Er kam gerade von der Filmhochschule in Potsdam. Und stand ganz allein auf dem S-Bahnhof. Da kam die SMS. Dein Film ist unter den zehn Vornominierten für den Studenten-Oscar. „Das“, sagt Peter Baumann noch jetzt, drei Wochen danach, „war ein ganz einsamer Moment.“ Irgendwie war das ein „Boost“, der ihn fast weggetragen hätte. Doch den konnte er mit niemandem teilen. Und er wollte das auch gar nicht an die große Glocke hängen.
Schon als seine Filmhochschule seinen Kurzfilm „Border Patrol“ eingereicht hat, hat der 35-Jährige nur gemeint: „Macht mal.“ Er hätte sowieso nie geglaubt, dass daraus was wird. Für den kleinen Bruder des Oscar kann schließlich jede Filmhochschule dieser Welt bis zu drei Filme einreichen. Man mag sich gar nicht ausdenken, wie viele da im Jahr nach Los Angeles geschickt werden.
Anruf aus Hollywood
Eine Woche später war er in London. Sein Film war hier für die Royal TV Awards nominiert. Am Mittwoch hatte er deshalb eine Sitzung in der BBC, am Freitag wurde der Preis vergeben. Am Donnerstag aber kam ein Anruf aus Hollywood: Können Sie mal dringend in der Film-Academy zurückrufen? In dem Moment dachte Baumann, jetzt ist es vorbei. Irgendein Kriterium wurde nicht erfüllt, der Film ist raus und jetzt kommt ein tröstendes Wort: Tut uns wirklich leid... Gefühlt vergingen Ewigkeiten, bis der Mann am anderen Ende sich meldete. Aber der war ganz fröhlich: „Kannst du Anfang Juni für eine Woche nach Hollywood kommen?“
Peter Baumann hat es geschafft. Er ist jetzt einer von drei Nachwuchsfilmern, die einen Studenten-Oscar in der Kategorie Kurzfilm bekommen. „Das Schöne ist, dass ich nicht bibbern muss, ob ich was kriege“, sagt er und lacht verschmitzt. Es gibt nämlich drei Preise dafür. Und ob er am Ende Bronze, Silber oder Gold kriegt, ist für den Berliner gar nicht so wichtig. Schade findet er nur eins: dass es kein echter Oscar ist. Korrekt heißt der Preis Student Academy Award, und es ist eine Plakette, keine Goldstatue wie beim Großen Bruder, der im März verliehen wird. Aber auch das ist zweitrangig. Manchmal muss sich der Nachwuchsregisseur jetzt noch zwicken: „Nicht eine Faser von mir hätte gedacht, dass das klappt.“
Der Brite, der ein Berliner ist
Dabei ist der Preis, der seit 1973 verliehen wird, durchaus schon öfter nach Deutschland gegangen: an Wolfgang Becker etwa oder Katja von Garnier (siehe Kasten). Florian Baxmeyers Film wurde danach sogar auch für den „echten“ Oscar nominiert, und Florian Gallenberger hat den im Jahr 2000 dann auch noch mitgewonnen. Kann also sein, dass der Rummel damit erst richtig los geht. Auch so bedeutende Regisseure wie Robert Zemeckis, Spike Lee oder John Lasseter haben mal mit einem Studenten-Oscar begonnen.
Mit Peter Baumann sind Hadas Ayalon von der Filmhochschule in Tel Aviv und Lennart Ruff von der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen in die letzte Runde gekommen. Die Ironie daran: Alle in Hollywood glauben jetzt, dass Baumann ein Brite ist. Weil nicht er selbst den Film eingereicht hat. Sondern eben seine Filmhochschule. Und das ist die Northern Film School in Leeds, eine triste Industriestadt, die noch nie von sich als Filmstandort reden gemacht hat.
Deutsche Heimat, britischer Humor
Eine Karriere um drei Ecken: Baumann ist gebürtiger Münchner. Hat seine filmische Ausbildung aber in Edinburgh gemacht, von 2001 bis 2005. Dann kam er nach Berlin, hat hier überwiegend mit der Filmarche in Kreuzberg zusammengearbeitet. Der er zutiefst dankbar ist. Weshalb wir uns auch dort treffen, um von da aus schräg über die Straße in das Café zu gehen, in dem seine Freundin arbeitet. Für seinen Kurzfilm war ihm klar, dass kann er nicht alleine finanzieren. Da muss er noch mal an eine Filmschule. Er hat sich in Leeds und an der Media School in Hamburg beworben. Leeds hat zuerst geantwortet. Also ging es wieder auf die Insel. „Vielleicht“, meint Baumann, „ist das ja Schicksal“.
Vielleicht ist es auch Seelenverwandtschaft. Sein Kurzfilm „Border Patrol“ ist zwar ein Heimatfilm, der in der Idylle seiner eigenen Kindheit, nahe vom Walchensee spielt. Aber erzählt wird er mit rabenschwarzer Humor, wie man ihn vor allem aus England kennt. Da finden zwei Grenzer mitten im Wald einen Erhängten. Weil sie gleich ein Fußballspiel sehen wollen, schaffen sie die Leiche über die nahe Grenze nach Österreich und hängen ihn dort auf. Nanu, staunen die österreichischen Kollegen später, da isser ja wieder.
Eine Woche in Hollywood
Der Viertelstünder ist voll eingeschlagen. Er lief auf Festivals in Peking, Polen, Rumänien, Frankreich, hat zahlreiche Preise eingeheimst und wird demnächst auch in Tokio, Petersburg und Shanghai gezeigt. Aber am Montag geht es jetzt erst mal nach Los Angeles. Für eine ganze Woche. Am 7. Juni ist dann die Preisverleihung. Peter Baumann freut sich, dort mal reinzuschnuppern, wie die da ticken und arbeiten. Immer wieder sagt er, wohl vor allem zu sich selbst, dass er „auf dem Boden bleiben“, dass er „nicht abheben“ will.
Seine Freundin bleibt zuhause. Das hat sie selbst entschieden. „Ich weiß nicht, was sie die ganzen Tage gemacht hätte. Ich bin momentan etwas überfordert, da hätte ich das nicht auch noch entscheiden können.“ Natürlich sei es schade, dass sie das jetzt nicht zusammen erleben. Aber dafür könne er sich ganz auf sich konzentrieren. Da ist er nämlich sehr nüchtern. Und vielleicht auch ganz deutsch: „Über Partys mache ich mir keine Gedanken“, sagt er. „Ich geh da zum Arbeiten hin.“




