Vorentscheidung

Diese Berliner Musiker wollen zum European Song Contest

Heute entscheidet sich, welcher Interpret mit welchem Titel Deutschland beim ESC in Kopenhagen am 10. Mai vertreten wird. Drei der Kandidaten kommen aus Berlin. Unter ihnen: Das Gezeichnete Ich.

Foto: EBU,EPA,dpa / dpa

Hier eine These zum zeitgenössischen Mainstreampop: Wir werden zusehends von Unbekannten besungen. Das ist nicht despektierlich gemeint: Die Interpreten wollen uns gar nicht erst mitteilen, wer sie sind. Wir haben das beim ominösen PeterLicht erlebt, dessen Klarnamen kaum jemand kennt und der sogar sein Gesicht vor der Öffentlichkeit verbergen möchte.

Und wir kennen das vom Grafen und seiner Band Unheilig, die zu den erfolgreichsten der letzten Jahre gehört. Um die Herkunft des Grafen und seinen bürgerlichen Namen gibt es nur Gerüchte und waberndes Halbwissen, was zusammen mit dem oft rätselhaft dräuenden Duktus seiner Lieder („Geboren um zu leben“) offenbar ein ganz stimmiges Marketingkonzept ergibt. Über einen Mangel an Popularität oder schlechtes wirtschaftliches Auskommen dürfte sich der Graf jedenfalls nicht beschweren.

Auf derselben Welle segelt Das Gezeichnete Ich, ein aus Berlin stammender Sänger, Komponist und Musikinstrumentalist. Zwar hat ihn, wie uns Wikipedia aufklärt, „das Karlsruher Stadtmagazin INKA als Henry François Funke identifiziert“. Doch davon haben wir nichts, denn viel mehr ist an harten Informationen über ihn nicht zu haben.

Sicher ist nur dreierlei: Das Gezeichnete Ich verdankt seinen kuriosen Namen erstens einem Gottfried-Benn-Gedicht mit dem Titel „Nur zwei Dinge“, in dem der Schöneberger Großdichter 1953 die Frage nach dem Sinn unseres Daseins stellte. Er ist zweitens den Kennern des Musikmarktes schon länger ein Begriff: Es waren immerhin die Pet Shop Boys und a-ha, die ihn mit seinen deutschsprachigen Songs ins Vorprogramm ihrer Tourneen nahmen. Und sein Produzent Alex Silva, der bereits mit Herbert Grönemeyer zusammengearbeitet hat, ist auch nicht eben ein Unbekannter. Drittens schließlich tritt Das Gezeichnete Ich als einer von drei Berliner Vertretern am Donnerstag an, wenn es um die Frage geht, wer Deutschland mit welchem Titel am 10. Mai beim European Song Contest vertritt.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens

Es sind zwei Lieder, mit denen er bei dem Wettbewerb zu sehen sein wird. „Weil Du da bist“, der spektakulärere der beiden Titel, befasst sich, so viel Benn muss sein, auch mit der Frage nach dem Sinn des Lebens. Grundiert wird das von einer recht eingängigen, lichten Klaviermelodie, die in Verbindung mit der hohen Stimmlage des Sängers tatsächlich ein bisschen an die frühen Hits der norwegischen Erfolgsgruppe a-ha erinnert.

Dass es der Titel im Netz schon zu einer gewissen Berühmtheit gebracht hat, liegt aber sicher noch an etwas anderem: an dem dreiminütigen Video, das ihn bebildert. Darin erleben wir unseren Sänger in wechselnden, zum Teil kanonischen Sänger-singt-in-Video-Situationen: vor dem Mikrofon alles gebend, treuen Blicks in die Kamera schmachtend, gefesselt auf einem Stuhl sich windend, dann wieder mit hochgeschlagenem Mantelkragen über ein Flachdach laufend. Interessant wird das Video durch den Counterpart des Sängers in Gestalt der Schauspielerin Veronica Ferres. Wir sehen ihr dabei zu, wie sie zuerst mit einem kleinen Mädchen im Bett herumkuschelt, sich dann in einen knallengen, trotzdem großzügig dekolletierten Lederanzug zwängt und mit einem riesigen Gewehr ihrer Profession als Auftragskillerin nachgeht. Ein bisschen wie Geena Davis in „Tödliche Weihnachten“, nur erkennbar ironisch gebrochen. Wie macht man ein Lied zum Gesprächsthema? Exakt so.

So ganz leicht wird es allerdings nicht in der Kölner Lanxess-Arena. Das liegt vor allem an einem seiner Konkurrenten, der eine derart große Fangemeinde hinter sich versammelt, dass man schon Wettbewerbsverzerrung befürchten muss: ebenjener Graf samt seiner Band Unheilig. Deren Album „Große Freiheit“ hat sich mehr als zwei Millionen Mal verkauft und war 23 Wochen lang nicht von Platz 1 der deutschen Charts zu verdrängen. Dazu kamen Auszeichnungen wie Bambi und Comet, die Goldene Kamera und sechsmal der Echo. Der Graf wird daher mit einer gewissen Zwangsläufigkeit um die vorderen Ränge mitsingen – wie auch die Hamburgerin Oceana, der wir die offizielle Hymne zur Fußball-EM 2012 verdanken.

Die Baseballs und der Rock’n’Roll

Dann gibt es noch ein paar andere musikalische Klopfzeichen aus Berlin. Nicht zwingend berlinerisch klingt der Name dieser Band: The Baseballs. Und doch wurde sie 2007 in der Hauptstadt gegründet - von Sam, Digger und Basti, drei pomadierten Zugewanderten aus dem Rest der Republik. Das Geschäftsmodell der Rockabillys bestand zunächst in der Idee, erfolgreiche Popsongs aller möglichen Interpreten im Rock’n‘Roll-Stil zu covern, am erfolgreichsten vielleicht mit einer sehr eigenen Variante von Rihannas Song „Umbrella“. In letzter Zeit setzen sie aber verstärkt auf eigene Songs, was sie in Köln schon allein aufgrund des Reglements tun müssen.

Zuletzt schaffte es noch auf dem Weg des „NDR-Clubkonzerts“ die Berliner Band „Elaiza“ per Zuschauerentscheid in die Schlussrunde. Das Trio um die ukrainischstämmige Sängerin Elzbieta Steinmetz grundiert ihren Gassenhauer „Is it right“ mit genau den folkloristischen Tönen, die in den letzten Jahren in jedem zweiten ESC-Lied zu hören waren.

Wenn man Das Gezeichnete Ich anruft (er geht mit „Hallo“ ans Telefon), wenn man ihn angesichts solcher Wettbewerber um eine realistische Einschätzung seiner Chancen bittet, dann bleibt er locker: „Hier kann alles passieren.“

Tatsächlich konnte man ja 2010 im Fall Lena Meyer-Landruts ganz gut beobachten, wie ansteckend spontane Begeisterung sein kann - und wie weit sie einen Kandidaten zu tragen vermag. Vielleicht ja sogar bis nach Kopenhagen.

Unser Lied für Kopenhagen, ARD, 20.15 Uhr

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.