„Irre sind männlich“

Wie Marie Bäumer ihr Doppelleben genießt

Die Schauspielerin Marie Bäumer erzählt über ihren neuen Film „Irre sind männlich“, die Therapien ihrer 68er-Eltern, das Reisen und ihr Leben an zwei Wohnorten – in München und in der Provence.

Foto: Andreas Laible / HA / A.Laible

Eine warme Sonne fällt in den Frühstücksraum des Münchner Hotels Olympic, Marie Bäumer sitzt bei einer Tasse Kaffee. Ein Bild von idyllischer Gemütlichkeit, so scheint es. Aber der 44-Jährigen ist gar nicht so gemütlich zumute. Den Kaffee braucht sie, weil sie die halbe Nacht wegen Terminproblemen kein Auge zumachen konnte. „Da drohen sich drei Projekte zu überschneiden, die ich unbedingt machen möchte,“ wie sie erklärt. Obendrein darf sie Interviews zu ihrem aktuellen Film geben, der Komödie „Irre sind männlich“ (ab 24. April im Kino), in der sie an zwei verkrachte Singles gerät, die bei Therapiesitzungen auf Schürzenjagd gehen. Zum Glück gibt es Fluchtpunkte, wo sie diesen Trubel vergessen kann, ob in der Abgeschiedenheit der Provence oder über den Wolken.

Berliner Morgenpost: Im Vergleich zu Ihrem aktuellen Stress – ist eine deutsche Komödie wie „Irre sind männlich“ eine Erholung?

Marie Bäumer: Dieser Film war sicherlich eine der entspanntesten Veranstaltungen, die ich je erlebt habe. Was auch auf Regisseur Anno Saul zurückzuführen ist, der so tiefenentspannt ist, dass ihn nichts aus der Ruhe bringt. Mich als Menschen, den schnell etwas aus der Ruhe bringt, beeindruckt so etwas sehr. Wenn dagegen meine aktuellen Projekte alle zustande kommen, dann werde ich zweieinhalb Monate durchdrehen – im wahrsten Sinne des Wortes.

Und Sie lassen sich wirklich schnell aus der Ruhe bringen?

Partiell. Wenn es ganz dramatisch wird und alles den Bach runterzugehen droht, dann nicht. Meine Großmutter ist mal gestürzt und lag bei uns halb tot im Wohnzimmer. Während da andere Anwesende komplett hysterisch reagierten, wurde ich ganz ruhig. Aber wenn es kurzfristige Veränderungen in geplanten Abläufen gibt oder etwas, worauf ich mich gefreut habe, durch einen neuen Termin platzt, kann mich das aus den Fugen heben.

Wie fangen Sie sich dann wieder ein?

Mit Glück stelle ich selbst fest, dass meine Reaktion völlig überdimensioniert ist, und dann hole ich mich selbst wieder ein bisschen runter. Oder die Reaktion von außen spiegelt mir das dann. Und manchmal sitze ich es einfach aus.

Wie sitzen Sie aus?

Ich habe jetzt wieder meinen Lebensmittelpunkt in einem Dorf in der Provence, wo ich ein Haus habe. Und wenn ich da bin, dann rückt das die Verhältnisse wieder zurecht. Ich verspüre da nicht den Druck ‚Termin-Geld-Machen-Sehen-und-Gesehen-Werden’. Bei einer Veranstaltung fragte mich unlängst jemand, ob ich nicht Angst hätte, dass ich aus diesem Dorf nicht rauskäme. Schließlich wollen doch alle Schauspieler in Berlin leben, weil hier alles stattfindet. Aber ich sagte: „Ich habe da eher Angst, nicht aus diesem Business herauszukommen.“

Sie fühlen sich in der Abgeschiedenheit nicht isoliert?

Für mich hatte es immer etwas Befreiendes. Außerdem ist das ein lebendiges Dorf. Das klappt auch im Winter nicht die Fensterläden zu, da gibt es ständig einen ‚Flow’. Du kannst dich immer unter Menschen begeben, und wenn du auch nur zur Floristin gehst oder im Café einen Kaffee trinkst. Abgesehen davon reise ich immer noch sehr viel. Zwischen Januar und März habe ich 22 Trips hinter mich gebracht. Ich habe schon gesagt: Jetzt muss ich mich irgendwo anketten.

Wie holen Sie sich auf diesen vielen Reisen ein Gefühl von Heimat?

Das Glück ist, dass ich, weil ich schon so früh so viel gereist bin, in fast allen Ecken irgendwie Freunde habe. Und du musst dir das halt einrichten, Menschen von woanders vorübergehend zu holen und zu sagen: „Jetzt kommt ihr mal ein paar Tage“. Außerdem habe ich Stammhotels. In Berlin zum Beispiel gehe ich in das Sofitel am Kurfürstendamm, das ehemalige Hotel Concorde. Das ist sehr gut geführt, die Leute arbeiten seit Jahren dort und kennen mich gut – das ist fast wie ein Nachhausekommen.

Und was gefällt Ihnen an Frankreich noch so besonders – außer Nachhausekommen?

In der Beziehung zwischen Partnern läuft es dort noch romantischer ab. Männer helfen dir in den Mantel, sie achten grundsätzlich mehr auf Frauen, sorgen sich um sie, schenken schon mal Blumen oder Unterwäsche. Das können auch ganz kleine Gesten sein. Zum Beispiel, wenn du auf ein Fest kommst und dir der Partner ein Getränk holt. Das ist in Deutschland fast ausgestorben.

Aber sind Sie auch bereit, Ihren Partner zu verwöhnen?

Ich würde sagen: Zu 60 Prozent lasse ich mich gerne verwöhnen, und zu 40 Prozent bin ich diejenige, die das tut. Freunde von mir würden sogar behaupten, dass es umgekehrt ist. Zum Beispiel koche ich sehr gerne. Aber ich bin jetzt nicht jemand, der leidenschaftlich von morgens bis abends in der Küche steht. Ich mag es gezielt einzuladen, und da mache ich mir mit Hingabe und Liebe über alles Gedanken – bis hin zur Dekoration. Oder ich überrasche auch gerne. Einmal habe ich für einen Mann völlig unerwartet eine tolle Tafel vorbereitet; er hat sich so gefreut, dass ihm fast schlecht wurde. Und Geburtstage zelebriere ich extrem.

In Ihrem neuen Film wiederum werden Therapieseminare zum romantischen Begegnungsort. Inwieweit haben Sie selbst damit Erfahrungen gesammelt? Ihre Mutter war ja Psychotherapeutin...

Meine Eltern, die alte 68er sind, haben jede Therapie gemacht, die man sich so vorstellen kann, und meine Schwester und ich haben daran partizipiert, ob wir nun wollten oder nicht. Das ist bei mir schon so haften geblieben. Aber ich habe selbst keine Psychotherapie gemacht.

Welche Therapieform würden Sie denn im Fall des Falles selbst ausprobieren wollen?

Das Entscheidende ist, dass ich meiner Intuition folge. Ich habe immer wieder von Leuten gehört, die beim Therapeuten waren und meinten, es hätte ihnen überhaupt nichts gebracht. Man soll sich fragen: „Bin ich hier richtig oder nicht? Funktioniert das menschlich?“ Eine große Gefahrenzone ist, wenn du dir um den Therapeuten Sorgen machen musst. Das ist immer schon ein Zeichen, dass du das Feld räumen solltest. Ansonsten lehne ich grundsätzlich Dogmatismus ab. Wenn jemand die Haltung vertritt „Das ist es, das ist, was man tun muss“, ist das eine Form von Arroganz. Wenn ein Therapeut für mein Empfinden sehr schnell meint, Menschen zu erkennen oder zu scannen, da bin ich sehr vorsichtig. Am liebsten habe ich grundsätzlich Menschen und damit auch Therapeuten, die aus dem, was sie gelernt und erfahren haben, eine große Suppe kochen. Diese Suppe ist die ihre, die sie immer wieder mal neu abschmecken und mit neuen Zutaten ergänzen. Und sie sagen: „Das ist die Essenz, die ich mitbringe, aber sie ist nicht das einzig wahre Essbare. Lass uns probieren und gucken, ob es funktioniert oder nicht.“

Aber Sie wären nicht versucht, von so einer Suppe zu kosten?

Ich habe schon mal eine Familienaufstellung gemacht, bei der du die einzelnen Mitglieder zueinander in Beziehung anordnest. Das war, wie sich herausgestellt hat, eine ganz gute Vorbereitung für meine Rolle in „Irre sind männlich“. Aber vor allem hole ich mir immer wieder Unterstützung und Hilfe von ‚Lebensbegleitern’, so wie ich sie nenne. Das sind spirituelle Menschen oder auch Therapeuten, die sich in irgendeiner Weise mit menschlichen Vorgängen oder zwischenmenschlichen Momenten beschäftigen. Mit diesen Personen stehe ich im Dialog, selbst wenn ich nicht regelmäßig mit ihnen spreche. Mit ihnen betrachte ich jeden Zeitblock, in dem ich lebe. Denn ich glaube daran, dass du dich in jeder Phase weiterentwickeln musst.

Wie würden Sie Ihren aktuellen Zeitblock charakterisieren?

Sein schönster Aspekt ist, dass mein Exil in München vorbei ist und ich jetzt eben wieder in Frankreich lebe. Durch die Reisen, die das mit sich bringt, muss ich allerdings auf meinen Kräftehaushalt noch besser aufpassen. Ein wichtiger Aspekt ist auch, dass mein 16-jähriger Sohn ausgezogen ist. Der macht jetzt seinen International Baccalaureate auf einem College im Ausland. Und den vermisse ich sehr.

Was verschafft Ihnen einen positiven Kick?

Ich liebe alles, was mit Fliegen zu tun hat. Zum Beispiel gehe ich Paragliden, wenn ich dafür Zeit habe – was leider viel zu selten passiert.

Davor haben Sie keine Angst?

Nein. Was ich nicht mag, ist Tauchen. Einmal habe ich das ausprobiert, aber es war überhaupt nicht mein Ding. Vielleicht liegt das daran, dass mich als Kind eine Freundin so lange heruntergedrückt hat, bis es mir schwarz vor den Augen wurde. Und ich habe eine gewisse Angst vor hohen Geschwindigkeiten beim Autobahnfahren – was begann, als mein Sohn auf die Welt kam. Aber als ich das erste Mal Paragliden war, habe ich die erste Viertelstunde nur gelacht. Und das obwohl ich eigentlich mit Höhen nicht gut zurechtkomme.

Aber kann das nicht auch gefährlich sein?

Doch, ich habe auch schon mal eine sehr brenzlige Situation erlebt, wobei ich nur im Tandem springe. Erinnern Sie sich noch an das „Nichts“ aus der „Unendlichen Geschichte“? Einmal bin ich richtig in so ein Nichts hineingesprungen. Wir waren auf La Palma oberhalb des Meeres in der Nähe einer Felswand, eigentlich ideale Bedingungen. Und plötzlich hat sich alles zugezogen. Ich erinnere mich noch, dass ich meine Hand in die Wolken hielt und die kaum noch erkennen konnte. Der Spanier, mit dem ich geflogen bin, war sehr souverän und erfahren, aber selbst er wurde unruhig. Er meinte: „Ich habe keine Ahnung, wie weit wir von den Felsen und der Erde weg sind.“ Er kommunizierte mit der Bodenstation, aber die konnten auch nichts sehen. 20 Minuten waren wir in diesem Nichts verschwunden. Wenn du da als kleiner, leichter Mensch mal eine Felskante touchierst, ist das irgendwie schlecht.

War das eine der Situationen, wo Sie aus der Ruhe gerieten?

Ich wusste, es war nicht mehr witzig, aber wirkliche Angst hatte ich keine. Das war eine der klassischen Situationen, wo ich ganz ruhig bleibe. Und so freue ich mich jetzt schon wahnsinnig auf das nächste Mal. Wann immer das auch sein wird.