Die Geliebte hat er gestern Abend verlassen. Sie war beleidigt. Wie immer, wenn sie zurückstehen muss. Weil er wieder „in den Berliner Hafen einläuft“.
Das schmollende Hamburg ist Burghart Klaußners Geliebte. Heimlich natürlich, denn von einer Geliebten dürfen die anderen ja nichts wissen. Eine schöne Charaktereigenschaft hat er bei ihr festgestellt: Sie habe Humor ohne Worte, man könne mit ihr schweigend witzig sein. Und Berlin? Hierher kehrt er heim, hier ist er geboren, hier lebte die Familie über drei Generationen. Berlin gibt ihm eine Art Schutzschild. Wie in Bayern damals, wo er einige Jahre zur Schule ging. Die Mitschüler stellten ihm nach, wollten ihn wegen seines Dialektes verprügeln. Er aber sagte sich: Mir kann keener, bin Berliner. „Das war mein Überlebensmotto.“
Berlin und Hamburg. Er hat in beiden Städten Wohnungen. Eigentlich betrügt er sie ja beide. Vielleicht ist das seine gesunde Mitte. „Das Tollste ist, beide zugleich zu haben. Davon kann man wirklich profitieren.“
Als wir uns um 11 Uhr vormittags vor dem Grill Royal sehen, hat Burghart Klaußner eine unangezündete Zigarette in der Hand. Feuer? „Ich will nicht rauchen“, erklärt er. Noch eine ganze Weile wird er die Zigarette in der Hand hin und her bewegen, ohne dass sie glimmt. Unser Treffpunkt kann kein Zufall sein. So ein Promilokal hatte schon sein Vater geführt. In der Grolmanstraße. „Zum Klaußner“ hieß es, Willy Brandt und Romy Schneider hatten sich ins Gästebuch eingetragen. Ende der Sechziger Jahre hat es zugemacht. Der Vater war auch nicht beleidigt, dass sein Sohn es nicht weiterführte, sondern die wirkliche Bühne suchte. „Mein Vater war von meinem Berufswunsch begeistert. Auch er wollte immer Schauspieler werden.“
Kraftvolle Nebenrollen
Schauspieler! Klaußners Filmauftritte sind sparsam, aber voller Wucht. Wie kaum einem anderen Schauspieler in Deutschland gelingt es ihm, Nebenrollen so viel Kraft zu geben, dass sie sich ins Gedächtnis einmauern. Wie den gewissenlosen Unternehmer in „Die fetten Jahre sind vorbei“, der scheinbar mit seinen jugendlichen Entführer harmoniert. Dafür bekam er 2005 den Deutschen Filmpreis. Größer war sein Auftritt in Michael Hanekes glänzender Regiearbeit „Das weiße Band“. Klaußner spielt einen Pastor, einen überstrengen Tugendwächter, der seine Kinder mit dem Stock schlägt. Und wieder wurde er mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet.
Es gibt Filme wie Volker Schlöndorffs aktuelles Weltkriegsdrama „Diplomatie“, da rumpelt er als Hauptmann Werner Ebernach nur ein paar Minuten durchs Bild und trotzdem weiß man, wen man eben gesehen hat. Aber es gibt auch die richtig großen Auftritte. Wie in „Invasion“ vor zwei Jahren. Da agiert er als ein Witwer, der von einer Schar unliebsamer Bekannter heimgesucht wird. Klaußner spricht nicht viel, aber er wirkt. Das ist seine Stärke. Das Reduzierte, Stille, in sich Zurückgezogene.
An diesem Morgen in Berlin präsentiert sich Klaußner nur teilweise wie in seinen Rollen. Er ist grüblerisch, aber er sprudelt auch. Vielleicht weil er sich auf seiner Heimatbühne befindet. Unser Blick fällt auf die Weidendammer Brücke. Er singt: „Kannst du da Preussens Adler sehn, am Geländer über der Spree...“ Der Text ist angelehnt an Wolf Biermanns Ballade vom preußischen Ikarus. „Er hat das zu Ost-Berliner Zeiten komponiert. Es handelt von den Banden zwischen Preußen und der DDR – und dem Wunsch, frei sein zu wollen“, sagt Klaußner. Er habe Biermann übrigens gerade gestern im Zug nach Berlin getroffen. „Wir haben lange gequatscht.“
„Ich wollte auf die alte Wunde“
Klaußner, der am Sonnabend 65 Jahre alt wurde, wohnt in der kleinen Straße Am Zirkus, neben dem Berliner Ensemble. Vor 13 Jahren hatte er ein Festengagement am Gorki Theater. „Nach der vielen Zeit des Herumwanderns dachte ich, das ist eine Gelegenheit, mal wieder einen Fuß in Berlin zu haben.“ Nicht im Westen, wo er herstammt, und auch nicht in Prenzlauer Berg sollte die neue Adresse sein, nein: „Ich wollte auf die alte Wunde, da wo die Grenze war.“ Also Mitte. „Ich wollte beobachten, wie es weitergeht.“ Mit seinem neuen Berlin. Er schaute auf die zunehmenden Touristenströme – „das ist kein Übel, sondern ein großes Glück. Man soll sich doch freuen, wenn sich einer für einen interessiert.“ Und er sah, was ihm weniger gefiel, das Spreedreieck gegenüber – „Schießschartenarchitektur übelster Art“.
Das klingt nun wie ein Startsignal. Es soll zur Museumsinsel gehen, das ist Klaußners Vorschlag. Das Spazierengehen ist für ihn mehr als Leidenschaft, es wäre auch eine Option für ein anderes Dasein. „Wenn ich Zeit hätte, wäre ich überhaupt nur Zuschauer und Flaneur. Aber das hat mir das Leben nicht in Gänze geschenkt.“ Er versteht es gut, in seiner Sprache Altes und Neues zu verbinden. Überhaupt scheint das eine Passion zu sein – zu sehen, wie sich das Neue aus dem Alten herausschält.
Während wir links an der Spree entlang in Richtung Bodemuseum gehen, macht er auf die „gewaltigen Sanierungsmaßnahmen“ aufmerksam, die hier stattfinden. Dieses Abreißen, Neubauen, stört es ihn, den heimgekehrten Berliner? „Ich bin optimistisch. Es ist doch eine ungeheure Leistung, aus dem nichts ein Quartier oder ein Viertel zu bauen.“ Den Potsdamer Platz beispielsweise: „Was soll man mehr machen, als Architekten mit unterschiedlicher Formsprache wie Renzo Piano und Helmut Jahn aufeinander loszulassen und möglichst viele verschiedenartige Stile zu kombinieren?“ Überhaupt, um eines mal klarzustellen: „Ich bin kein Meckerfritze, ich habe einfach einen guten Geschmack. Und mich ärgert’s, wenn der nicht erfüllt wird.“
Als Kritiker ist er unbarmherzig
Trotzdem – als Kritiker ist er unbarmherzig. Diese Frauenstatue mit dem Bogen da vor der Alten Nationalgalerie – „der Gesichtsausdruck zu kleinkariert, die Frisur zu ausgedacht, die Haltung unklar.“ Burghart Klaußner macht eine kleine Pause, dann sagt er: „Nur die Brüste sind schön.“ Der Bildhauer Ferdinand Lepcke ist seit mehr als 100 Jahren tot, das Urteil über seine Diana-Figur trifft ihn also nicht mehr. Zeit, ein Bild von Ihnen zu machen, Herr Klaußner. Da will er aber auch selbst Regie führen. „Wenn Sie das Äußere arrangieren, müssen sie das Innere auch arrangieren“, erklärt er dem Fotografen. Mal sehen, ob es klappt.
Als wir unseren Weg wieder aufnehmen, diesmal in Richtung Deutsches Theater, sprechen wir über seine Berliner Familiengeschichte. Der Urgroßvater kam aus Franken nach Berlin. „Ein Bauerssohn, der zuviel war und vom Hof musste.“ Er gründete die Kneipendynastie. Vor allem mit Pilsner Urquell, das er als erster in Deutschland importierte, machte er sein Geld. „Die Berliner hatten einen Bierverbrauch, den man sich heute auch in Träumen nicht mehr vorstellen kann. Es war keine Ausnahme, wenn ein Gast an einem Abend sechs Liter Bier trank. Schauen Sie sich mal die wilhelminischen Bürgermänner auf alten Fotos an. Die hatten alle dicke Bierbäuche.“
Jahrzehntelang war das Lokal hier in Mitte in der Krausenstraße. 1943 wurde es durch Bomben zerstört, also zog man in Ku’damm-Nähe. Klaußners Vater war ein sehr umtriebiger Mensch. Er betrieb auch eine Zeit lang das frühere Hotel Esplanade am Potsdamer Platz. Während des Zweiten Weltkrieges leitete er auch ein Offizierkasino, womit er sich jahrelang unentbehrlich machte und erst in den letzten Kriegstagen eingezogen wurde. Er versuchte sich noch zu verstecken, wurde aber am Strandbad Wannsee auf der Toilette von einem Feldjäger entdeckt. Trotzdem kam er mit dem Leben davon.
Was haben Sie von Ihrem Vater geerbt? „Die Genusssucht.“
Harte Erfahrungen
Vor kurzem drehte Klaußner wieder einmal in Berlin. In dem Film über den Hitler-Attentäter Georg Elser übernahm er die Rolle des SS-Gruppenführers Arthur Nebe. „Eine ganz zwielichtige Figur, die am Ende des Krieges noch versucht hatte, sich dem Widerstand anzuschließen und prompt gehängt wurde.“ Während der Filmaufnahmen fiel Klaußner ein Telefonbuch von 1937 in die Hände, und da standen sie alle drin: die Großeltern, die Eltern, das Lokal „Zum Klaußner“. Bewegend war das für ihn.
Klaußner wurde vier Jahre nach Kriegsende in Berlin geboren. Als er 18 war, ließen sich die Eltern scheiden. „Die Verhältnisse waren alles andere als bürgerlich. Meine Mutter hat dann neu geheiratet, einen langjährigen Liebhaber, wie sich nachträglich rausstellte.“ Für ihn war das „ein ziemlich hartes Faktum“. Er studierte erst an der FU, Theaterwissenschaft und Germanistik, wurde aber dann nach einem Jahr auf der Max-Reinhardt-Schauspielschule angenommen.
Was war der Impuls, Schauspieler zu werden? „Ich wollte mich verkleiden. Ein Kostüm ist fast das wichtigste Einstiegsmittel in eine Figur. Jede Hose bedeutet einen anderen Charakter.“ Sicher, ein äußerliches Mittel, „aber man fängt gar nicht erst an, lange im Seelenkakao herumzuwühlen“. Die Schauspielerei ist für ihn doch auch mehr: ein Erkundungsweg, „der Versuch herauszukriegen, was in anderen vorgeht“.
Erstes Engagement an der Schaubühne
Lag es an seiner privaten Situation, der Trennung der Eltern? Klaußner eckte an. Die Schauspielschule verließ er vorzeitig nach zwei Jahren, bekam trotzdem sein Diplom. „Die waren froh, dass sie mich los waren.“ Er bekam Anfang der 70er-Jahre ein erstes Engagement an der Schaubühne. Ein Anfang, um den ihn wahrscheinlich viele beneidet haben. Bruno Ganz, Botho Strauß, Jutta Lampe waren die prägenden Namen dort in der Zeit. Und er? „Sie waren nur fünf Jahre älter, aber Lichtjahre weit weg. Es war ein toller Einstieg, aber auch ein bisschen zu hoch, es ist mir ein bisschen zu Kopf gestiegen.“ Er habe kein richtiges Verhältnis zu dem Ganzen gehabt, weil er aus einer ganz anderen beruflichen und familiären Situation kam. „Mir waren viele Gepflogenheiten vollkommen unbekannt und unklar.“ Wieder eckte er an. „Ich hatte immer ’ne eigene Meinung ganz vorne auf der Zunge.“ Er wechselte ans Schiller Theater – und wurde nach anderthalb Spielzeiten rausgeschmissen.
Wer den jungen, ungestümen Klaußner einmal sehen will, kann das sehr gut in der Fernsehserie „Das Rätsel der Sandbank“ aus den 80er-Jahren. Klaußner spielt darin einen jungen Engländer, der Anfang des 20. Jahrhunderts an der deutschen Küste mit einem kleinen Segelboot unterwegs ist und deutsche Invasionspläne ausspioniert. Störrisch, geheimnisvoll und eigenbrötlerisch gibt sich dieser Engländer, den Klaußner mit jugendlichem Elan spielt, obwohl er da schon selbst Mitte 30 ist.
An der Ecke Reinhardt-/Friedrichstraße führt er durch einen unscheinbaren Eingang. Schon nach ein paar Schritten öffnet sich ein merkwürdiges Gelände mit leer stehenden Gebäuden, restaurierten Wohnhäusern und kleinen Grünflächen. Still ist es. Ein schöner, unentdeckter Ort. Die Humboldt-Universität beherbergt hier den sogenannten Campus Nord. Schmuckstück ist das Tieranatomische Theater, das Carl Gotthard Langhans gebaut hat. Ein frühklassizistischer Bau, der in seinem Inneren einen amphitheaterartigen Raum besitzt. Auch das Deutsche Theater liegt in der Nähe. Für Zuschauer könne so ein Theaterbesuch ja eine Schweraufgabe sein, meint Klaußner. „Man hat zu 80 Prozent Pech, zu 19 Prozent ist es ganz nett und das eine Prozent lohnt die ganzen Mühen.“ Wir setzen uns auf ein Bank. Die Zigarette bekommt endlich Feuer.
In den Theatern hat er es ja nie lange ausgehalten, aber im Privaten bewies er Festigkeit. Seit 38 Jahren ist er mit seiner Frau zusammen. Zwei Söhne sind aus der Ehe hervorgegangen, der eine Jurist, der andere auch Schauspieler. Und seine Frau – hat sie mit Schauspiel zu tun? „Nee, die ist nur sehr intelligent. Das kann oft nicht schaden.“
An der Friedrichstraße verabschieden wir uns. In ein paar Stunden wird er wieder den Zug nach Hamburg nehmen. Die Geliebte wartet schon.


