Ausstellung

Robert Lebecks „Kiosk“-Sammlung wird im Ullsteinhaus gezeigt

In 30 Jahren trug der vor drei Wochen verstorbene Berliner Fotograf Robert Lebeck mehr als 30.000 Magazine und Zeitungen zusammen: Das geplante Deutsche Pressemuseum will die gesamte Sammlung kaufen.

Foto: Amin Akhtar

Eigentlich wollte Robert Lebeck das Ullsteinhaus vor einigen Jahren gar nicht betreten. „Nee, das mache ich nicht“, hat er gesagt. Gleich am Arbeitereingang sitzt ein über zwei Meter großer Uhu am Backsteingebäude. Die Eule aus Bronze hockt da heute noch, Lebeck erinnerte sie jedes Mal an seine Kindheit in der Arnulfstraße in Tempelhof, wo er mit dem Vater und der Oma lebte. Er ist dann doch reingegangen, zusammen mit Holger Wettingfeld.

Der Mann mit der Studentenbrille auf der Nase hat sich einiges vorgenommen, er möchte dort ein „Deutsches Pressemuseum“ gründen. Berlin war immer schon die Medienstadt, findet er, und das denkmalgeschützte Ullstein-Gebäude mit seiner wechselvollen Geschichte als Zeitungs- und Verlagshaus ist geradezu prädestiniert als Domizil.

Und was macht man, wenn man kein Geld hat für so ein Projekt? Man sucht sich prominente Förderer und Unterstützer. So kam er auf Robert Lebeck, der sich im Kiez engagierte, sich bald für die Idee begeisterte und Mitglied im Förderverein zur Gründung des Pressemuseums wurde. Lebeck sagte ihm irgendwann, „Du, ich habe da etwas für euch.“ Kurz: Lebeck stellte Wettingfeld in Aussicht, seine wertvolle „Kiosk“-Sammlung an das Berliner Museum zu geben, als Grundstock der Institution. Natürlich nur, wenn die Finanzierung für Haus und Kollektion gesichert ist.

Vor drei Wochen ist der vielgereiste Fotoreporter gestorben, am heutigen Freitag wird er in Kreuzberg beerdigt. Nun wird Wettingfelds Ansprechpartnerin Lebecks Witwe Cordula sein. Die Grafikerin entwarf schon das Logo für das Werbeplakat des Museums, sie ist in die Pläne ihres verstorbenen Mannes involviert.

Weit mehr als 30.000 Magazine und Zeitungen

Die wenigsten wissen, dass der Berliner selbst sammelte. Zeitungen, Zeitschriften und Magazine, jene Medien also, in denen die Fotoreportage groß wurde und ihre Blütezeit in den 70er-Jahren erlangte. Später machte ihr das Fernsehen mächtig Konkurrenz. In 30 Jahren trug Lebeck weit über 30.000 Exemplare aus den Jahren 1839 bis 1973 zusammen, dazu Foto-Vorläufer wie die Daguerreotypie.

Eine Auswahl davon zeigte Lebeck schon einmal im Kölner Museum Ludwig. Er hatte wohl auch darüber nachgedacht, seine Kollektion an die Ryerson Universität in Toronto zu geben. Die Institution besitzt bereits das Archiv der New Yorker Fotoagentur Black Star, die ihre Abzüge verkauft hat. Da wären seine Blätter in historischer Gesellschaft. Momentan befindet sich Lebecks Sammlung im Privatarchiv in Schöneberg, gebunden oder in Einzelheften stapeln sich die Exemplare in Archivregalen, die bis unter die Decke reichen, erzählt Patrick Rössler, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Erfurt.

Er stufte die Sammlung in einem Gutachten als „nationales Kulturgut“ ein. „Einmalig in diesem Zuschnitt“, erklärt er. Breite und Zusammenstellung dieser Privatsammlung sei „unfassbar“. Deutschsprachige wie internationale Magazine sind dabei, etwa US-Ausgaben von „Life“, auch ein großer Lauf des „Stern“, für den Lebeck fotografierte. „So kann man die Unterschiede der Fotos in ihrem jeweiligen Verwendungskontext sehen“, erklärt Rössler. Fotos beeinflussen schließlich Politik.

Museum im Oberkeller des Ullstein-Gebäudes

Bei einer solchen Sammlung braucht es „Amtshilfe“. Man kann die Originale nicht einfach im Regal verstauen, sie brauchen Pflege. Also kontaktierte Holger Wettingfeld die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Ein idealer Ort zur Archivierung wäre die Kunstbibliothek. Dort gab es sogar Überlegungen zum Ankauf, „die Möglichkeiten wurden diskutiert“, sagt Direktor Moritz Wullen. Doch die Finanzen sind begrenzt. „Das ist abgeschlossen“, heißt es aus dem Büro von Hermann Parzinger. Wettingfeld bleibt diplomatisch, „unsere Suche nach Geldgebern ist noch nicht abgeschlossen“.

Im Oberkeller des Ullstein-Gebäudes soll das Museum Platz finden. Noch ist es dort unten leer und dunkel zwischen den Betonsäulen. Becker & Kries, Eigentümer des Ullsteinhauses, sind bereit, diese Räumlichkeiten an das Museum zu vermieten. Lebeck hat alles besichtigt und „abgenommen“, erzählt Wettingfeld. Für die Einrichtung veranschlagt der PR-Berater und Kulturmanager, Jahrgang 1964, zwei bis drei Millionen Euro.

Für ihn ist das Ullsteinhaus der Coup. „Es gibt kein Haus in Deutschland, in dem sich Höhen und Tiefen der deutschen Pressegeschichte besser widerspiegeln.“ Die Berliner Illustrirte Zeitung (BIZ) wurde damals dort gedruckt, im September 1898 kam die erste Berliner Morgenpost heraus.

Die Geschichte der Presse

Nach seiner Vorstellung sollte das Museum in drei Jahren fertig sein. Er sucht aus seiner Tasche ein Buch heraus, schlägt eine Seite auf mit der Abbildung eines Zeitungstitels. „Dann feiert die Zeitungsstadt Berlin das 400. Jubiläum mit dem Erscheinen der Frischmann Zeitung, die 1617 erschien. Als Vorläufer der Vossischen Zeitung.“

Er kann viel erzählen, über die älteste Zeitung Berlins und den Beginn des Zeitungswesens in der Stadt. Im Museum soll es darum gehen, wie sich das Pressewesen entwickelt hat, wie Pressefreiheit überhaupt entstand, wie Zensur wirkt. Erster Weltkrieg, 20er-Jahre, Nationalsozialismus, Propaganda. Die Gegenwart darf nicht zu kurz kommen, die Entwicklung des Printjournalismus und der dynamische Einfluss des Digitalen sollen auch eine Rolle spielen.

Noch allerdings steht die Finanzierung nicht. Wettingfeld berichtet, dass die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) Fördermittel von 50 Prozent für die Lebeck-Sammlung zugesichert hat – vorausgesetzt die andere Hälfe der Ankaufsumme ist gesichert. Experten schätzen den Wert der Sammlung auf bis zu eine Millionen Euro. Letztlich hofft Wettingfeld wohl auf Zuwendung vom Bund, schließlich handelt es sich um das deutsche Pressemuseum in der Hauptstadt. „Das Ganze ist mittlerweile ein Vollzeitjob“, sagt Wettingfeld. Jetzt geht’s erst mal in den Urlaub.