Bei Tierfotografie denkt man gleich an röhrende Hirsche und irgendwelche überzüchteten Katzen. Und dass man da gar nicht hingehen möchte. Und dann tut man es doch. Die Alfred Ehrhardt Stiftung hat sich in diesen Tagen in einen kuriosen Zoo verwandelt: Im Fenster der Ladengalerie hängt ein präparierter Wanderfalke, der glotzt auf zehn Mäuse, die da auf einem Brett balancieren, natürlich ausgestopft. Sie kommen aus dem Naturkundemuseum.
„Wild“ heißt die Ausstellung mit ungefähr 70 Fotografien von 35 zeitgenössischen Künstlern. Wild und lebendig ist hier gar nichts, sondern ironisch aufgespießt durch die Kunst, die verschiedene Mittel wählt. Rahmenlos sind die Blätter an die Wand gepinnt, in loser, luftiger Folge oder dicht beieinander in Petersburger Hängung. Eine tolle Mischung, da ist viel drin.
Kurator Matthias Harder, man kennt ihn aus der Helmut-Newton-Stiftung, kniet auf dem Boden, einen Stapel Kataloge und Bücher vor sich. Für Tierfotografie gibt es zahlreiche Beispiele und Vorbilder: Peter Beards „The end of game“, Roger Ballens „Animal Abstraction“, William Wegmans Weimaraner-Fotos. Der US-Fotograf hat es mit seinen Hunden in menschlicher Kostümierung und Pose zu hohen Preisen auf dem Kunstmarkt gebracht.
Alter Ego des Menschen
Das Erste, was der Frühmensch in seinen dunklen Höhlen malte und zeichnete, war das Tier. Er brauchte es, um überhaupt zu überleben. Das Erste, was ein Baby heute in seinem Bett sieht, ist ein Kuscheltier, eines mit großen Knopfaugen. Mittlerweile ist es so, dass der Mensch drei wichtige Projektionsflächen ausgemacht hat: Gott, das Auto und eben das Tier. Es ist Alter Ego und Spiegelbild, im Guten wie im Schlechten. Selbst unsere Umgangssprache macht nicht halt davor: „dumme Kuh“, „armes Schwein“ oder „blöder Affe“, all das kann man zuweilen hören. In der Literatur wimmelt es nur so von Tieren, bei Gottfried Benn und Georg Trakl etwa kündigt gleich ein ganzes Heer von Ungeziefer, Mäusen, Ratten den Weltuntergang an. Tiere werden also gehasst, geliebt, geopfert, ausgestopft und ausgerottet.
Natürlich hat auch die bildende Kunst ihre Affen. Bei Jörg Immendorff bevölkerten sie viele Bilder, Beuys liebte den Hasen, Franz Marc seine blauen Pferde. Der Bildhauer Rembrandt Buggatti lebte quasi im Pariser Zoo, und Walton Fords lebensgroße Tiger, Gorillas oder Wölfe sind die Historienbilder der Gegenwart. Sie schaffen es in große Museen. Auf der letzten Documenta in Kassel schickte Pierre Huyghe einen Hund mit rosa Beinen über die Wiese der Karlsaue, einige Meter weiter hatte der Kanadier Brian Jungen den „Dog Run“ installiert, ein Parcours offen nur für Hunde und Hundehalter. Wer das gesehen hat, weiß, wie weit Tierliebe gehen kann.
Ausgestopfte Katzen auf dem Buffet
Katja Bilo, die in Leipzig studierte, zeigt in der Ehrhardt-Stiftung diese abgründig-skurrilen Seiten, die eigentlich alles sagen über die Tierhalter. Das sind wohl die verrücktesten Stillleben, die man je gesehen hat. Bilo besuchte Menschen in ihren Wohnungen, die sich von ihren Vierbeinern auch nach deren Tod nicht trennen konnten. Nun stehen die ausgestopften Katzen wie Trophäen auf dem Biedermeier-Buffet, fein säuberlich mit Deckchen neben Hochzeitsfotos, goldumrahmten Tassen und Trockenblumen-Arrangements. Der Präparator muss irgendwie geschielt haben, da ist ein Katzenbuckel steil geraten wie ein Berg.
Katzen gehören wohl zum Tagesgeschäft des Berliner Tierpräparators Stephan Klaue. Schaut man auf seine Internetseite, so liegt der Preis für eine Katze bei 250 bis 300 Euro. Nur ein Elch kommt teurer, veranschlagt mit 1000 bis 1300 Euro. Klaue hat für Ausstellung in der Ehrhardt-Stiftung einige Wasserbock-Köpfe ausgeliehen, die kommen an die Wand. Das hat er noch nie gemacht. Früher hing so etwas eben in barocken Wohnzimmern über dem Sofa, heute adelt es eine Galerie.
Model für Herrchen
Thorsten Brinkmann ist auf den Hund gekommen. Der ist eine lustige Promenadenmischung, ein Erbstück dazu und eigentlich immer mit im Atelier. Dort läuft er dem Künstler, wenn der filmt, einfach durchs Bild. So war der Weg zur Fotografie kurz. Er steht nun Herrchen Model. Der steckt ihn kurzerhand in einen knallroten Koffer, Beine oben raus oder wickelt ihn in weiße Papierstreifen, so sieht er aus wie ein Zebra. Das macht er toll. „Ernie III.“ zeigt ihn in Herrscherpose, mit einer umgestülpten Tasche auf dem Kopf, eine schräge Krone.
Was Frauchen nicht kann, darf dann ihr Pudel. Wahrscheinlich ist er schöner als seine Besitzerin. Auf jeden Fall ist sein Fell so lang und so hochtoupiert, dass er damit auf den Laufsteg geschickt wird. „Happyness“ von Bernhard Moosbauer zeigt diese traurige Verwechslung.
Vom Aussterben bedrohte Rassen
In „All Ladies“ versammelt Ursula Böhmer nichts als Kühe, die sie in 25 Ländern Europas porträtiert hat – auf Augenhöhe. Dabei fotografierte sie verschiedene, größtenteils vom Aussterben bedrohte Rassen. Und am Ende? Da bleibt dann das Naturkundemuseum. Kai Olaf Hesse hat sich fünf Jahre in den Depots der Häuser in Berlin und Leipzig umgeschaut. Nichts als Skelette.
Alfred Ehrhardt Stiftung, Auguststraße 75, Berlin-Mitte. Di-Sa 11-18 Uhr, Do bis 21 Uhr. 5. Juli bis 14. September 2014

