Theater

Der eine hat den Beutel, der andere das Geld

Marc-Uwe Kling hat mit Büchern über ein Känguru einen Bestseller gelandet. Im Mehringhoftheater in Berlin-Kreuzberg liest er aus „Die Känguru Offenbarung Teil 2“. Großartige Abende.

Foto: Ramon Kramer

Wer im Berliner Mehringhoftheater (Gneisenaustraße in Kreuzberg) in diesen Tagen gesessen, getrunken und gelacht hat, dem wird am Ausgang eine Klingelbox entgegengehalten: Ein Kälte-Projekt für Obdachlose sammelt freundlich Spenden. Das harte, kalte, graue Berlin bleibt hier nicht draußen, es war schon die ganzen zwei Stunden irgendwie auch Teil des Programms.

In dieser Woche, wenn der Kreuzberger Marc-Uwe Kling aus der „Känguru Offenbarung“ liest, am Sonnabend (Achtung ausverkauft! Nächste verfügbare Termine 9. bis 12. April 2014) vorerst zum letzten Mal, trifft der Spendenaufruf die Richtigen. Denn dieser Kabarettist, Satiriker und Buchautor hat nicht nur das sympathischste Publikum versammelt, sondern auch noch eine interessante Nachricht an die Zuhörer: Jeder kann mithelfen, dass die Welt nicht zu einem Flughafen wird, einem Nicht-Ort voller Regeln, der überall gleich aussieht und den Menschen nur betreten, weil sie ganz woanders hinwollen.

Das ist grob gesagt die Hauptnachricht, die der 31 Jahre alte Marc-Uwe Kling an sein Publikum hat – seitdem er vor fünf Jahren das Buch „Die Känguru-Chroniken“ schrieb und damit einen Bestseller landete. In den ersten Kapiteln steht darin plötzlich dieses echte Känguru vor der Wohnungstür Marc-Uwes und fragt nach Lebensmitteln, zieht dann nach ein paar Kapiteln beim Ich-Autor schließlich ein. Der streitet sich heftig mit dem Tier und meist geht es dabei um politische Ideen oder um Geld: „So ist das in der Welt, der eine hat den Beutel, der andere das Geld.“ Im zweiten Buch „Das Känguru-Manifest“ geht dieser Streit in die nächste Runde und immer spielt dabei auch Berlin eine Rolle, mit seiner O2 World und den unfreundlichen Busfahrern oder der S-Bahn, die nie kommt.

In der aktuellen Lesung erzählt Kling nun aus dem Teil 2 der „Offenbarung“, sagt aber gleich zu Beginn, dass auch die Zuhörer nicht werden folgen können, die Teil 1 kennen.

Der Autor und das Känguru reisen um die Welt

Eine kuschelige, lockere und zugleich sehr ehrliche Stimmung zieht sich durch die zweistündige Vorlese-Show. Darin schickt der Ich-Autor sich selbst und das Känguru zum ersten Mal um die Welt: New York, Los Angeles, Toronto, Seattle, Caracas, Brüssel, noch einmal Toronto und schließlich Vietnam, der Ort, an dem das Känguru schon einmal den letzten Hubschraubern der Amerikaner zugewunken hat.

Schon ganz zu Beginn ihrer Reise treffen sie dabei auf die Touristin Sarah, die jeden ihrer Sätze mit „Yeah… Whatever… Right? ...You know“ enden lässt. Überhaupt wird im ersten Teil der Show viel Englisch gesprochen und wer bei Wörtern wie „suspicious“ und „suitcase“ aussteigt, versteht in diesen Passagen nur die Hälfte.

Wer jedoch folgt, der lernt ein wunderbares Tier kennen, das im Grunde verstanden hat, wie die Welt zwischen EU-Kommission, USA, NSA und Asien funktioniert. Und wer sich in den hinteren Kapiteln immer noch wundert, warum es in Kanada und Vietnam ein „Strauß Innovationen“, ein „Nanunana“ und einen „geschlossenen Schlecker-Markt“ gibt, der sollte sich wirklich fragen, ob er im richtigen System lebt. Bis zur Pause haben sich die beiden bis in die untertunnelte Stadt Toronto vorgekämpft und der Ausweg ist versperrt. Wie sie da herausfinden, weiß nur der Autor.

Am Ende dieses großartigen Abends wird das kommunistische Reiseziel Vietnam erreicht. Doch das sei wie ein Oasis-Konzert – „Man hätte schon 1994 hingehen sollen.“ Inzwischen gibt es längst Touristen wie Sarah dort und der Pinguin, der alte Kapitalist, ist auch schon da. Es gibt Starbucks und gegen schlechten Atem kann man Kaugummis kaufen, echte kommunistische Kaugummis nämlich, Marke „Ho-Chi-Mint“.