Der offensichtliche Suizid eines pensionierten Studienrats aus Schöneberg markiert das höchst tragische Ende eines Fälschungsskandals, der seit einer Woche die Stadt bewegt. Dass sich Detlef G. nach seinem Geständnis das Leben nahm, macht betroffen. Kunstfälschung ist kein Kavaliersdelikt, aber in der Rangordnung der Straftaten doch niedrig anzusiedeln.
Deshalb konnte auch ein Meisterfälscher wie Wolfgang Beltracchi, der die Kunstwelt noch auf einem viel höheren Preisniveau geprellt hat, den Gerichtssaal nach seiner Verurteilung selbst guten Mutes zu verlassen.
So wie im Beltracchi-Fall hat man auch in der aktuellen Affäre die Fälschungen nicht gleich als solche erkannt. Ein Experte soll die Echtheit der beiden Aquarelle von Lou Albert-Lasard bestätigt haben, die im Sommer von der Villa Grisebach versteigert wurden. Als dann allerdings noch weitere, sehr ähnliche Werke der französischen Künstlerin eingeliefert wurden, kamen dem Auktionshaus Zweifel. Nach ersten Recherchen informierte man die Polizei. Der Verkauf der beiden Aquarelle wurde noch vor Bekanntwerden der Affäre von der Villa Grisebach rückabgewickelt.
Auktion mit Zeitgenössischem
Bei seiner Herbstversteigerung wird nun das Berliner Auktionshaus alles daran setzen, den Schatten der jüngeren Vergangenheit nicht zu schwer fallen zu lassen. Das Licht der Aufmerksamkeit wird sich auf andere, bekanntere Künstlernamen richten – wie Karl Schmidt-Rottluff, der zur Versteigerung ausgewählter Werke der Moderne und der Gegenwartskunst am Donnerstag das Spitzenlos beisteuert.
Auf eine bis 1,5 Millionen Euro ist sein Gemälde „Watt bei Ebbe“ von 1912 taxiert. Das ist kein unmögliches Ziel für den deutschen Expressionisten. Bei Auktionen im letzten Jahrzehnt haben seine Werke bereits acht Mal die Millionen-Marke überschritten. Der Rekord liegt bei gut vier Millionen.
Das Besondere an dem nun angebotenen Bild ist die Klarheit der Form in Kombination mit dem kräftigen Kolorit – grelloranges Meer, kobaltblaues Land, schwarze Segel. Wenige Details, bewusste Simplizität der Linie: Man kann sich bei diesem minimalistischen und doch atmosphärisch sehr dichtem Gemälde durchaus an die Holzschnitte Schmidt-Rottluffs erinnert fühlen.
Die Expressionisten spielen traditionell eine starke Rolle im Berliner Kunstmarkt. Paula Modersohn-Becker, die dieser Stilrichtung in Deutschland einiges an Weg bereitet hat, eröffnet die Auktion am Donnerstag mit einem noch recht impressionistisch gehaltenen, norddeutschen „Moortümpel“, den sie 1900 in Öl auf Pappe malte.
70.000 bis 90.000 Euro scheinen ein akzeptabler Preis. Im Herbst vor fünf Jahren wurde das Bild schon einmal in der Villa Grisebach versteigert, für 71.400 Euro. Deutlich größere Hoffnungen weckt Paula Modersohn-Beckers „Auf einem Stuhl sitzendes Mädchen mit Kind auf dem Schoss vor Landschaft“. Es ist wohl das bedeutendste Werk der Worpsweder Künstlerin, das in den vergangenen sechs Jahren auf einer Auktion angeboten wurde.
In dem 1904 in Öl auf Karton gemalten Kleinformat adaptiert Modersohn-Becker die französische Frühmoderne nach Cézanne und entwickelt hier drei Jahre vor Picassos „Demoiselles d’Avignon“ eine Vorahnung auf die kubistische Revolution – ohne freilich den Schritt zum Kubismus zu vollziehen. Der Schätzpreis für das mütterliche Mädchen liegt bei wohl nicht zu hoch gegriffenen 250.000 bis 350.00 Euro. Mehr als ein Jahrzehnt danach malte Lyonel Feininger „Der Junge Mann auf dem Dorfe“, und wenn man die beiden Werke nun in der Vorbesichtigung studieren kann, dann merkt man, wie radikal sich das Kunstverständnis in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts wandelte.
Auch Isa Genzken im Angebot
Bei Feiningers unsigniertem Ölgemälde von 1916/17 sieht man die Landschaft prismatisch zerbröselt, wie durch das Kaleidoskop einer halluzinogenen Droge: rosafarbene und kantige Hügel, violette Bäume mit Zweigen wie scharfen Klingen, dazu eine windschiefe Mühle und der „Junge Mann“, der mit hagerem Gesicht und einem Anzug in leuchtendsten Orange durch dieses Traumszenario stakst wie ein zu früh erschienener Bote der Flower-Power-Bewegung.
Das Bild hing einst in der Berliner Nationalgalerie-Ost, bevor es 1984 an die Erben des Künstler restituiert wurde. 500.000 bis 700.000 Euro soll das Bild nun kosten. Die Preise des deutsch-amerikanischen Kubisten können allerdings für besondere Leinwände auch mal über 20 Millionen Dollar erreichen.
Doch nicht nur im Bereich der klassischen Moderne, sondern auch bei der zeitgenössischen Kunst bietet die Villa Grisebach einige schöne Werke an: Durchaus museale Qualitäten besitzt Isa Genzkens Betonskulptur auf Stahlpodest „Wiese“ (1990), auf 200.000 bis 250.000 Euro taxiert. Ähnliche Arbeiten der deutschen Künstlerin sind gerade in ihrer Retrospektive im Museum of Modern Art in New York zu sehen.
Villa Grisebach, Fasanenstr. 25, Berlin-Charlottenburg. Vorbesichtigung der Auktionswerke: am 26. November 2013, 10-18 Uhr. Herbstauktionen: 27.-30 November 2013.





