Martin-Gropius-Bau

Nach Ai Weiwei und David Bowie kommen jetzt die Wikinger

Von Ai Weiwei bis Bowie - Vor dem Berliner Martin-Gropius-Bau drängen sich die Besucher. Bereits 515.000 kamen in diesem Jahr. Und schon wird die nächste Mega-Schau vorbereitet: Die Wikinger kommen!

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Einer hat sich die Haare toupiert wie David Bowie, allerdings sah’s bei dem deutlich besser aus. Eine ganze Busladung 18- und 19-Jähriger steht also vor dem Martin-Gropius-Bau, alle wollen da rein, zum abgefahrenen „Ziggy Stardust“, eine Kunstfigur des Verwandlungskünstlers David Bowie. Es gibt Zeitkarten, wer die nicht hat, muss halt draußen warten.

Dichtes Gedrängel auch in der Ausstellung, das gehört aber irgendwie dazu. Denn die Schau ist ein medial hoch gezündetes, vielstimmiges Solo-Konzert des britischen Performers. Der singt und schaut aus zwei Meter Höhe hinab auf seine Jünger wie ein Messias, der verschiedene Masken trägt. Hallo, hier ist Showtime!

Zwei Dreijährige hocken mit Ohrhörern auf dem Boden und haben sichtlich Spaß dabei, drei etwa 75 Jahre alte Damen studieren gemeinsam die fragilen Figurenzeichnungen des Briten. Und eine 50-Jährige, sie wippt mit dem Sound aus den Stöpseln, starrt gebannt auf Bowies alten Schlüsselbund (mit Steckschlüssel) von damals, als er in der Berliner Hauptstraße lebte. Das waren noch Zeiten. Eine tolle Bühne hat man Bowie hier eingerichtet im Kreuzberger Ausstellungshaus. 130.000 Besucher in zwölf Wochen.

Das meistbesuchte Ausstellungshaus in diesem Sommer

Es läuft gut im Martin-Gropius-Bau, das meistbesuchte Ausstellungshaus in diesem Sommer. Die Schau wie die von Bowie ist allerdings idealtypisch: Im Grenzbereich von Musik, Zeitgeschichte und Clip-Ästhetik spricht sie verschiedene Besucherschichten an. „Hierher kommen auch Menschen, die vorher noch nie im Gropius-Bau waren“, vermutet Gereon Sievernich, Chef des Hauses.

Gerade erst stand das Kreuzberger Ausstellungshaus mit der Retrospektive von Ai Weiwei im Fokus einer großen Öffentlichkeit. Auch bei dieser Präsentation standen die Schlangen an vielen Tagen vor der Tür. Der chinesische Künstler, der nicht ausreisen darf, macht Politik mit den einfachsten Mitteln, seine Selbstvermarktungsstrategie ist Gold wert. 240.000 Besucher guckten sich das in vier Monaten an. Sievernich kann es kaum glauben, als er uns gerade die Zahlen für das laufende Jahr durchgibt: 515.000 Besucher. Zum Vergleich: 2013 waren es 420.000. Zu Bowie-Zeiten hat der Gropius-Bau täglich geöffnet.

Wie Gereon Sievernich das macht? Zunächst stimmt die Mischung der einzelnen Ausstellungen. Egal ob Familien oder Individualreisende mit gehobenem Anspruch, hier findet tatsächlich jeder etwas bei einer Auswahl von parallel drei oder vier Ausstellungen. Die Touristen mögen das zentral gelegene Haus, das auf der Kulturstrecke zwischen Checkpoint Charlie, Topographie des Terrors und Potsdamer Platz gut zu erreichen ist. Immerhin: Sechzig Prozent der Besucher kommen nicht aus Berlin. „Dass der Sommer gerade so gut läuft, liegt an den Touristen“, sagt Sievernich. Mittlerweile ist der Gropius-Bau in jedem ernst zunehmenden Führer aufgelistet.

Die Auswahl macht es

Sein Rezept ist simpel: „Neues entdecken. Unbekanntes entdecken“, sagt er. Drei Säulen gehören zu seinem Konzept: Archäologie, Fotografie und bildende Kunst aus allen Epochen im Angebot. Fotografie ist ein Bereich, der besonders junge Leute anzieht.

Die Auswahl macht es: Bei Blockbustern wie Ai Weiwei und David Bowie oder Ikonen wie Frida Kahlo zählt nicht nur das Werk allein, sondern ebenso die ausgefallene Biografie oder das Politikum. Diese Besuchermagneten kombiniert Sievernich oft mit kleinen Entdeckungen wie gerade jetzt die sensationellen Farbfotografien aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. In Berlin kennt man den französischen Mäzen und Bankier Albert Kahn nicht, in Paris ist ihm ein Museum samt Garten gewidmet: Um 1910 schickte er Fotografen rund um den Globus. Mit deren Bildern entstand eine Art Welt-Atlas. Denn Kahn hatte eine Mission: Kommunikation unter den Völkern befördert Frieden. Das war natürlich eine Utopie, dennoch schlägt diese Ausstellung in der Idee einen Bogen zu den aktuellen Ereignissen in den Krisengebieten. Als dritte Präsentation steht Walker Evans – ein Klassiker der Schwarzweiß-Fotografie – im Programm. Ein Selbstläufer.

Dieses breite Angebot führt zu einer altersmäßig guten Durchmischung des Publikums. Eins weiß Sievernich aus Erfahrung: Für Berlin müssen es wichtige, ja ganz neue Themen oder zumindest bedeutende Künstler sein, die hier noch nicht gezeigt wurden. Das Publikum ist anspruchsvoll, da kann man nichts untermogeln. Interessant ist auch immer ein spezieller Berlin-Bezug. Meret Oppenheim beispielsweise wurde 1913 in Berlin geboren, hatte noch nie eine große Ausstellung hier – der Gropius-Bauer würdigte sie endlich zum 100. Geburtstag im vergangenen Jahr.

Gauck eröffnet die „Wikinger“

Als nächstes schiffen die „Wikinger“ ein, ein 37 Meter langes Schiff mit meterhohem Segel kreuzt bereits den imposanten Lichthof. In knapp vier Wochen geht es los, 800 Funde aus der Wikingerzeit sollen präsentiert werden. Sie kommen aus dem Museum für Vor- und Frühgeschichte, eigentlich sollte die Schau in der James-Simon-Galerie auf der Museumsinsel stattfinden. Aber die ist nicht fertig geworden. Bundespräsident Joachim Gauck wird die populären „Wikinger“ eröffnen. Sievernich plant „auf Volldampf“. Zehn bis zwölf Ausstellungen stemmt er pro Jahr. Er verwaltet ein Budget von 2,5 Millionen Euro, für ein Haus dieser Größe ist das nicht viel. Da bleibt wenig für die Ausstellungen selbst, der Chef ist also ständig dabei, Gelder einzutreiben, etwa 70 Prozent des Jahresetats. Da fühlt Sievernich sich manchmal wohl wie ein krämerischer Kaufmann. Erschwerend kommt hinzu, dass Kooperationen mit großen, prominenten Institutionen einen Vorlauf von etwa drei Jahren brauchen.

Das ist heikel, Sievernich fährt dann nämlich auf Risiko. Wenn kalkulierte Besucherzahlen nicht erreicht werden, geht es ab ins Minus. Er muss also ein gutes Gespür dafür entwickeln, wann, welche Ausstellung auch gut laufen könnte. Eine Bowie-Schau geht sicher allemal besser bei hitzigen 35 Grad als eine Bibel-Präsentationen von Weltrang.

Um so ein Risiko zu reduzieren läuft die mit Filmen, Clips und Vitrinen aufwendig gestaltete David-Bowie-Ausstellung über die Münchner Eventagentur „Avantgarde“. Über Zahlen möchte Sievernich nicht sprechen, aber „es bleibt noch etwas übrig“ für den Gropius-Bau. Natürlich hofft er auf eine „Verbesserung der Grundfinanzierung“. Die Kulturstaatsministerin hat das Haus schon einige Male besucht, vielleicht lässt sie sich bald etwas einfallen.

Foto: David Heerde