Während das Premierenpublikum noch nach seinen Plätzen im Saal sucht, finden oben auf der großen Bühne erste Aufwärmübungen der Darsteller statt. Gymnastische Übungen, die noch lange in den ersten Akt hineinreichen. Rechterhand steht ein großer Scheinwerfer – wie bei Dreharbeiten? Die Bühne ist kunterbunt zugestellt. In der Mitte thront die kleine Bühne des „Teatro Adina“, drumherum gibt es Zirkuswohnwagen. Die Szene ist so wunderbar kitschig, überbordend angerichtet mit liebevollen Details, es gibt zweifellos viel zu sehen an diesem kurzweiligen Abend in der Deutschen Oper.
Kein sonnig gestimmter Opernbesucher muss Angst vor diesem „Liebestrank“ haben, auch wenn Regisseurin Irina Brook vorher behauptet hat, in der Donizetti-Komödie von 1832 würde viel Ernsthaftigkeit stecken. Was ja stimmt. Aber sie hat die sozialen Fallstricke der Handlung, die in einem italienischen Provinzdorf spielt, gar nicht aufgespürt. Eigentlich lieben sich darin der kleine Bauer Nemorino und die Gutsherrin Adina, sie turtelt, er leidet, sie schmollen, sie sind Teil einer fest gefügten Dorfstruktur, vor allem aber singen sie besonders schön. Es geht um die verstohlene Träne, die alles verändert.
Das Berlin-Debüt von Irina Brook
Irina Brook, Tochter des großen Theatererneuerers Peter Brook und selbst vom Schauspiel kommend, hat bei ihrem Berliner Regiedebüt auf Nummer Sicher gesetzt und zeigt das immer wieder beliebte Theater im Theater. Jene Spielanordnung, in der sich Künstler nur mit sich selbst beschäftigen. Genau genommen umgeht sie damit jede Art von Verortung und Sinnsuche. Vorbild sollten übrigens Filme des großen Federico Fellini sein. Und wer dreimal hinschaut, mag vielleicht das derbe Schausteller-Milieu in „La strada“ entdecken. Es geht hier nur ohne jede Derbheit, Lebensnähe, ohne wallendes Blut zu. Die Oper spielt also im Italien der 50er-Jahre, wo auf einer Wanderbühne die merkwürdige Liebesgeschichte von Tristan und Isolde aufgeführt wird. Es ist die Zeit der Petticoats und Pin-up-Girls, mit denen Irina Brook ausgiebig spielt. Ihre Inszenierung ist gleichsam putzig, kunterbunt wie strunzbieder.
Adina ist die Chefin des Theaterunternehmens. Nemorino so etwas wie die Ein-Mann-Putzkolonne. Es gehört zu den gefährlichen Regiefehlern bei dieser Donizetti-Komödie, Nemorino allein als ausgemachten Trottel hinzustellen. Die Regisseurin tut dies, und so ist diesem verzweifelt Liebenden, der den größten Unfug veranstaltet, an einen lächerlichen Liebestrank glaubt, sich vom Militär anwerben lässt, nur um seine Angebetete zu bekommen, keine Charakterentwicklung abzunehmen. Das wird einem deutlich, wenn der an sich großartige Strahletenor Dimitri Pittas gegen Ende die berühmteste und wichtigste Nummer der ganzen Oper singt, die Liebesromanze „Una furtiva lagrima“. Von Holz und Harfe aufs Erlesenste begleitet, hat er das Innerste auszubreiten. Ein Lyriker, mehr noch ein Belcantist ist verlangt, aber Pittas versucht, sich holzschnittartig zu erklären. Er berührt nicht, auch, weil sich auf der Bühne ein singender Dummkopf herumflezt.
Junge, unverbrauchte Sängerschar
Es ist kaum verständlich, warum sich so eine umtriebige, begehrte, sich ständig auf offener Bühne umkleidende Adina, deren Koloratur-Klippen Sopranistin Heide Stober auf verführerische Weise umschifft, ausgerechnet in Nemorino verliebt. Zumal ihr mit dem etwas steifen Sergeanten Belcore, den Simon Pauly sehr bodenständig aussingt, ein heiratswilliger Ersatz zur Verfügung steht. Alexandra Hutton macht als Giannetta, die Regisseurin der Wandertruppe, stimmlich wie darstellerisch eine gute Figur.
Die Deutsche Oper hat für ihre Neuproduktion vom „Liebestrank“ auf eine junge, unvertraute Sängerschar gesetzt. Vielleicht auch eine Art Selbstschutz, denn gegen die Erinnerung an einen Startenor wie Luciano Pavarotti, der in den 80er-Jahren auf der Bühne des Hauses gefeiert wurde, ist nur schwer anzusingen.
Immerhin gibt es mit Nicola Alaimo einen rundum stattlichen Drahtzieher und Wunderheiler Dulcamara. Eine Art pharmazeutischer Frühkapitalist, der gegen jedes Leiden ein Allheilmittel anzubieten hat. Und Sätze wie „Wenn Ihr zugreift, könnt Ihr nur sparen“ kommen heute noch in jedem Supermarkt zur Anwendung. Der Sprachwitz ist insgesamt leicht nachvollziehbar. Gesungen wird die Oper in der Originalsprache Italienisch, erstmals bietet das Opernhaus in der Übertitelung Englisch (links) und Deutsch (rechts) an. Damit wolle man die zunehmend ausländischen Besucher erreichen, heißt es. Vor allem aber sorgte es für Pausengespräche, weil einige die Opernaufführung gleich als Englisch-Unterricht genutzt haben. Was ja auch nicht schlecht ist, wenn es der Unterhaltung dient. Andere waren in der Pause lieber gegangen.
Alles klingt hübsch, sauber, geschmackvoll
Zurück zu dem wunderbaren Dulcamara von Nicola Alaimo, der sich als einziger souverän gegen das Orchester der Deutschen Oper durchsetzen kann. Die anderen lassen sich eher vom Orchester treiben, einfangen, vorführen. Kaum einer lässt sich wirklich tragen. Am Pult führt Roberto Rizzi Brignoli durch den Abend. Alles klingt hübsch, sauber, geschmackvoll. Und mit einem kleinen Schuss Sentimentalität.
Nach gut zwei Stunden kommt es zum Happy-End. Nemorino und Adina finden sich, sie wird passend zu den Koloraturen entkleidet, man stürzt lüstern in einen Wohnwagen. Weißer Rauch steigt auf, die Wahl ist vollzogen. Musikalisch bleibt allerdings nur Zeit für einen Quickie, dann schon müssen beide wieder auf die Wanderbühne hinaus. Beide verneigen sich als Tristan und Isolde. Der Schlussbeifall für alle Künstler nebst Regisseurin ist einhellig.
Deutsche Oper, Bismarckstr. 35, Charlottenburg. Tel. (030) 34384343 Termine: 30. April; 3., 8. und 10. Mai 2014





