Anna Grue

Dänemarks berühmte Krimiautorin - „Ich bin wie Miss Marple“

Ihr Babysitter war ein Mörder. Jetzt schreibt die Dänin Anna Grue Krimis. Politik interessiert sie nicht, Sadismus, Gewalt, Blutvergießen sind ihr zuwider. Das Puzzlespiel aber liebt die 57-Jährige.

Der Tod ist alt hier. Hünen liegen hier auf Hügeln unter Steinen links und rechts. Es ist ein altes Land. Und kalt ist es auch. Anna verlässt Kopenhagen Richtung Norden, zum Isefjord, nach Odsherret ins Sommerhaus. Das heißt hier in Dänemark so, auch wenn man es das ganze Jahr nutzt. Anna fährt wie ein Mann.

Anna Grue ist nicht nur deswegen in Dänemark ungefähr so berühmt wie ihr Kollege Jussi Adler-Olsen, weil sie Krimis schreibt, die sich verkaufen wie sonst nur Jussis literarische Schlachteplatten, sondern weil sie sich einmischt, weil sie eine öffentliche Person ist. Was sie postet, und sie postet viel, steht gern morgen in der Zeitung.

Aber jetzt fahren wir weit weg von Kopenhagen, über einen Feldweg aufs Sommerhaus zu, das aussieht, wie Sommerhäuser in Ferienkatalogen eben aussehen. Hier schreibt Anna Grue. Die Füße auf einem Freischwinger, dessen Pendant in Amager, einem Vorort von Kopenhagen, steht. Im Haus, wo sie mit ihrem Mann, dem Maler Jesper Christiansen und zwei Cockerspaniels lebt, wenn sie nicht gerade schreibt. Schreiben kann sie nur im Sommerhaus, dafür, sagt sie, muss es still sein. Anna Grue ist Lärmhysterikerin. Sie hört alles. Den Müllwagen. Die Oper aus Jespers Atelier. Sogar Gespräche am Nebentisch.

Morde bringt sie rasch hinter sich

Hier draußen am Fjord lenkt sie nichts ab. Außer dem Blick aufs Wasser. Seit 16 Jahren haben sie das Sommerhaus. Gekauft von einem Stipendium Jespers. Viel Geld hatten sie nicht. Jetzt werden sie wohl bald ganz aufs Land ziehen. Für Großschriftsteller ihrer Auflagenstärke wird es trotzdem kuschelig bleiben. In Deutschland würde sie mindestens in einer Villa am Starnberger See wohnen.

Sie braucht es nicht so groß. Sie ist, sagt sie, Miss Marple. Womit schon mal klar ist, wo ihre Vorlieben liegen – und dass Anna Grue eine in der Wolle gefärbte Britin ist: eher als eine Nachfolgerin von Sjöwall-Wahlöö-Mankell-Adler-Olsen. Politik interessiert sie nicht, Sadismus, Gewalt, dieses ganze Blutvergießen sind ihr zuwider. Sie liebt die Struktur, das Puzzlespiel, Volten zu schlagen, den Leser zu überraschen. Hin und wieder muss sie jemanden umbringen. Schön ist das nicht. Man hat den Eindruck, sie müsste das rasch hinter sich bringen.

Eigentlich hätte sie erst in drei Jahren angefangen zu schreiben. In drei Jahren wird sie 60. Als sie mit einem Burnout auf der Couch lag, hat sie so lange davon fantasiert, was sie alles tun würde, wenn sie erst 60 wäre, dass ihr Psychologe irgendwann sagte, warum sie so lange warten wolle. Anna leitete damals eine Modezeitschrift. Sie machte Texte anderer Leute lesbarer, selbst geschrieben hatte sie bis dahin nahezu nichts. Sie ging nach Hause und fing an. Und es war, sagt sie, als hätte sie nie etwas anderes getan.

Der Held leidet unter dem Burnout der Autorin

Dan Sommerdahl, der glatzköpfige Detektiv, dessentwegen uns der Atrium-Verlag in dieses Idyll eingeladen hat, ist Mitte 40, als er mit Burnout im Bett liegt. Sein Freund Flemming, der Kommissar, schleust ihn in laufende Ermittlungen, um ihn auf andere Gedanken zu bringen. Aus der Therapie wird eine Obsession. Dan Sommerdahl wird Detektiv.

Zehn Fälle soll er lösen, so ist’s Tradition in Skandinavien. Zehn Fälle, in denen er nicht die Gesellschaft kritisiert oder durch Blut watet, sondern erwachsen wird. Eine Krimiserie musste es sein, weil sie schließlich Geld verdienen musste, sagt sie, als das Gehalt einer Magazinchefin wegfiel. Einen Werbetexter zum Ermittler zu machen, ergab sich am Kopierer. Sie war damals Chefredakteurin einer kleinen Zeitschrift. „Wir mit Hunden“ hieß die. Die teilte sich das Büro mit einer Agentur. „Und ich saß da, hörte dem Gerede zu. Und dachte, dass diese ,Mad Men’ alles über uns wissen. Mehr als Psychologen. Die gucken in deinen Kühlschrank und sagen dir, wer du bist.“ Die könnten auch mehr. Zum Beispiel Detektiv.

In Dänemark hat Dan gerade seinen sechsten Fall gelöst. In Deutschland steckt seine education criminale noch in den Kinderschuhen. In „Judaskuss“ stolpert er in seine zweite Ermittlung. Zwei Erzählschleifen verknotet Grue höchst elegant. Die Geschichte eines Mordes im Umfeld einer fundamentalistischen Sekte. Und die eines Heiratsschwindlers, der Mittvierzigerinnen um ihr Erspartes bringt. Für einen guten Zweck. Eine Art Robin Hood der Sexarbeit. Der Mann ist eine der faszinierendsten Tätergestalten seit langem.

Der Babysitter gibt den Löffel ab

Der Mord, erzählt sie, als wir auf Nyköbing zufahren, wurde ihr sozusagen an die Wiege gelegt.. Aufgewachsen ist sie – wie Jussi Adler-Olsen, mit dem sie auch die Passion fürs Häuserrenovieren gemein hat – in einer Psychiatrie, in Nyköbing, wo die besonders schweren Fälle hinkommen. Ihr erster Babysitter hatte seine Gattin vergiftet. Anna hat er später einen goldenen Löffel geschenkt. Annas Mutter, die Psychiaterin war in Nyköbing, hat das als Vertrauensbeweis verstanden wissen wollen. Außerdem sei er medikamentiert gewesen, hat sie gesagt. Also keine Gefahr. Mulmig wird es einem beim Zuhören trotzdem.

Schnurgerade geht die Straße zum Rand des Wassers. Für Minuten sieht es frühlingshaft aus am Fjord. Dan Sommerdahl muss ins Exil. Anna Grue schickt ihn in die Heimat von Colin Dexter, einem ihrer Lehrmeister in Sachen Whodunit-Architektur. Dahin, wo sie gern wäre, jetzt und immer. Im britischen Kernland. Dan Sommerdahl fährt nach Oxford. „Es wurde“, sagt sie, „Zeit für ein Statement“. Oldfashioned hat man sie genannt. Was sie auch ist. Was sie ihren Landsleuten übel genommen hat, war das mit „Grandma Christie“. Kann sein, dass sie einen von ihnen umbringt. Literarisch. Hat sie mit einer einflussreichen Kunstrichterin schon gemacht. Ist sofort aufgeflogen, der Plotanschlag. Dänemark ist ein kleines Land.

Anna Grue: Die guten Frauen von Christianssund. Atrium Verlag, 416 Seiten, 19,95 Euro