Kommentar

Herta Müller - Gezerre um Ehrenbürgerschaft ist eine Farce

Hertha Müller hat in ihrem Leben vieles erlebt: Isolierung, Verrat, Ächtung. Mit seinem Lavieren beschädigt der Berliner Senat die Würde der Literaturnobelpreisträgerin, meint Matthias Wulff.

Foto: rj/rj / Getty Images

Im Vergleich zu dem, was Herta Müller sonst in ihren Leben erlitten hat, ist das Agieren der Berliner Politik eine Petitesse. Isolierung, Verrat und Ächtung – die ganze Skala an menschlichen Grausamkeiten hat die Literaturnobelpreisträgerin in Rumänien durchgemacht.

Selbst als sie nach Deutschland auswanderte, gab der Geheimdienst des Ceaușescu-Regimes nicht auf und verfolgte sie weiter. Kurzum, da kann sich der Senat mühen, wie er will, Herta Müller ist gestählt, wenn es um Demütigungen geht.

Trotz alledem ist es eine Farce, die sich die Stadt bei der Vergabe der Ehrenbürgerwürde leistet. So hat der CDU-Abgeordnete Michael Braun vergangene Woche erzählt, dass Herta Müller nicht Ehrenbürgerin der Stadt Berlin werden könne, da sich der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit dagegen ausgesprochen habe.

Von Senatsseite heißt es seitdem, dass eine Ehrenbürgerwürde "ein vertraulicher Vorgang" sei und es daher keine Stellungnahme gebe. Und überhaupt: Entschieden sei noch gar nichts.

Der Senat beschädigt die Würde von Herta Müller

Was dem Senat noch fehlt, um seine Entscheidung zu fällen, würde man gern wissen. Ein Führungszeugnis? Eine Stellungnahme der Securitate? Ein Gutachten der Schriftstellervereinigung PEN? Und vor allem würde man gern erfahren, nach welchem Abwägungskriterien entschieden wird: Statt rasch eine Entscheidung herbeizuführen, beschädigt er die Würde von Herta Müller bei der Vergabe der Ehrenbürgerwürde. Die Farce wird dadurch komplettiert, dass nun über eine Auszeichnung entschieden wird, nach der sie nicht gestrebt hat.

Eine Ehrenbürgerschaft, das ist selbstverständlich, ist kein Karnevalsorden, den man mit leichter Hand und ohne Nachdenken vergibt. Heinz Berggruen, Johannes Rau und Wolf Biermann sind Ehrenbürger der Stadt. Ronald Reagan und George Bush sind Ehrenbürger Berlins, einigen Militärs der sowjetischen Armee und DDR-Politikern wurde der Titel nach der Wiedervereinigung aberkannt. Mit dieser persönlichen Auszeichnung verbindet sich seit jeher eine politische Gewichtung. Dass Marlene Dietrich sie post mortem 2002 erhielt, war auch als Geste des Verzeihens gemeint. Bei ihrem Konzert in Berlin 1960 wurde sie noch als "Vaterlandsverräterin" beschimpft.

Herta Müller ist eine unprätentiöse, intelligente Autorin, die – selten genug unter politisch denkenden Schriftstellern – nicht belehren will und das rasche Urteil scheut. Dass sie nach Berlin gekommen ist, ist für die Stadt ein Geschenk. Nun ist die Stadt an der Reihe.

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