Oper

Zum Abschied gibt Siegfried Matthus Mozarts „Zauberflöte“

Festivalchef und -gründer Siegfried Matthus übergibt die Festspielleitung der Kammeroper Schloss Rheinsberg – sein Sohn übernimmt. Die „Zauberflöte“ zum Abschied bietet vergnügliche Situationskomik.

Foto: Kammeroper Schloss Rheinsberg

Es hat etwas Rituelles, wenn Festivalchef Siegfried Matthus vor sein Publikum tritt, es begrüßt und einige Belanglosigkeiten über das mal mehr, mal weniger gute Wetter sagt. Es verströmt etwas Familiäres, gleich darauf präsentiert der Opernpatriarch seine Sängerkinderschar auf der Bühne.

Diesmal zu Mozarts „Zauberflöte“, bekanntlich ein Selbstläufer, das Heckentheater ist jedenfalls rappelvoll. Diese am Ende gefeierte, überaus vergnügliche „Zauberflöte“ ist dennoch etwas Besonderes: Nach 24 Jahren verabschiedet sich der Gründer Siegfried Matthus von seiner Kammeroper Schloss Rheinsberg, Sohn Frank Matthus übernimmt die Leitung.

Libretto von Elke Heidenreich

Es ist quasi eine dynastische Übergabe, sie scheint dadurch nicht leichter zu sein als andere Führungswechsel. Kurz vor der Premiere sind beide im Büro des Kavalierhauses anzutreffen. „Ich gebe gerne Rat, wenn man ihn denn will“, sagt Siegfried Matthus. Und verdreht dabei die Augen. Eigentlich will er sagen, dass ihm zu wenig zugehört wird. Frank Matthus hat bereits sein neues Programm zusammengebastelt. Er wird es im Herbst in Berlin vorstellen.

Im Heckentheater soll 2015 Verdis „La Traviata“ in seiner Regie gezeigt werden. Frank Matthus ist ein Theatermann, die ja von Hause aus lauter und provokanter sind. Darüber hinaus plant er eine Uraufführung auf ein Libretto von Elke Heidenreich. Er will wieder mehr Glamour in Rheinsberg, erklärt die Oper schon mal lauthals für tot und ruft zugleich eine Renaissance bei seinem Festival aus.

Mit Festival-Uraufführungen hat sich Siegfried Matthus schon immer schwer getan. Obwohl er selbst ein bedeutender Komponist ist. Das Festival gehöre den jungen Sängern, sagte er einmal, und die brauchen für ihre beginnende Karriere halt Mozart und nicht Matthus. Das ist zwar die Wahrheit, aber das sagt ein Komponist, der doch traditionell egomanisch und eigenbrötlerisch zu sein hat. In Rheinsberg hat sich Matthus immer mehr als Impresario, weniger als Komponist gefühlt.

Geliebtes und gehasstes Regietheater

Siegfried Matthus war 1934 im ostpreußischen Mallenuppen geboren worden, nach der Evakuierung verschlug es den Zehnjährigen in die Nähe von Neuruppin. Er studierte Musik in Berlin, war Meisterschüler von Hanns Eisler. Der große Walter Felsenstein verpflichtete den gerade mal 30-Jährigen als Komponisten und Dramaturgen für zeitgenössische Musik an die Komische Oper. Felsenstein hatte eine neue Regieschule begründet, in der es um nichts anderes als die musikalische und szenische Glaubwürdigkeit gehen sollte. Dieses Modell der Modernisierung bis hin zum Skandal sollte sich später als geliebtes und gehasstes Regietheater auch anderswo manifestieren.

Matthus macht aus seiner Abneigung gegenüber dem Regietheater keinen Hehl und plädiert dafür, Opern lieber im traditionellen, historischen Gewand auf die Bühne zu bringen. Skandale waren nie seine Sache. Als Festivalchef hat er auch schon mal in Inszenierungen eingegriffen. Einmal wollte eine junge Regisseurin die Rusalka mit Glatze das Lied an den Mond durch die Hecke singen lassen. Die Idee fand er abscheulich. Er weiß, dass das alles konservativ klingt. „Aber deswegen kommt das Publikum doch auch nach Rheinsberg“, sagt er. Sein Sohn sieht das völlig anders.

Die neue „Zauberflöte“ hat Kay Kuntze, ein Weggefährte von Siegfried Matthus, inszeniert. Für Matthus ist Mozart ein Komponist der reinsten Gefühle. Die habe ein Regisseur aufzuspüren. Kuntze hält sich diesmal allerdings kaum daran. Seine „Zauberflöte“ will vor allem unterhalten, es ist auch ein bisschen Stehgreiftheater mit Comicelementen, selten hat man das Publikum derart herzhaft lachen gehört. Der Sommerabend ist voller Situationskomik. Die jungen Sänger spielen durchweg wunderbar mit.

Ein Abend voller Mozart-Schmelz

Natürlich fliegen die meisten Sympathien wieder dem Papageno zu. Die Rolle des burschikosen Vogelfängers ist mit Bernhard Hansky ideal besetzt, ein versierter Sänger und pointensicherer Komödiant. Die Entdeckung des Abends bleibt Marija Mitic, die ihrer Pamina große Gefühle inklusive Verwirrungen abringen kann. Dabei ist ihr Prinz eh langweilig in seiner lauteren Schönheit, Goran Cah führt den Tamino mit fahlem, aber sicheren Tenor vor. Erik Ginzburg verfügt noch nicht über die nötige Schwärze für den Sarastro, kann der Rolle aber viel Charakter abgewinnen. Das alles wird möglich, weil die Brandenburger Symphoniker unter Leitung von Michael Helmrath mehr als ein sicheres Klangfundament auslegen. Es ist ein Abend voller Mozart-Schmelz.

Einen Jugendtraum hatte sich Siegfried Matthus nach der Wiedervereinigung erfüllt. In Rheinsberg, dort, wo er sein Abitur machte, gründet er sein Festival. Im einstigen Musenhof von Prinz Heinrich treffen sich jetzt in den Sommermonaten junge Leute mit erfahrenen Opernmachern und erarbeiten sich die Premieren. Hunderte Bässe bis Soprane und falls erforderlich auch mal Countertenöre singen dafür alljährlich vor. Eine Reihe bekannter Sänger wie die Sopranistin Annette Dasch sind aus dem Festival hervorgegangen. Vater Matthus ist stolz auf seine Sänger, er hat sich alle Bewerber angehört. Sohn Matthus will künftig das Prozedere straffen. Es gibt eine strengere Vorauswahl, das Vorsingen wird auf wenige Tage verkürzt. Dafür sollen Agenturen und Theater mit am Tisch sitzen. Überhaupt will Frank Matthus die Präsenz auch in den sozialen Netzwerken ausweiten. Das bräuchten Sänger heute am Markt, glaubt er. Am Prinzip des Sängerfestivals will er nicht rütteln: „Was gibt es fürs Publikum Schöneres, als junge Leute auf der Bühne zu sehen.“

Matthus ist gut im Geschäft

Vater Matthus hat in Rheinsberg alle Schlachten geschlagen. Er hat die Musikakademie mitbegründet und den Wiederaufbau des Schlosstheaters vorangetrieben. Das Theater wurde im Jahr 2000 mit seiner Kammeroper „Kronprinz Friedrich“ eingeweiht. Inzwischen gibt es die Siegfried Matthus Arena, eine multifunktionale Veranstaltungshalle, in Rheinsberg. Jetzt wolle er wieder mehr komponieren, sagt der 80-Jährige. Er ist offenbar gut im Geschäft. Mit Stardirigenten Christian Thielemann hat er vereinbart, Capell-Compositeur der Staatskapelle Dresden zu werden. Für Cottbus komponiert er zum Fontane-Jahr 2019 eine „Effi Briest“-Oper. Sohn Frank schreibt ihm das Libretto. Und was die Rheinsberger Kammeroper angeht, so der Senior: „Ich habe mir Freikarten ausbedungen.“

Kammeroper Schloss Rheinsberg, „Die Zauberflöte“ am 12., 13., 15., 16. August, 20 Uhr. Tel. 033931-34940