal zusammen gearbeitet. „Coming In“ dreht nun den Spieß um: Der 30-Jährige spielt darin einen schwulen Star-Coiffeur, der plötzlich sein Herz an eine Frau verliert. Wir trafen den Hamburger Schauspieler im Hotel de Rome.

Berliner Morgenpost: Sie schnippeln in diesem Film oft an Haaren herum. Mussten Sie das üben, damit das auch echt aussieht?

Kostja Ullmann: Ja, das war schon echt. Das war uns auch wichtig. Deshalb habe ich anderthalb Monate vor Drehbeginn ein kleines Praktikum hier in Berlin gemacht, erst in Charlottenburg und dann bei Shan Rahimkhan am Gendarmenmarkt. Ich wollte gleich schneiden, musste aber erst mal Tage lang Haare auffegen und dann waschen, wie alle Azubis. Aber allmählich durfte ich auch schneiden. Das hat mir echt Spaß gemacht. Ich hab dann auch immer abends daheim noch weitergemacht. Am Ende durfte ich sogar meiner Maskenbildnerin Spitzen schneiden. Das ist ein echt kreativer Beruf, zumindest wenn man jemanden hat, der einen machen lässt.

Ich komme gerade vom Friseur. Hätte ich mir das sparen und gleich zu Ihnen gehen können?

Sie meinen, waschen, legen, reden? Kein Problem. Ich hätte Ihnen aber zur Sicherheit trotzdem noch einen Termin danach bei Ihrem Friseur empfohlen.

In „Coming In“ gehen Sie mit Ken Duken nackt unter die Dusche. Wie war das für Sie beim Drehen?

Wie bei jeder Nacktszene ist das erst mal ein bisschen genant am Set. Aber sowie die Klappe fällt, bist du in deiner Rolle drin und spielst. Da ist es auch egal, wen du küsst. Ken war sehr stoppelig, das war ungewohnt für mich. Aber letztlich war das ganz schön und irgendwie sogar sehr sinnlich.

Haben Sie jemals einen Mann geküsst? Ich meine, nicht vor der Kamera?

Klar. Marco Kreuzpaintner, meinen Regisseur. „Sommersturm“ war damals ja sein und mein erster großer Film. Seither sind wir gute Freunde. Ich glaube, meine Eltern haben mich da ganz gut erzogen. Meine Mutter war Tänzerin und hatte viele Schwule im Freundeskreis, deshalb war das für mich nie was Besonderes. Es gibt auch andere Kulturen, wo Männer Händchen halten oder sich küssen. Ich weiß nicht, warum das hier immer noch ein Problem sein kann.

Und hatten Sie je mal für einen Mann Gefühle des Verliebtseins?

Nein, das nicht. Meine erste große Liebe war meine Französischlehrerin, das war leider eine hoffnungslose Liebe. Aber ich habe mich von Anfang an nur für Frauen interessiert.

Hat man dann Skrupel, wenn man einen Schwulen spielen soll? Haben Sie einen Moment gezögert, als die Offerte kam?

Für mich ist das eine Rolle wie jede andere. Letzten Endes spiele ich eine Person und muss mir die kreieren. Es ist nicht die Sexualität, die einen Menschen ausmacht, deshalb war die Frage für mich nicht relevant.

Für die Januar-Ausgabe der „GQ“ haben Sie aber noch mal mit Ken Duken auf dem Cover geknutscht, als Mund-Propaganda gegen Homophobie. Die gibt es ja leider immer noch.

Ja, leider. Man denkt immer, in Großstädten ist man viel weiter. Aber schon in den Vororten gucken sich die Leute um, wenn zwei Jungs Händchen halten. Ich finde es schade, dass wir da nicht längst weiter sind mit der Toleranz. Deshalb ist es vielleicht gerade wichtig, so einen Film zu drehen, wo es genau darum geht, von diesem Schablonendenken wegzukommen. Letztlich geht es in „Coming In“ einfach um Liebe, nicht um homo und nicht um hetero.

Was ist das größte Klischee, das man umgehen muss?

Ich hatte Angst, dass ich zu äußerlich werde, mit übertriebenem Spiel. Aber Marco, der ja schwul ist, sagte: Mach dir keinen Kopf. Mach einfach und finde deine Figur. Das habe ich dann auch gemacht. Und dann war das keine Frage mehr, ob eine Bewegung vielleicht zu affektiert war.

Clemens Schick hatte auf der Berlinale einen Schwulenfilm, wollte sich dazu aber nicht äußern. Zum Filmstart kürzlich hat er sich dann doch noch geoutet. Müssten das noch mehr Prominente tun, damit das in der Gesellschaft ankommt?

Ich finde das ganz mutig von Clemens. Aber das muss jeder für sich entscheiden. Ich kann verstehen, wenn sich jemand nicht outet. Obwohl ich glaube, dass das gar nicht so ein Problem ist. Zumindest nicht bei den Fans. In Amerika kann ein offen schwuler Schauspieler wie Neil Patrick Harris nicht nur Fernsehstar werden, der darf auch die Oscars moderieren. Wenn, dann ist das höchstens ein Problem von Entscheidern wie Produzenten oder Casting-Leuten. Die Zuschauer sind da vermutlich viel weiter.

Es gibt auch andere Beispiele bei uns, die lassen sich immer noch als Frauenschwarm vermarkten.

Das muss schlimm sein, wenn man sein Leben mit einer Lüge lebt. So ein Versteckspiel ist doch eine Qual. Selbst wenn man beim Beruf ein wenig einstecken müsste, hätte man privat so viel dazu gewonnen. Deswegen bewundere ich Clemens. Oder so jemand wie Thomas Hitzlsperger. Man sieht denen ja förmlich die Erleichterung hinterher an. Aber das ist eine persönliche Entscheidung. Dass man von anderen geoutet wird, finde ich das Schlimmste, was einem passieren kann.

Frauenschwarm – das Etikett klebt ja auch an Ihnen. Sind solche Rollen auch eine Möglichkeit, der Schönheits-Falle zu entgehen?

Ich war lange der liebe Junge von nebenan. Und musste dagegen ankämpfen. Das war nicht so einfach, aber inzwischen ist das wohl angekommen. Das liegt vielleicht daran, dass ich etwas älter geworden bin. Vielleicht liegt es aber auch nur an meinem Bart. Und wenn ich den abrasiere, muss ich wieder den lieben Buben spielen.

Eigentlich wollte Kreuzpaintner „Coming In“ ja in England drehen, mit Orlando Bloom. Wie fühlt sich das jetzt an...

... als deutscher Orlando Bloom? Wenn er dabei gewesen wäre, wäre das sicher ein ganz anderer Film geworden. Damals gab es auch noch ein ganz anderes Drehbuch. Deshalb kann man das gar nicht vergleichen.

Sie haben eine eigene, ziemlich aufwendig gestaltete Website. Dennoch gibt es seit fünf Jahren keine neuen Einträge. Kein Bock mehr aufs Internet?

Nein, zum Kinostart wird es da jetzt einen ganz neuen Look geben.

Trotzdem, warum die lange Pause?

Ich fürchte, ich bin immer etwas faul, wenn es um die Social Media geht. Ich mach das alles selber, aber ich lass es dann auch schleifen. In den vergangenen Jahren ist ja auch Facebook und Twitter und Instagram aufgekommen. Da geht eigentlich keiner mehr auf eine Homepage. Ich habe mich deshalb mehr auf die anderen Media konzentriert. Obwohl ich auch da ganz träge bin. Bis mir Moritz Bleibtreu gesagt haben, das sei total wichtig. Inzwischen macht mir das auch Spaß, ab und an was zu posten. Und nicht nur einmal im Monat.

Laufen Facebook und Twitter dann heiß, wenn Sie mal einen Mann küssen?

Das ist immer so, wenn man einen neuen Film hat. Das hört dann aber auch bald wieder auf.

Wie ist das mit Selfies mit Fans auf dem roten Teppich. Nervt das?

Bei mir hält sich das noch sehr im Rahmen, das ist nicht so extrem. Bei Matthias Schweighöfer ist das vielleicht anders, der kommt allein wahrscheinlich gar nicht mehr vor die Tür. Ich kann noch ganz normal einkaufen gehen. Und wenn mal wer fragt, ist das auch okay. Solange nett gefragt wird. Es gibt natürlich auch Leute, die dich einfach anfassen oder sich neben dich stellen, wenn du vielleicht gerade in einen Burger beißt. Aber das war nie so übergriffig, dass ich jetzt Paranoia hätte.

Ist das eine Modeerscheinung, die vielleicht auch mal wieder abebben wird?

Wahrscheinlich. Ich bin eh gespannt, wo das mit all diesen Pics hingeht. Du kannst ja inzwischen alles fotoshop-technisch bearbeiten und so viele Filter draufsetzen, dass man immer gut aussieht. Auch wenn du dich morgens mit verquollenen Augen geknipst hast. Irgendwann werden Fotos wahrscheinlich gar nicht mehr als solche wahrgenommen, weil jeder sich fragt, ob das noch echt ist. Es gibt also Hoffnung. (lacht)