Öde Plattenbauten, beige Trabis, farblose Klamotten: Seien wir ehrlich, die Bilder in unseren Köpfen, die von der DDR übrig sind, sind mausgrau, auf jeden Fall sehr blass. Gab es überhaupt eine bunte Deutsche Demokratische Republik? Neonfarben jedenfalls hat man bis zum Schluss nicht mit dem Arbeiter- und Bauernstaat identifiziert.

Vielleicht aber war das nur eine Wahrnehmung der Wessis. Diese Frage stellt sich sofort, wenn man die Ausstellung „Farbe für die Republik“ im Deutschen Historischen Museum (DHM) anschaut. Eine kunterbunte Lebens- und Warenwelt, die uns da „made in GDR“ begrüßt. Mal ehrlich, das flotte Paar auf dem grünen Moped gibt es sicher auch als italienische Version mit der Vespa, allerdings nicht mit dem Blick auf das rauchende Kraftwerk Vockerode. Aber in den 60er-Jahren sah man diese Dinge bekanntlich noch anders.

Der Hummer ist aus Plastik

Zwei Fotografen prägen vor allem diesen Blick durch die rosarote Brille des Sozialismus von seinen Anfängen an. Kurt Schwarzer, 2012 verstorben, verstand sich als unpolitischer Handwerker. Pikant ist, dass Martin Schmidt, Jahrgang 1925, überzeugter Kommunist und Mitglied der Partei, einige Jahre für die Stasi in Diensten war. Wie propagandistisch also sind diese Fotos? Sind seine Inszenierung stärker als die von Schmidt?

Als im vergangenen Jahr der vom DHM herausgegebene gleichlautende Fotoband der beiden erschien, musste sich das Haus Unter den Linden die Kritik gefallen, warum ein Stasi-Fotograf ein solches Forum bekäme. Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen, hatte das Vorwort zu dem Band geschrieben und von der Verführungskraft dieser Fotos berichtet. Von den Erinnerungen, die sie in sich tragen, von der Vertrautheit, – auch wenn sie auf Inszenierungen beruhten. Der Hummer auf dem gedeckten Tisch ist – aus Plastik.

Im DHM ist man auf solche Fragen eingestellt. „Wir zeigen keine unkommentierte DDR-Propaganda“, sagt Projektleiterin und Sammlungsleiterin Carola Jüllig. Für sie zeigen die Reaktionen, dass beim Thema DDR immer noch Emotionen hoch kochen. Offensichtlich gibt es da „offene Wunden, wenn es um die Vergangenheit in diesem Staat geht, weil sich viele Menschen einfach nicht ihr Leben wegnehmen lassen wollen“, glaubt sie.

Fotos sind PR für den Sozialismus

Eine pauschale Aburteilung lehnt sie ab. „Man darf die Bilder hinterfragen, aber man darf sie auch schön finden.“ Tatsächlich haben diese Fotos eine wirklich ganz eigene Ästhetik. Es sind vor allem die Farben, seltsam matt aus heutiger Sicht, auch wenn sie in den 80er Jahren kräftiger werden, wie ein Weichzeichner wirken sie.

Vielleicht liegt es am Filmmaterial, dass in den eigenen VEB-Betrieben produziert wurde. In den Jahren 1992 und 2002 kaufte das DHM die Archive beider Fotografen, etwa jeweils 40.000 Negative. Diese Schau ist erst der Anfang zu einer umfangreichen Recherche zur DDR-Alltagsfotografie. Gerade die beiden Berliner Museen zur DDR-Alltagskultur beweisen, wie groß die Nachfrage ist. Wer die DDR nicht mehr kennengelernt hat, ist auf Dokumente der Zeitgeschichte angewiesen.

Steht man vor diesen Fotografien, kann man den politischen Trubel nicht ganz nachvollziehen. Die Bilder von Schmidt und Schwarzer sind Werbung in eigener Sache, PR für den Sozialismus. Etwas anderes geben sie auch gar nicht vor. Da verhält sich Werbung im Westen nicht viel anders. Auch der gute alte Marlboro-Cowboy war ein Mythos im Dunst der großen Freiheit.

Kittelschürze passte zu jeder Gelegenheit

Zu den Auftraggebern der beiden freiberuflichen Fotografen gehörten Frauenzeitschriften, Betriebe, DDR-Massenorganisationen und Verlage. Man wusste also, was die nicht wollten. Der Staat selbst war quasi Konsumprodukt, fröhliche Kollektive und Brigaden überall: Kittel, Traktoren und Kopftücher an die Macht. Hier im DHM geht es um den ganz normalen Alltag. Für die offizielle Fotografie von den Parteitagen waren die Fotografen der staatlichen Bildagentur zuständig.

Selbst in gestellten Bildern kann man viel lesen. a) Die Kittelschürze passte irgendwie zu jeder Gelegenheit. b) Der VEB-Betrieb war das ganze Leben, dort wurde die eigene Biografie fremd „geordnet“. Manche der Fotos sind dabei von unfreiwilliger Ironie: etwa der brav aufgereihte, kollektive Wackelpudding mit Soße in der Kantine oder das Altenheim in der nagelneuen Platte, drumherum Ödnis und Leere. Man muss keine allzu große Fantasie besitzen, um zu sehen, wo die Mangelwirtschaft anfing.

Deutsches Historisches Museum Unter den Linden 2, Mitte. Tägl. 10-18 Uhr. Katalog: 29,99 Euro