Theater

Alles neu, aber nicht alles anders

Die Pläne einer Intendantin: Mit Shermin Langhoff wird sich das Maxim Gorki Theater verändern – aber nicht so radikal wie erwartet

Die neuen Chefs rauchen noch schnell eine Zigarette vor dem Theater, drinnen im Foyer herrscht Gedränge: Es gibt Schnittchen, Getränke, Kuchen und Infomaterial. Shermin Langhoff bittet die Anwesenden, Platz zu nehmen, denn „es dauert länger“. Die Intendantin des Maxim Gorki Theaters bleibt stehen, gemeinsam mit ihrem Vertreter Jens Hillje, dem kaufmännischen Geschäftsführer Jürgen Mayer, der konsequent schweigt, und der künftigen Hausautorin Marianna Salzmann. Die vier stellen ihre erste Spielzeit vor, Shermin Langhoff drückt aufs Tempo – und so kommen sie nach 55 Minuten ans Ziel, also fünf Minuten früher als eingeplant. Man kann das als guten Omen werten.

Alles neu, aber nicht alles anders: Als Shermin Langhoff das 17-köpfige Ensemble vorstellt, kommt es ausgerechnet bei Ruth Reinecke zu Projektionsproblemen: Die Schauspielerin ist mit Abstand die älteste und die einzige, die aus dem alten Ensemble geblieben ist. Der Rest folgte dem früheren Intendanten Armin Petras nach Stuttgart, dem früheren Chefdramaturgen Jens Groß nach Köln oder ging an andere Häuser. Für Shermin Langhoff und Jens Hillje hat das zumindest den Vorteil, dass die neuen Hausregisseure ihre Lieblingsakteure mitbringen können, Wechselwilligkeit vorausgesetzt.

Künftig englische Übertitel

Etliche sind da, einige drehen gerade, wie Shermin Langhoff fast beiläufig erwähnt, als sie eine Anekdote über den gebürtigen Berliner Tamer Arslan erzählt. Das neue Ensemblemitglied hatte vor ein paar Jahren im angrenzenden Palais am Festungsgraben geputzt, die Mutter betreibt eine Reinigungsfirma, als der große Bruder ihn damit aufzog, dass er doch erst ein richtiger Schauspieler sei, wenn der dort nebenan spiele. Ab Mitte November ist es so weit.

Der Anteil der Schauspieler mit Migrationshintergrund ist für ein deutsches Stadttheater auffällig hoch. Trotzdem will Shermin Langhoff, die 1969 im türkischen Bursa geboren wurde, 1978 nach Deutschland kam und mit dem Regisseur Lukas Langhoff verheiratet ist, ihre Idee eines postmigrantischen Theaters, die sie am Ballhaus Naunynstraße erfolgreich verwirklichte, jetzt nicht 1:1 aufs Gorki übertragen. Das wäre ein gewagtes Experiment gewesen, das möglicherweise in einen finanziellen Fiasko geendet hätte, denn das Gorki ist mit seinen 440 Plätzen ungleich größer als das Ballhaus. Und auf einigermaßen ordentliche Ticketeinnahmen wird die Bühne angesichts einer nicht gerade üppigen finanziellen Ausstattung angewiesen sein – Langhoff-Vorgänger Petras war auch deshalb vorzeitig gegangen, weil er die Bühne für unterfinanziert hielt.

Auf der Spielplan-Pressekonferenz war das kein Thema, aber darauf hatte Shermin Langhoff am Montag bei ihrem ersten Auftritt vor dem Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses hingewiesen. Knapp zehn Millionen Euro beträgt der jährliche Zuschuss des Landes, zur Übernahme und Neueröffnung des Theaters gab’s ein paar Hunderttausend extra, allerdings nur als einmalige Zahlung. 400.000 Euro mehr hätte die neue Leitung gern auf Dauer, das war auch die Forderung der alten.

Weihnachtsmärchen ist wieder da

Um das Stammpublikum möglichst mitzunehmen und gleichzeitig neue Kreise anzusprechen, stellten Hillje und Langhoff gestern einen vergleichsweise moderaten Spielplan vor und kündigten für alle Produktionen englische Übertitel an, eine Ausnahme bilden nur die Premieren und die Gastspiele. Eröffnet wird am 15. November mit einem Klassiker: Nurkan Erpulat inszeniert Tschechows „Der Kirschgarten“, Gorki-Urgestein Ruth Reinecke spielt mit, sie posiert auf einem Plakatentwurf, der auf der Homepage gezeigt wird, mit rot-verschmiertem Mund und einer Handvoll Kirschen in der Hand.

Im Stück geht es ja um einen Umbruch und Neuanfang, insofern passt das gut zur aktuellen Situation am Gorki. Und zur russischen Tradition des Hauses, dem einzigen bundesrepublikanischen Stadttheater, das nicht nach einem deutschen Dichter benannt ist, wie Jens Hillje erzählte. Was der Geschichte geschuldet ist. Das Maxim Gorki Theater wurde 1952 „als ein Ort zur Pflege russischer und sowjetischer Theaterkunst“ gegründet und war unter seinem ersten Intendanten Maxim Vallentin dem sozialistischen Realismus verpflichtet. Auf Wunsch der Staatlichen Kunstkommission wurde nicht wie ursprünglich geplant mit Gorkis „Nachtasyl“ eröffnet, sondern mit der deutschen Erstaufführung des sowjetischen Stückes „Für die auf See“ von Boris Lawrenjow.

Der Namensgeber kommt unter der neuen Intendanz im Januar auf die Bühne: „Kinder der Sonne“ ist eine Übernahme vom Volkstheater Wien, allerdings eine Inszenierung des neuen Hausregisseurs Nurkan Erpulat, der das Stück mit Gorki-Schauspielern umbesetzt. Die Produktion lädt zu einem reizvollen Vergleich ein, denn am Deutschen Theater läuft die gefeierte, in Berlins Mitte verlegte Inszenierung von Stephan Kimmig mit Nina Hoss. Eine weitere, privat unterfütterte Traditionslinie bedient Lukas Langhoff, der Volker Brauns „Übergangsgesellschaft“ auf die Bühne bringt. Die DDR-Erstaufführung dieses Stücks erregte 1988 Aufsehen, es war ein Abgesang auf die gesellschaftlichen Verhältnisse der DDR. Regie führte seinerzeit Thomas Langhoff, der Vater von Lukas.

Zu den Klassikern kommen Uraufführungen, Yael Ronen, inszeniert „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ von Olga Grjasnowa und Sebastian Nübling, der dritte Hausregisseur neben Ronen und Erpulat, bringt „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ von Sibylle Berg ebenfalls im November heraus. Im Dezember wird am Gorki dann an eine weitere Tradition angeknüpft, die des Weihnachtsmärchens: Christian Weise beschäftigt sich mit Wilhelm Hauffs „Der kleine Muck“. Damit müsste sich das Haus eigentlich gut füllen lassen.