Wer dieser Tage in die Neue Nationalgalerie geht, muss sich wappnen. Dort wird scharf geschossen, das Museum hat sich zur „Kampfzone“ erweitert. Und zwar im dritten und letzten Teil der umfassenden Sammlungspräsentation. Da steht er, Joseph Beuys, unverkennbar mit Weste und Hut, der Kunst-Schamane, Menschenverführer und Beamtenschreck.

Und wir stehen vor den alten Schultafeln, vollgekritzelt mit Kreideformeln, Beuys’ „Richtkräfte einer neuen Gesellschaft“. Er selbst richtete die Installation unten im Foyer der Nationalgalerie ein, da hinein in die Museumssäle, nein, das wollte er nicht. Das war ihm zu museal. An einer der Tafeln hängt ein Spazierstock, und wie er da so hängt, schon komisch, wirkt er wie ein gestrenger Zeigefinger, der uns immer noch lehren will: „Die Revolution sind wir“ und „Jeder Mensch ist ein Künstler“.

Um Revolution, Umsturz, Kunst und Künstler geht es eben in der „Ausweitung der Kampfzone“. Immerhin wird die Zeitspanne von 1968 bis 2000 behandelt, gefühlt ein irrsinniger Spagat zwischen alten Ideologien und neuen Mentalitäten, geprägt von Auf-, Um- und Abbrüchen. Rasante Jahrzehnte zwischen Studentenrevolte, sexueller Befreiung, Feminismus, wachsendem Umweltbewusstsein, Atomkriegsangst, dem Terrorzug der RAF, Punk, Digitalisierung und Globalisierung, New Economy, Börsenboom.

Der Kampf in der Kunst selbst ist präsent

Digitale Welten sprengten unsere Köpfe, eröffneten alternative Denk-, Lebens- und Arbeitsmodelle. Zentrales Kapitel im deutschen Geschichtsbuch ist freilich der Fall der Mauer. Doch ideologische Positionen von Ost und West will man nicht noch einmal aufmachen, zumal beide Sammlungen aus Ost- und West-Berlin längst zu einer verschmolzen sind. Der Kampf in der Kunst selbst ist präsent: Wie geht es weiter mit der Malerei, wie weit kann sie überhaupt gehen?

Rebecca Horn hat ihre mechanische Malmaschine aufgehängt – sie räumt auf mit dem Mythos vom Künstler als allmächtigen Genius. Der Titel geht auf Michel Houellebecqs Kultbuch von 1994 zurück. Ein Text, der Autor nennt es „Pamphlet“, in dem alle Werteordnungen nivelliert sind, Zynismus heißt die neue Weltenformel, die Leute befinden sich im Alltagssalat von Computerprogrammen, Shoppingarkaden und absoluter Leere im Kopf wieder.

Krieg und Terror herrscht in der Nationalgalerie auf weiter Front. So viel künstlerisches Konfliktpotenzial und Auseinandersetzung war lange nicht mehr an nur einem Ort zu sehen. Bei Bruce Nauman flackert der Schriftzug „WAR“ nervös auf. Katharina Sieverding zeigt im „Schlachtfeld Deutschland“ (1978) wie die Republik sich mit der GSG 9 bewaffnet, um sich gegen den grausamen RAF-Todeszug zu schützen. Von einigen Bürgern wurde dieses aber auch als Übermacht und Bedrohung des Staates wahrgenommen.

Ende des nächsten Jahres wird die Nationalgalerie geschlossen

Bei Wolfgang Tillmans marschieren „Soldiers“ (1999) auf, irgendwann hatte der Fotograf bemerkt, dass in den Medien Soldatenfotos omnipräsent sind, allerdings ist keiner in eine Kampfhandlung verwickelt, schon gar nicht tot. Sie „rauchen, posieren oder spielen Schach“. Tillmans hat diese Fotos kopiert und ungerahmt an eine Museumswand gepinnt. Diese offenen Form der Präsentation war in den Neunzigern provokant, die eher journalistische Dokumentation galt als unwürdig für die Fotografie.

Mit dieser künstlerischen „Kampfzone“ aus dem eigenen Bestand verbindet Museumsdirektor Udo Kittelmann auch eine klare Kampfansage: „Wir brauchen mehr Platz für diese hochkarätige Sammlung.“ Zeit für eine Galerie des 20. Jahrhunderts. Jetzt hofft er nur, dass Stiftungsrat und Politik die Pläne für den Neubau am Kulturforum schnellstens bestätigen. Ende des nächsten Jahres wird die Nationalgalerie geschlossen – wegen der Sanierung.

Freier Parcours mit Themen

Wer eine Chronologie sucht, wird sie nicht finden, alles ist offen. Ein freier Parcours, nach Themen geordnet, der die Kampfzonen des (vereinigten) Landes freilegt. Die Schau erzählt weit mehr als eine Ästhetik-Geschichte, sondern wie Kunst sich einmischt in die Belange einer Gesellschaft. Und diese Sammlungsauswahl von 1968 bis 2000 zeigt, wie stark sie wirklich aufgestellt ist. „In Berlin wurde schlicht anders gesammelt“, findet Joachim Jäger, Leiter der Nationalgalerie. „Gesellschaftliche und politische Themen sind sehr präsent, ganz anders als in Städten wie München oder Hamburg.“

Und zum Ende? Da liegt bei Jeff Wall ein Mann total fertig auf dem Boden seiner Küche. Verschmutzt, verlottert, ärmlich, der kann nicht mehr. Man könnte bald meinen, der arme Typ guckt noch gegenüber auf das Wall Painting von Damien Hirst. Lauter bunte Punkte, brav aneinandergereiht. Irgendwo in der Ecke steht die überdimensionierte Luxus-Hermes-Handtasche von Cosima von Bonin. Geld ist da. Andreas Gursky hat den unüberschaubaren globalen Geldtransfer in „Singapore Stock Exchange“ festgehalten hat. Der Einzelne gilt nichts.

Michel Majerus, früh verstorben, macht mit seiner Malerei gleich ganz Schluss: „Burned Out“ steht da auf der großen Leinwand. Drei dicke schwarze Streifen besiegeln das.

Neue Nationalgalerie, Potsdamer Str. 50. Di-Fr 10-18 Uhr, Do bis 20 Uhr, Sa/So 11-18 Uhr. Bis 31. Dezember 2013