Simone Kermes gehört zu den umherreisenden Sängerinnen, die sich bestaunen und feiern lassen und offenbar Spaß am Leben haben. Und sich obendrein dazu bekennen. Die gebürtige Leipzigerin, die in guter Diven-Tradition ihr Geburtsdatum geheim hält, wird gern auch als „Nina Hagen der Barockmusik“ bezeichnet. Ohne Nina Hagen zu nahe treten zu wollen, aber die Kermes kommt deutlich lustiger rüber und kann obendrein viel besser singen. Die rothaarige Sopranistin ist zweifellos ein Original und ihre ebenso explosive wie warmherzige Stimme muss man einfach mögen. Jetzt ist sie mit ihrer neuen CD „Dramma“ auf Tour und am Dienstag im Konzerthaus anzutreffen.
Wieder entführt sie in die alte neapolitanische Gesangsschule des 18. Jahrhunderts. „Das ist der eigentliche Belcanto, Rossini ist doch nur ein Abklatsch“, sagt sie in der ihr eigenen Direktheit. Sie hat halt ihre eigenen Heiligen. Aber sie erklärt auch gleich warum. „Damals standen die Komponisten noch im Dienste der Sänger. Auch die Librettisten hatten sich dem unterzuordnen. Die Musik funktionierte wie die heutige Popmusik“, sagt sie. Die Kastraten haben damals abgeräumt, meint sie. Die armen Kastraten sind schon eines ihrer Lieblingsthemen, gerade wenn es um die Vermarktung ihrer CDs geht. „Kein Schwein kennt die Komponisten“, sagt sie später beiläufig im Gespräch.
Die Po-Fotos bleiben im Schreibtisch
Aber diesmal möchte sie zunächst lieber über einen richtigen Kerl reden. Auf den stieß sie überraschend in Düsseldorf beim Fotoshooting für das CD-Cover. Das Foto zeigt die Sängerin in barocker Pose (“Die Perücke war nur so ein einfacher Füllstoff“), dahinter sitzt hindrapiert ein junger Mann. Ebenfalls mit Perücke, wie sie sagt, ansonsten nackt. „Das war ein geiles Fotoshooting“, schwärmt sie, „was für ein perfekter Körper.“ Bei dem jungen Mann handelt es sich um einen Medizinstudenten, es war sein erstes Fotoshooting, obendrein gleich nackt, die Po-Fotos bleiben aber im Schreibtisch liegen und sein Name geheim, erklärt sie noch.
Die CD selbst sieht aus wie eine Bonsai-Schallplatte. „Ein kleiner Gag“, sagt sie: „es gibt einen Vinyl-Effekt.“ Wenn man die Platte abspielt, ist zunächst einige Sekunden lang das Knistern wie bei einer alten Schallplatte zu hören. Dann scheppern die Trompeten. Schließlich setzt im Hightech-Sound das Orchester ein. „Das hat Pink Floyd schon vor -zig Jahren gemacht“, meint sie, aber beim Klassikpublikum sind solche Verspieltheiten gewagt. Es gab also auch Diskussionen mit der Plattenfirma. Allein schon, weil die Leute kommen könnten und einen technischen Fehler vermuten.
Also wurden im Studio zwei Versionen für Sony Classical produziert. Schließlich fiel die Entscheidung für das „Vinyl“-Projekt. Es hat sich gelohnt, „Dramma“ hat sich gleich ganz nach vorne in die Klassik-Charts katapultiert. Die Kermes verkauft sich bestens, nicht umsonst wurde sie bereits „Sängerin des Jahres 2011“. Kunst und Kommerz seien für sie kein Widerspruch, sagt sie, aber sie singe nur das, was ihr auch gefalle. „Ich muss irgend etwas finden, um es interpretieren zu können.“
Beim Singen King Kong vor Augen
Bemerkenswert ist, wie die Sängerin überhaupt auf diese „Vinyl“-Idee gekommen ist. Dazu muss man ihr um drei Ecken folgen. Das Ganze beginnt mit der Teseo-Arie „Per trionfar pugnando“ aus Guiseppe de Majos Oper „Arianna e Teseo“, die 1747 in Neapel uraufgeführt wurde. „In der Arie geht es darum, ein Monster zu töten“, sagt Simone Kermes. Sie hatte beim Anfang sofort den alten King-Kong-Film vor Augen, genau genommen die Stelle, wo er eingefangen wird. Die Fänger nähern sich also von Ferne. Es sind die näselnden Trompeten. „Ich denke, das Orchester kommt von weiter her und plötzlich - bing! - steht das Vieh da“, sagt sie. So beginnt die Arie. Das sind ihre Fantasien dazu. Zweifellos klingt die Arie mit dem Wissen viel lustiger.
Wer die Biografie der Sängerin aus Sachsen liest, würde kaum auf dieses Temperament schließen. Nach der Schule wurde sie zunächst Fachkraft für Schreibtechnik. Bald nach der Berufsausbildung begann sie ihr Gesangsstudium an der Leipziger Musikhochschule „Felix Mendelssohn Bartholdy“. Meisterkurse besuchte sie u.a. bei Elisabeth Schwarzkopf oder Dietrich Fischer-Dieskau. Das waren die nobelsten Stil-Ästheten unter den Lehrern. Simone Kermes wurde 1993 erste Preisträgerin beim Mendelssohn-Wettbewerb in Berlin und drei Jahre später Preisträgerin beim Internationalen Bach-Wettbewerb in Leipzig.
Bei einem Wettbewerb kam eine Jurorin vor der Endrunde auf sie zu und bat sie, nichts weiter zu tun als zu singen. Das tat sie und gewann. An einem Haus sesshaft ist sie nie geworden, sie ist ein international herumreisendes Singwunder. Dazu gehört auch, dass sie das Publikum schon mal aufschreckt, weil sie zu einer Barockarie zu klatschen beginnt. Oder in einer Talkshow dem eingeschüchterten Karel Gott fröhlich seine „Biene Maja“ entgegen schmettert.
Die schwierigsten Arien überhaupt
Kermes mag bunte Mischungen, was Komponisten angeht. Aber sie fühlt sich schon deutlich hingezogen zu Nicola Antonio Porpora. „Der war nicht nur Komponist, sondern auch Gesangslehrer der Kastraten. Er hat sich die Typen genau angeschaut, ihre Gesangstechnik und ihnen auf die Stimme geschrieben“, sagt Simone Kernes: „Er war so etwas wie der Dieter Bohlen der Barockmusik. Und Porpora war seinerzeit der Konkurrent von Händel.“ Irgendwie hofft sie, dass er wieder entdeckt wird.
Unter den Kastratensängern hält sie Caffarelli für den Topstar. Sie muss es wissen, sie singt seine hochvirtuosen Arien. „Das sind die schwierigsten Arien überhaupt“, meint sie. Der Sopran Caffarelli, der mit neun Jahren kastriert wurde, war ein Schüler Porporas. Händel hat ihm seine berühmte Arie „Ombra mai fu“ aus „Serse“ auf den Leib komponiert. Aber Händel und Caffarelli konnten nicht miteinander. Der heute bekanntere Farinelli, sagt Simone Kermes, hatte vor allem in jüngeren Jahren eine unglaubliche Stimme. Das alles kann sie in den Noten lesen. „Vor diesen Arien darf man keine Angst haben“, sagt sie. Viele Sänger wissen heute gar nicht mehr genau, was sie damit machen. Aber wenn sie die Noten sehe, die Lage, die Linien, dann wisse sie immer, das ist meine Stimme.
Termine
Konzerthaus: 23.10.2012, 20 Uhr, Simone Kermes Tournee 2012. Tel.: 203092101
Kammermusiksaal der Philharmonie: 28.11.2012, 20 Uhr, Simone Kermes im Benefizkonzert der Stiftung Gute Tat.de. Tel.: 01805-9690000




