Neues Projekt

Der Oscar ist für Freydank keine Erfolgsgarantie

"Wer einen großen Filmpreis gewinnt, der ist erst mal ein Jahr arbeitslos." Das sagt Jochen Alexander Freydank, der für seine Kurzfilm "Spielzeugland" mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. Nun dreht der Berliner nach einer langen Pause seinen ersten Kinofilm: Die Kafka-Adaption "Der Bau". Und der Regisseur hat dafür schon zahlreiche Stars.

Foto: David Heerde

Was für ein Wechselbad der Gefühle. Am 22. Februar des vergangenen Jahres durfte Jochen Alexander Freydank einen Oscar entgegennehmen. Im klaren Bewusstsein, dass die ganze Welt zusah. Danach herzten ihn zahlreiche A-Promis, Kate Winslet allen voran. Und die Produzenten rissen sich um ihn. Doch nun, 15 Monate später, ist der Berliner Regisseur einigermaßen ernüchtert. "Man könnte meinen", sagt er, "der erste Film nach dem Oscar sei wie ein Freischuss." Bedächtige Pause. "Das Gegenteil ist der Fall."

Der Goldjunge ist zwar, keine Frage, eine großartige Auszeichnung. Er hat auch nach wie vor einen Ehrenplatz im Büro des Filmemachers. Aber so ein Preis ist eher wie ein Fluch. Ein befreundeter Kameramann hat mal einen Deutschen Filmpreis gewonnen – und war danach ein Jahr arbeitslos. Die Lola, die aussieht wie in eine Filmspule eingewickelt, wird in der Branche denn auch schon mal als "die Todesspirale" diffamiert.

Keine Gelder für sein Herzensprojekt

Der Preisfluch ist wohl vor allem ein deutsches Phänomen. Freydank war in den vergangenen Monaten mehrmals in Hollywood, er hat dort mit gut 50 Produzenten gesprochen, darunter "so unbedeutende Firmen wie Miramax, Warner, die Weinsteins". Das ist nicht hochnäsig gemeint, sondern sarkastisch. In Deutschland dagegen haben sich gerade mal drei Produzenten bei ihm gemeldet.

Freydank hat seinen Oscar für den Kurzfilm "Spielzeugland" gewonnen, einen Film, der, wie seine früheren Kurzfilme auch, nur unter schwersten Bedingungen und persönlichen Opfern entstand. Seit langem hat er ein eigenes Projekt für einen langen Kinofilm in der Schublade, die Kafka-Adaption "Der Bau". Die ist derzeit auf 1,8 Millionen Euro taxiert, ein Klacks selbst für hiesige Filmbudgets. Und der Regisseur hat dafür schon zahlreiche Stars wie Ken Duken, Nicolette Krebitz, Robert Stadlober und Dominique Horwitz selbst für Kurzauftritte gewinnen können. Aber noch immer steht erst ein Drittel der Kosten. Vier deutsche Fördertöpfe haben bereits abgelehnt, darunter auch, das wurmt den Oscar-Preisträger besonders, der vom Bund finanzierte. "Das alles beschäftigt mich sehr", gibt er zu. Verbittert aber sei er nicht: "Schließlich habe ich diese Erfahrungen oft genug machen müssen."

Der 42-Jährige hat schon viel einstecken müssen in seinem Leben. Fünf Mal ist er an Filmhochschulen in Berlin und Potsdam abgelehnt worden. Er hat sich in der Branche von unten hinaufgearbeitet, in so ziemlich jeder Tätigkeit vom Regieassistenten über den Kameramann bis zum Cutter. Hat seine eigene Firma Mephisto Film gegründet und Werbefilme und Serien wie "Klinikum Berlin Mitte" oder "In aller Freundschaft" gedreht, um eigene Projekte zu realisieren. Auch hier hagelte es Absagen von Filmförderungen, eingesandte Drehbücher kamen ungelesen zurück. Und so mühsam es war, "Spielzeugland" dennoch fertigzustellen, die Mühen hörten danach nicht auf: Kein deutsches Filmfestival wollte den Film zunächst zeigen. Der Erfolg kam erst übers Ausland, wo der 13-Minüter nach und nach 18 Preise einheimste und dann, als letzten, den Oscar.

Plötzlich wurde Freydank als große hiesige Hoffnung gefeiert. Aber nicht hofiert. Das einzige, was kam, war ein "Tatort"-Angebot. Das ist offensichtlich etwas sehr Deutsches. Auch als Christoph Waltz in diesem Jahr für einen Oscar nominiert wurde, wurde als erstes gemeldet, er solle ein neuer "Tatort"-Kommissar werden. Waltz ließ dementieren; Freydank nahm an. Waltz habe es aber noch schwerer getroffen, findet Freydank: "Der bekommt hier in Deutschland ja gar nichts mehr angeboten." Die beiden Oscar-Gewinner kennen sich noch von früher, von einem alten Fernsehfilm, "Einsteins Ende", in dem auch Harald Juhnke und Otto Sander mitgespielt haben. Es war 1996 Freydanks letzte Arbeit als Regieassistent.

"Der Film", schmunzelt er, "ist aber nie ausgestrahlt worden, die Firma ging pleite." Jetzt haben sich die beiden wieder getroffen, bei der diesjährigen Oscar-Verleihung. Als Preisträger wird man ja automatisch Mitglied der ehrenwerten Filmakademie, die über die Goldbuben entscheidet. Also ist Freydank auch dieses Jahr wieder hingeflogen. Und hat Waltz beglückwünscht, der hierzulande nun hartnäckig als der neue deutsche Oscar-Preisträger gehandelt wird, auch wenn er ja eigentlich Österreicher ist. Für Freydank ist das vielleicht sogar ein Segen. Die Aufregung um ihn hat sich jedenfalls gelegt.

Freydank will aber nicht lamentieren. Er hat trotz allem gut zu tun. Gerade hat er in Saarbrücken einen "Tatort" abgedreht, die Folge "Heimatfront", bei der vier Soldaten unter Mordverdacht stehen, die aus Afghanistan zurückgekehrt sind. In Berlin besorgt er gerade den Endschnitt. Wir treffen uns deshalb in der Fasanenstraße in Charlottenburg, unweit der Produktionsfirma Askania Media, die diesen "Tatort" verantwortet.

Und ab kommenden Dienstag wird Freydank dann erstmals seit Ewigkeiten wieder an einer Bühne inszenieren: "Johnny Chicago", mit Kurt Krömer. Und nicht, wie einst, in kleinen Off-Theatern, sondern an Castorfs Volksbühne. Premiere ist am 22. Juni. Dieses Angebot kam aber nicht durch den Oscar. Der Autor des Stückes, Jakob Hein, ist ein alter Freund von Freydank. Sie kennen sich praktisch aus dem Sandkasten. Nach all den düsteren Themen, die hinter Freydank liegen (Kriegstraumata im "Tatort", Judenverfolgung in "Spielzeugland"), freut er sich sehr auf etwas Leichtes. "Das wird richtig Volkstheater", prophezeit er. Bei seinem Hauptdarsteller glauben wir das blind.

Düsteres Spielfilm-Debüt fürs Kino

Dann aber geht ein lang ersehnter Traum in Erfüllung: Er wird seinen ersten langen Kinofilm inszenieren. "Die Verlorenen", eine aufwendige Produktion der Berliner Senator Film über die Flucht eines deutschen Neonazis nach Südafrika. Wieder etwas Düsteres. Aber die Finanzierung steht, und Freydank war auch schon in Südafrika, auf der Suche nach passenden Locations. Seit dem "Tatort" eilt ihm übrigens der Ruf voraus, dass er den Drehplan nicht überzieht und das Budget einhalten kann – durchaus keine Selbstverständlichkeit in der Branche. Von daher klingeln so langsam auch andere Interessenten bei ihm an. Wenn hierzulande auch nach wie vor ein "Tatort" mehr gilt als ein Oscar: Vielleicht hilft es ja und Freydank kann eines Tages auch sein Herzensprojekt, Kafkas "Bau", realisieren.

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