Lars Eidinger ist ja der Mann für alle Fälle. Wenn einer sich ein Würstchen irgendwo reinstecken muss, kulturell wertvoll und auf einer Theaterbühne, ruft man den Eidinger an. Jagt Borowski dann im „Tatort“ einen Postboten, so einen richtig psychisch kranken, den fiesesten, weil unscheinbarsten Mörder, dann spielt den auch der Eidinger.

Eidinger ist der Mann für Extreme. Und wenn das Haus der Kulturen der Welt durch eine Ausstellung führen lässt, wen rufen sie dann? Den Eidinger. Trifft sich auch gut, weil er als Schauspieler an der Videoinstallation „Speaking in Tongues“ des niederländischen Künstlers Aernout Mik mitgewirkt hat.

Die Spiritualität der Ökonomie

Mik hat in seiner Arbeit Riten von Pfingstgemeinden in Brasilien und Nigeria mit Motivations-Coachings für Manager kontrastiert. Er hat die Wirtschaftlichkeit der Religion herausgearbeitet und die Spiritualität der Ökonomie. Im Haus der Kulturen der Welt stehen also Fernseher. Wir sehen einen dunkelhäutigen Mann in einem weißen Anzug.

Und der legt reihenweise Frauen flach auf den Boden. Der hält sie am Bauch fest, am Kopf, dann werden sie zugedeckt. Eine nach der anderen. Andere drum herum scheinen zu schreien, in Zungen zu sprechen. Sie springen, sie beben. So sieht Religion nun mal aus.

Und in einem anderen Raum läuft der Lars Eidinger über eine Bühne. Das wird so ein Wirtschaftskongress sein. Eidingers Spiel und Physis sind großartig in den Videos. Er gibt den großen, geleckten Manager, den Vorstandsvorsitzenden, den Keynotespeaker, der Hunderte vor sich motiviert. In seinem schmalen Anzug, den großen Gesten und den zurückgelegten Haaren gibt er den neuen Vertreter Gottes.

CEOs sprechen als Päpste zum Volk

CEOs sind die neuen Päpste, und sie sprechen zum Volk, sie sollen dem Volk den Himmel auf Erden sehen lassen, um an den Überbau zu glauben. An den Shareholder Value, an das Wirtschaftswachstum.

Im Foyer des Hauses steht der echte Eidinger. Er ist immer noch groß. Aber anders als in dem Film ist er nicht mehr so göttlich unnahbar. Beim Reden stellt er den rechten Fuß immer auf den Linken. Seine Socken sind rot. „Da waren acht Kameras“, sagt er über die Dreharbeiten mit Aernout Mik. „Nein, nein“, meint der. „Gefühlte 150“, erwidert Eidinger. „Es waren drei“, präzisiert es jetzt der Regisseur.

Und die 100 Gäste lachen, ein tiefes, herzliches Lachen. Die jungen Mädchen mit den Punkten auf den Hosen, die jungen Männer mit den Bärten, die älteren Damen mit dem Grau und ihren Perlen, die Herren mit den Bäuchen. Die Rolle des Museumsführers ist wirklich eine seiner besten. Weil Lars Eidinger in der Durchschnittlichkeit so nahbar, so wahrhaftig wird.