Buchpreis 2014

Lutz Seiler erhält den Deutschen Buchpreis für Roman „Kruso“

Der Gewinner des Deutschen Buchpreises kommt aus Berlin: Lutz Seiler wird für den Roman „Kruso“ ausgezeichnet. Der spielt im Sommer 1989 auf Hiddensee - in lyrischer, sinnlicher Sprache, so die Jury.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Für seinen DDR-Aussteigerroman „Kruso“ hat Lutz Seiler den Deutschen Buchpreis 2014 erhalten. Poetisch und sinnlich beschreibe der Autor darin den Sommer des Jahres 1989 auf Hiddensee, begründete die Jury ihre Wahl Montagabend in Frankfurt. Mit dem Preis wird der beste Roman des Jahres in deutscher Sprache geehrt. Auf der Shortlist für das Finale standen sechs Romane. Der Deutsche Buchpreis, den der Dachverband der deutschen Buchbranche seit zehn Jahren verleiht, gilt als inzwischen wichtigste Auszeichnung der Branche. Seiler erhält als Preisträger 25.000 Euro.

Hiddensee sei damals ein Ort für Sonderlinge, Querdenker, Freiheitssucher und angehende DDR-Flüchtlinge gewesen, erklärte die Jury. Daraus habe Seiler eine packende Robinsonade um den titelgebenden Kruso und den jungen Abwäscher Edgar gemacht.

Seiler arbeitete damals als Abwäscher auf Hiddensee

Im Zentrums des Erstling-Romans steht eine Gruppe von Aussteigern, die eine Gaststätte auf Hiddensee betreibt. Seiler selbst arbeitete damals als Abwäscher auf der Insel. „Kruso“ sei zugleich auch ein Requiem für alle Ostseeflüchtlinge, die bei ihrer Flucht ums Leben kamen, hob die Jury hervor.

Der 51-jährige Seiler ist vielfach ausgezeichneter Lyriker – „Kruso“ aber ist sein Debütroman. Der gebürtige Thüringer Seiler machte in der DDR eine Lehre als Baufacharbeiter, bevor er wie sein Romanheld Germanistik studierte. Seiler lebt heute in der Nähe von Berlin und Stockholm.

In der Endausscheidung zum Deutschen Buchpreis setzte er sich gegen Thomas Hettche („Pfaueninsel“), Angelika Klüssendorf („April“), Gertrud Leutenegger („Panischer Frühling“), Thomas Melle („3000 Euro“) und Heinrich Steinfest („Der Allesforscher“) durch.

Die siebenköpfige Jury sichtete insgesamt 176 Titel, die im vergangenen Jahr erschienen waren. Im August wurde eine Longlist veröffentlicht, die dann Anfang September auf die sechs Titel fürs Finale reduziert wurde. Der Preis wird traditionell am Vorabend der Frankfurter Buchmesse vergeben.

Lutz Seiler im Interview

Berliner Morgenpost: Sie sind ein Autor im Glück. Erst der Uwe-Johnson-Preis, dann erreichte Sie die Nachricht vom Marie-Luise-Kaschnitz-Preis und nun folgt der Deutsche Buchpreis. Als Lyriker gewinnen Sie den Preis ausgerechnet mit Ihrem ersten Roman?

Lutz Seiler: Es ist natürlich wunderbar, dass „Kruso“ viele Leser findet. Dass es Leser gibt, ist doch das Größte. Aber es ist nicht so, dass ich das als aufsteigende Kurve irgendeiner Laufbahn empfinde – von der Lyrik über Erzählungen zum Roman. Ich habe lange Zeit nur Gedichte geschrieben und hatte schon nach jedem Gedichtband Lust, ein wenig in die Prosa zu marschieren. Aber die Gedichte haben mich immer wieder eingefangen, sie erschienen mir die spannendere Gattung und sind mir auch jetzt nicht weniger wichtig. Das sieht plötzlich so aus wie eine Karriere, aber so empfinde ich es nicht.

Mit „Kruso“ haben Sie der Insel Hiddensee ein Denkmal gesetzt. Wie kamen Sie auf die Idee, das Eiland als Fluchtpunkt für eine sehr eingeschworene Gemeinschaft zu nehmen?

Ich hatte das gar nicht vor, eigentlich hatte ich einen anderen Stoff im Sinn. Ich kniete 2010 auf einem anderen Romanprojekt, das sich aber einfach nicht fügen wollte. Ich habe damals viel recherchiert, ich war gerade Stipendiat in der Villa Massimo in Rom, aber es fügte sich nicht. Für einen Autor, der nicht schreibt, steht ja alles in Frage, die ganze Existenz, die Berechtigung, auf der Welt zu sein. Ich habe mich damals verabschiedet von der Idee, einen Roman zu schreiben. Ich hatte ja immer noch den Heimathafen der Gedichte. Dann sagte meine Frau, „schreibe doch mal zehn Seiten über diesen Hiddensee-Stoff, der dir so gut gefallen hat“. Das sollte eigentlich ein kleineres Rückblick-Kapitel werden im ursprünglich geplanten Roman. Dann wurden daraus 500 Seiten, das war mein Stoff.

Also wurde aus der Krise ein Roman? Von 2010 bis 2014 haben Sie daran gearbeitet.

Als ich anfing zu schreiben, hatte ich sofort ein paar starke Bilder, denen ich absolut vertrauen konnte. Die waren wie Portale, durch die ich hineingehen konnte in die Geschichte.

Wann entdeckten Sie die Insel eigentlich?

Im Sommer 1989. 1988 war ich erstmals kurz da und nahm mir vor, in jedem Fall wiederzukommen. Ich zog mit einem Freund über die Insel, es gab ja keine Quartiere, aber als Saisonarbeiter bekam man ein Bett. Und so sind wir dann im Klausner gelandet als Abwäscher, für 2,70 Mark die Stunde. Das Norderende zahlte nur 1,20 Mark. Aber es ging ohnehin nicht um Geld, nur um die Insel, um die Chance dort zu sein. Die damalige Tresenfrau Ramona ist heute die Besitzerin. Das war schon eine phantastische, sehr exotische Szene da oben, ein Mikromilieu, das es so nur dort und später nie wieder gegeben hat.

Die Insel war ja bereits zu DDR-Zeiten ein Sehnsuchtsort.

Hiddensee war ein Mythos und ein Sehnsuchtsort, nicht nur für Intellektuelle. Eigentlich wollte jeder einmal auf die Insel. Neben den Urlaubern und Tagestouristen gab es diese Szene von Aussteigern und Ausgestoßenen, die es ganz bewusst versucht haben, sich dort als Saisonarbeiter durchzuschlagen. Es gab dort ja keine Kellner, Tresenleute und Köche, es gab nur Philosophen, Soziologien, Maler und Dichter, die sich als Kellner, Tresenleute und Köche verdingten, um an diesem Ort ein weitgehend selbstbestimmtes Leben zu leben. Die Insel, die Natur, das Meer, das war auch eine gewisse Jenseitserfahrung. Hiddensee als eine Art Fluchtort innerhalb der Grenzen.

Können Sie sich jetzt einen zweiten Roman vorstellen?

Warum denn nicht? Ich hätte schon Lust dazu.

Eine Idee dazu?

Ich würde den Stoff des ursprünglichen Romanprojektes noch einmal aufgreifen. Angesiedelt wäre der Roman dann zwischen 1990 und 1993 in Berlin, dem Todesjahr Alexander Krusowitschs, Krusos also. Am Anfang des Epilogs in „Kruso“ wird diese Lücke bereits markiert.

Das würde sich also zeitlich an „Kruso“ anschließen?

Vielleicht. Das wäre dann die unmittelbare Nachwendezeit in Berlin. Für mich die „Assel“-Zeit, das war die erste freie Kneipe in der Oranienburger Straße, wo ich als Kellner und Küchenkraft gearbeitet habe. Bei meiner Recherche für „Kruso“ habe ich viele Leute von damals wieder getroffen. Das Ganze funktionierte vom Mauerfall an ja wie eine Wanderdüne, die von Hiddensee nach Prenzlauer Berg mäandert ist. Die Leute aus Hiddensee kamen nach Berlin, machten in Prenzlauer Berg und in Mitte weiter, eröffneten Kneipen und Cafés, das Café Westphal zum Beispiel, das erste neue Café am Kollwitzplatz, eröffnet von einem Klausner-Kellner – inzwischen gibt es das leider nicht mehr.

Das war ja der Stoff Ihres ursprünglich ersten Romanprojektes. Warum sind Sie damals am Thema gescheitert?

Ich war einfach zu dicht dran. Ich hatte versucht, ein Scheitern zu verhindern und bin daran gescheitert. Ohne eine gewisse Bereitschaft zum Risiko geht es eben nicht. Man muss bereit sein, auch mal zweihundert Seiten umsonst zu schreiben, ohne Ergebnis, ohne Buch.

Wie leben Sie eigentlich Ihren Doppeljob? Sie leiten das literarische Programm im Peter-Huchel-Haus in Wilhelmhorst und schreiben.

In Wilhelmshorst erledige ich meine Pflichten. Geschrieben wird in Stockholm, dort lebt meine Frau und dort habe ich meine Schreibhöhle.

Haben Sie ein Ritual?

Man könnte annehmen, in diesen Zeiten, so global und vernetzt wir immerzu sind, wäre es eigentlich egal, wo man schreibt. Aber wenn ich in Schweden ankomme, dann bin ich weg – jedenfalls habe ich dieses Gefühl. Mails zum Beispiel spielen dann keine so große Rolle mehr, und die schwedische Telefonnummer kennt eigentlich auch keiner. Ich habe dort einen schönen Arbeitsplatz, ich schaue eine Weile zum Fenster hinaus und irgendwann mache ich die Jalousie runter und beginne zu schreiben.

Ist das nicht jedes Mal ein Bruch, Stockholm/Berlin?

Nein, das ist inzwischen Routine, ich sortiere mich auf diese Weise, ein Ort für Pflichten, ein Ort fürs Schreiben.

Nachdem man Ihren Roman liest, möchte man immerzu Gedichte von Trakl lesen, die im Buch eine gewisse Rolle spielen.

Es ging mir auch darum, zu erzählen, wie wichtig Gedichte sein können in diesen jungen Jahren. Den emotionalen Überschuss, den man in diesem Alter hat, in dem ein Gedicht die kostbarste Sache auf der Welt sein kann. Die Gedichte sind für Ed und Kruso etwas Heiliges. Sie haben diese Parallelität im Unglück, die darin besteht, dass beide ihren liebsten Menschen verloren haben. Darüber wird aber nie gesprochen, es gibt diese gemeinsame Fremdheit, die sie verbindet. Und die Gedichte funktionieren wie Kassiber, mit denen sie sich verständigen.

Was sagt man denn im Klausner zu ihrem Roman?

Ich war da, die Leute dort machen weiter ihr Ding, sie sind nicht so schnell zu beeindrucken durch Literatur. Es ist immer noch ein bisschen so, als wären sie jenseits der Nachrichten. Die Tresenfrau sagte mir, dass Besucher kommen und nach dem Buch fragen, darüber wundern sie sich jetzt. Dort gibt es eben andere Probleme, zu wenig Gäste in der Nachsaison zum Beispiel, weil die Wirtschaft eben ein Stück vom Weg oben an der Steilküste liegt.

Man kann „Kruso“ durchaus als Wenderoman lesen, nicht nur weil er im Sommer 1989 spielt.

Ich denke, es wäre falsch, „Kruso“ einen Wenderoman zu nennen. Es geht auch nicht um die Rekonstruktion des Sommers 1989 auf Hiddensee. Aus meiner Sicht ist "Kruso" eine Robinsonade. Die Handlung spielt auf einer Insel und wir haben die beiden Figuren Ed und Kruso, Robinson und Freitag, wenn man so will. Diese besondere, zärtliche, schwierige Freundschaft steht im Zentrum, dazu Krusos Philosophie und Praxis der Freiheit, zu der eine heilige Suppe, rituelle Waschungen und drei Inselnächte gehören, in denen Kruso verspricht, die Schiffbrüchigen des Landes und des Lebens zurückzuführen zu den Wurzeln der Freiheit..

Aber über das Radio hört man viel über die aktuelle Nachrichtenlage...

Es gibt diese historische Folie im Hintergrund, die über das Radio namens Viola eingesprochen wird. Das ermöglichte mir, mich jedes zeitgeschichtlichen Kommentars zu enthalten. Und alles was „Viola“ sagt, ist echt. Das hab ich recherchiert, im Archiv des Deutschlandfunks, der die dazugehörigen Bestände extra für meine Recherche digitalisiert hat - dafür war ich sehr dankbar.

Also, wann setzten Sie sich an den nächsten Roman?

Nicht vor dem nächstem Jahr.