Konzert im Lido

Dagobert erklärt den Berlinern die wahre Liebe

Durch die Liebe werden wir oft zum größten Lügner. Der Schweizer Sänger Dagobert aber singt im Berliner Lido über die Wahrheit. Seine Verse sind die Botschaften eines modernen Werthers.

Foto: Reto Klar

Wir glauben ja, das alles über die Liebe schon gesagt worden ist. Von der viertausend Jahre alten Tontafel „Istanbul #2641“, über Walther von der Vogelweide, bis hin zum bescheidenden „I don't wanna set the world on fire/ I just want to start a flame in your heart“ der Ink Spots, und dem Höhepunkt vom candysweet Lollipop des „She loves you, yeah, yeah, yeah“. Aber das stimmt nicht. Weil man nämlich gar nicht alles über Liebe wissen kann, bevor man nicht die eiernden, so schön schlagerhaften Miniaturen des Schweizer Sängers Dagobert gehört hat.

Er steht auf der Bühne im Lido. Nur er. Sonst keiner. Fast zwei Meter. Da ist eine Hose mit Kummerbund an seinen Beinen und er hat die Haare wie ein Landadeliger des frühen 19. Jahrhunderts nach hinten arrangiert, nicht gegelt, das muss Pomade sein. Er jault wie ein getretener, einsamer Hund, wie ein Hund, der immer um den alten Knochen betteln muss, der hungrig und alleine einschläft unter einem vollmondigen Himmel, kalt und dunkel. Die Musik kommt aus einem kleinen Kasten irgendwo. Dagobert singt ein Gefühl aus den Tiefen seiner selbst. „Ich mag all deine Freunde nicht, sie sind auch alle hässlich, sie sind langweilig und lästig“.

Die große Liebe duftet nach Frühlingswiesen

Die Lichtmaschine zeigt alle Spektren der Farbigkeit. Normalerweise filtert der Mensch solche Gedanken, also die mit den Freunden der Person, die man verehrt, und wie hässlich und langweilig man die alle findet. Das sag man ja nicht. Man sitzt in irgendeiner Küche zwischen den ganzen Menschen, die man furchtbar hasst, die man aber erträgt, wegen der große Liebe, die da sitzt, die so nach Frühlingswiesen, Picknicks und Krümeln auf der Decke riecht, die einen an das Vogelgezwitscher denken lässt, zu dem man am ersten gemeinsamen Sonnenaufgang im Park geknutscht hat. Und die Gesichter ihrer Freunde werden zu Fratzen, zu Monstern, und man stößt mit dem geschmacklosen Wein an, den sie mitgebracht haben und sagt dann trotzdem, „schön, dass ich euch mal kennenlerne“. Durch die Liebe wird man selbst zum größten Lügner. Dagobert aber singt die Wahrheit.

Die Berliner, also die, die da sind, die johlen manchmal ganz laut. Die stoßen mit ihren 0,33-Liter-Bieren an, dass es klirrt und schäumt und auf den Holzboden läuft. Sie rufen dazu „Dagobert!“, so wie man johlt, wenn man ganz ironisch zum Eurodance von Snap! tanzt, aber eigentlich nach dem Niedriglohnjob als Assistent bei einem Modeblog doch lieber in der Oper sitzen würde. Hochkultur ist ja sehr beliebt bei solchen jungen Menschen. Sagen die jedenfalls und rennen dann doch drei Tage in die Bumm-Bumm-Clubs.

Aber Dagobert singt einfach weiter, und wenn das Klirren nicht da ist, ist das so, als ob man tatsächlich die Liebe versteht. Wenn er mit der Jodellehrerin Doreen Kutzke ein Duett singt von Weihnachten, dann ist das, als ob man durch den Nichtort Twin Peaks fahren würde und irgendwo im Wald spielt einer auf einer Orgel, deren Töne betörend wie der Gesang der Sirenen sind. Weil Dagoberts Texte auch so tödlich sind, weil sie wahrhaftig sind.

Zum Gitarrenspiel einer leuchtkettenglimmenden Flying-V-Gitarre erzählt er ruhig „Zu erstmal bauen wir ein Haus direkt ans Meer/ und pflanzen Bäume, denn Bäume mag ich sehr/ und es muss groß sein, viel zu groß für nur uns zwei/ dann schauen vielleicht ein paar Kinder noch vorbei“.

Botschaften eines modernen Werthers

Der Sänger Dagobert, der wie aus dem Nichts in Berlin-Mitte aufschlug, an der Ackerstraße in einem Café schlief, bei so einem Film von Lemke mitspielte, und vorher auf einem Berg gewohnt haben will, er ist der Fantast mit Kummerbund, der mit einer vermeintlichen Künstlichkeit, alle die berührt, die in der echten Künstlichkeit untergehen, die sie Karriere oder Leben nennen. Seine Verse sind die Botschaften eines modernen Werthers. Sie sind so blutrot aufrichtig wie Clärchens Lied aus Egmont. Zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt.

„Ihr seid nicht schlecht“, sagt Dagobert und steckt sich das Mikrofon in den Mund. Und ein wenig später verschwindet er hinter dem Paravent, so als ob es ihn nie gegeben hätte. Als sei alles nur der Fantasie entsprungen. Und doch war alles wahr.