Konzerthaus Berlin

Ein Dirigent erzählt die Geschichte vom Ghetto Theresienstadt

Murry Sidlin will mit seinem Projekt „Defiant Requiem“ an Verdi-Aufführungen im Ghetto Theresienstadt erinnern. Ein berührendes Ereignis. Im Berliner Konzerthaus verließ das Publikum den Saal ohne Applaus.

Foto: Defiant Requiem Foundation, Foto: Josef Rabara

Während das „Defiant Requiem“ verklingt, geht ein Musiker nach dem anderen ab, der Chor verlässt leise die Empore im Konzerthaus Berlin, irgendwann geht auch der Dirigent. Schließlich ist die Bühne leer, auf der Leinwand erscheint der Hinweis, einen Augenblick lang zu schweigen. Alle schweigen. Nichts passiert.

Nach einer gefühlten Ewigkeit wagen einige Menschen einen zögerlichen Applaus. Doch es passiert immer noch nichts. Weder die Musiker, noch der Dirigent kehren zurück, um sich ihren verdienten Applaus abzuholen.

Die leeren Plätze auf der Bühne sind eine Botschaft. Noch nie habe ich so viele berührte Zuhörer schweigend den Konzertsaal verlassen sehen.

Eine katholische Totenmesse

Der amerikanische Dirigent Murry Sidlin erinnert mit seinem Projekt „Defiant Requiem“, dem trotzigen Requiem, dass einmalig im Konzerthaus aufgeführt wurde, an das Musikleben im Ghetto Theresienstadt. In dem „Vorzeigelager“ der Nazis sammelte der tschechische Dirigent Rafael Schächter einst hunderte jüdische Häftlinge um sich, um Verdis Requiem, eine katholische Totenmesse, aufzuführen.

Sidlin erzählt mit der Musik, Filmsequenzen und Zeitzeugen-Interviews die Geschichte dieser Aufführungen. Mit Iris Berben und Ulrich Matthes hat er dafür zwei charismatische Sprecher gewonnen.

Irgendwann kamen Musiker nach einem sinfonischen Trauermarsch zu ihm, erzählte einmal Stardirigent Daniel Barenboim, und sagten, das Konzert hätte ihnen heute besonders viel Spaß gemacht. Das hatte ihn irritiert, schließlich habe niemand Spaß daran, auf den Friedhof zu gehen.

Die Musik kann, das weiß jeder Klassikliebhaber, verschiedenste Emotionen verknüpfen. Aber was soll man bei Verdis opernhaftem Requiem fühlen, wenn gleichzeitig Leichenberge vorm inneren Auge auftauchen? Auch die Spuren von Rafi Schächter, erfährt das Publikum, und der meisten Mitwirkenden verlieren sich in Auschwitz.

Voll trotziger Lebendigkeit

Sidlin dirigiert kein Requiem für die Toten, sondern für die Überlebenden. Es ist voll trotziger Lebendigkeit wie etwa im Dies irae (Tag des Zornes) – und manchmal wird das Requiem auch vom amerikanischen Showpathos überwältigt.

Der Dirigent selbst wird zum Moderator, er lässt das zyklische Stück von Filmeinspielungen unterbrechen, manche Aussagen werden mehrfach wiederholt, bis es wirklich jeder verstanden hat. Und Signale einer Dampflok schrillen durch den Saal, am Ende begleitet von Filmsequenzen des Abtransports.

Das Konzerthausorchester, die Vokalakademie Berlin und der Chor des Jungen Ensembles Berlin musizieren geradeheraus, wohingegen sich die vier Solisten weit mehr in Verdis Opernton baden. Steven Tharp ist ein angenehm strahlender Tenor, Aga Mikolaj führt ihren Sopran überaus sinnlich vor. Insgesamt aber ist der zweistündige Abend auf Tempo und Abwechslung aufgebaut.

Musizieren für die Menschlichkeit

Beim Agnus Dei wird einem erschreckend bewusst, wie sehr wir Nachgeborenen immer noch von der Nazipropaganda beeinflusst sind: von einer Geschichtsschreibung, die den Juden keine andere Rolle zugesteht, als die des wehrlosen und gar willigen Opfers. Zur Musik vom „Lamm Gottes“ lässt Murry Sidlin Filmausschnitte aus „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ von 1944 einspielen. Aktive Menschen, lachende Kinder, fröhliches Miteinander.

Dass in Theresienstadt Konzerte stattfanden, sehen wir üblicherweise nur als Beweis dafür, dass die Opfer vor ihrer Ermordung auch noch für Propagandazwecke missbraucht wurden.

Sidlin lässt die Geschichte mithilfe der Zeitzeugenberichte jetzt andersherum erzählen und zeigt, dass die Häftlinge sich mit der Musik auch den Tätern entgegengestellt haben. Im gemeinsamen Musizieren bewahrten sie eine Menschlichkeit und Würde, die ansonsten ringsum bereits getilgt war. Das „Defiant Requiem“ ist ein beachtliches Projekt.