Konzert in Berlin

Placebo erinnern in der O2 World an ihre besseren Zeiten

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Frédéric Schwilden

Foto: Georg Hochmuth / dpa

Ende der 90er dachten viele, dass Placebo zu einer überlebensgroßen Rockband werden könnte. Doch ihre große Zeit ist längst vorbei. In der O2 World wecken zumindest die alten Titel gute Erinnerungen.

Dem einen da, ganz oben, auf dem Rang knapp unter der Decke, dem gefällt die Band Placebo so gut, dass er in seinen leeren Bierbecher beißt, mit seinen Händen Bewegungen macht, als ob er ganz schnell in einer unsichtbaren Menschenkette sehr kleine Gegenstände weitergeben würde.

Gerade spielt die Band das Stück „Special K“. „Special K“ handelt von Ketamin. Das ist ein verschreibungspflichtiges Medikament. Schweine bekommen es zum Beispiel, bevor sie geschlachtet werden. Menschen bekommen es manchmal, wenn sie während einer Operation intubiert werden. Andere benutzen Ketamin aber als Droge bei Raves. Angeblich soll man unter dem Einfluss von Ketamin Töne schmecken und anfassen können. Und der Typ, der sieht so aus, als würde er gerade raven.

Sein komplettes äußeres Erscheinungsbild lässt einen sofort an die Love Parade denken, und wie die Menschen in neonfarbenen Kostümierungen damals in Berlin auf den Wagen standen. Und am Ende war der Tiergarten immer wahnsinnig schmutzig.

Jedenfalls hat der Raver gerade einen mit Lederweste angerempelt und der hat dann klar gemacht, dass das so nicht geht. „I'm on sinkin sand/ Gravity/ No escaping, not for free/ I fall down, hit the ground/ make a heavy sound“, singt Brian Molko gerade, als der Lederwestentyp sich ganz groß aufbaut. Für einen Moment denkt man wirklich, der Raver fällt gleich eine Etage tiefer. Dann steckt er sich aber einfach den Mittelfinger in den Mund und dreht sich wieder um.

Die große Zeit der Briten ist vorbei

Die Berliner O2 World ist gut gefüllt. Eigentlich hätte man erwarten können, dass weniger Leute da sind. Die große Zeit der Briten ist nun mal vorbei. Ende der Neunziger dachten viele, dass die Band um Sänger Brian Molko einmal zu einer überlebensgroßen Rockband werden könnte. David Bowie zum Beispiel. Er fand die so gut (nur von Demo-Aufnahmen, die er kannte), dass er Placebo, bevor die überhaupt ein Album herausbrachten, mit auf Tour nahm. „Without You I'm Nothing“ vom gleichnamigen zweiten Placebo-Album haben sie sogar zusammen mit Bowie eingespielt.

Im September haben Placebo ihr siebtes Album „Loud Like Love“ veröffentlicht. Und es wäre, als würde Placebo keine Platten mehr herausbringen. Weil es peinlich klingt, wenn ein 40-Jähriger pubertäre Lyrik über Banken („Rob The Bank“) und Facebook („Too Many Friends“) schreibt.

Placebo wurden zu einer Stadion-Band, die ihre oft fragilen, dünnen und brüchigen Songs jetzt als Gassenhauer zur Literbechern Weizenbier und triefenden Würsten servieren, die von Männern mit Motorradaufnähern auf den Jacken gegessen werden, während die Frau daneben sitzt und die spitzenblondierten Haare um den Finger knotet.

Ein Gefühl, so dunkelblau wie die traurigste Nacht nur sein kann

„Every You Every Me“ war eine wundervolle Liebeserklärung an ein Gefühl, so dunkelblau wie die traurigste Nacht nur sein kann. Es war ein androgynes Seufzen, ein zwittriges Kribbeln. Aber in der O2 World singt Molko nicht. Er presst die Vokale und spuckt die Konsonanten nur so auf den Boden vor sich. Molko wird zu Parodie des Zwischenwesens, das den harten Macho der Rockmusik parodieren möchte. Sein Stolz und seine Anmut sind verschwunden. Er wirkt wie einer, der beim Trinken ganz laut rülpst.

Mit Geige und Klavier spulen sie „The Bitter End“ hinunter. Und doch hören Placebo noch nicht auf. Der Zuschauer, der die Zugabe abwartet, sieht ganz kurz nicht die Parodie auf die harten Jungs. Er hört Placebo Kate Bush' „Running Up That Hill“ spielen. Sie verwandeln es in eine im Hintergrund fiepende, ganz sehnsüchtige Ballade. Viel trauriger, viel zitternder als das Original.

Sogar der Raver hat keinen Becher mehr im Mund. Er hat die Augen einfach geschlossen. Und das ist gut.