Kulturpolitik

Berliner Kulturbaustellen - der Wahnsinn hat Methode

Staatsoper, Gemäldegalerie, Stadtmuseum: Warum geht es eigentlich nicht voran in Berlin? Ein Überblick über die Kulturbaustellen.

Foto: Maurizio Gambarini / dpa

In der Koalitionsvereinbarung zwischen SPD und CDU wird die „Kulturpolitik in Berlin“ mit einem einzigen Satz umrissen: „Berliner Kulturpolitik wird die einzigartigen Qualitäten der Berliner Kulturlandschaft weiter entwickeln und die Konsolidierung der reichen Berliner Kulturlandschaft mit ihren zahlreichen national und international bedeutenden Institutionen fortsetzen.“

Das gestaltet sich mitunter recht schwierig. Nicht nur bei der Sanierung der Staatsoper gibt es Verzögerungen. Auch der Umzug der Gemäldegalerie (dahinter verbirgt sich nicht Geringeres als die Neuordnung der Berliner Museumslandschaft) und der Neubau der Zentral- und Landesbibliothek am Rande des Tempelhofer Feldes liegen noch in weiter Ferne. In den freigezogenen Bibliotheksbau an der Breiten Straße soll dann irgendwann das Stadtmuseum die Berliner Geschichte präsentieren, die jahrelang favorisierten Pläne für eine Nutzung des Marinehauses wurden dieser Tage handstreichartig beerdigt. Auffällig bei allen Vorhaben: es hängt immer noch ein Rattenschwanz anderer Projekte und Umzüge dran. Dieser Trend zur Verknüpfung ist das Kernproblem der Berliner Kulturpolitik. Ein Überblick über die Kulturbaustellen.

Eröffnung zwei Jahre später

Beispiel Staatsoper. Die Sanierungskosten liegen bei 240 Millionen Euro. Die Eröffnung wurde bislang fast so oft verschoben wie die des neuen Flughafens. Verzögerungen bei der Oper, das klingt nicht so dramatisch. Schließlich gibt es mit dem Schiller-Theater eine Ausweichspielstätte. Die aber hat ein Problem: Die Zuschauerkapazität ist mit unter 1000 Plätzen um ein Drittel geringer als im Stammhaus Unter den Linden. Dadurch kann die Staatsoper an der Kasse viel weniger Geld einnehmen.

Nun sieht es so aus, dass die Staatsoper zwei Jahre länger in Charlottenburg bleiben muss, als aktueller Eröffnungstermin wird der 3. Oktober 2015 genannt. Für die ursprüngliche geplante Bauzeit hatte das Musiktheater vorgesorgt und Rücklagen angelegt, um das sich abzeichnende Defizit selbst auszugleichen. Wer für den neuen Fehlbetrag in Millionenhöhe aufkommt, ist umstritten.

Eigentlich wäre dafür die Senatsbauverwaltung zuständig. Wird Kulturstaatssekretär André Schmitz (SPD) die Auseinandersetzung mit Senatsbaudirektorin Regula Lüscher suchen? Zwischen den beiden hat sich seit dem Streit um die Gestaltung des Zuschauerraums der Staatsoper – Regula Lüscher hatte sich in der Jury zum Entsetzen von Schmitz mit einem modernen Entwurf durchgesetzt, später hob der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit den Wettbewerb auf –, viel Konfliktpotenzial aufgestaut. Beide verbergen das allerdings recht erfolgreich bei gemeinsamen Auftritten.

Unter der verlängerten Belegung des Schiller-Theaters leidet auch die Komische Oper. Deren schon lange geplante Sanierung ist mit der der Staatsoper verknüpft: Sie kann erst beginnen, wenn das Ausweichquartier wieder frei ist.

Abseitiger Standort

Beispiel Stadtmuseum. 2004 wurde verkündet, dass der notwendige Erweiterungsbau für das Märkische Museum im gegenüberliegenden Marinehaus realisiert wird. Die rot-rote Koalition setzte sich damals gegen den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit durch, der den Standort für zu abseitig hielt. Anfang September verkündete Kulturstaatssekretär Schmitz dann überraschend, das man sich vom Marinehaus verabschiedet habe. Eine Machbarkeitsstudie habe ergeben, dass der Platz nicht ausreiche.

Nach acht Jahren Vorlauf und Planungskosten von vier Millionen Euro eine überraschende Erkenntnis. Jetzt ist das Schicksal des Stadtmuseums mit dem der Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) verknüpft: Das Stadtmuseum kann erst ab 2021 plus x in den renovierungsbedürftigen Bibliotheks-Bau einziehen, die Umbaukosten werden auf mehr als 80 Millionen Euro geschätzt an der Breiten Straße, die immerhin eine gute Mitte-Lage bietet in direkter Nachbarschaft zum künftigen Humboldtforum bietet.

Neubau für 150 Millionen

Beispiel Gemäldegalerie. Eine Baustelle, für die federführend der Bund zuständig ist, der die Stiftung Preußischer Kulturbesitz überwiegend finanziert, aber auch Berlin ist beteiligt, im Stiftungsrat sitzt Kulturstaatssekretär Schmitz. Auch er konnte nicht verhindern, dass die von der Stiftung gewünschte Neuordnung der Berliner Museumslandschaft zu einem Kommunikations-GAU führte, der das ganze Projekt gefährden könnte. Als der Haushaltsausschuss des Bundestages kurz vor der Sommerpause 10 Mio. Euro für den Umbau der Gemäldegalerie bewilligte, schien etlichen Abgeordneten nicht bewusst zu sein, dass die sogenannte Rochade mit einem Neubau gegenüber dem Bode-Museum und einer Investitionen von mindestens 150 Millionen Euro verknüpft ist.

Am Kulturforum soll neben der Neuen Nationalgalerie in den Räumen der Gemäldegalerie ein Museum des 20. Jahrhunderts einschließlich Werke der Sammlung Pietzsch (ein Geschenk des Berliner Sammlerehepaars an die Stadt) entstehen. Um die erhitzte Debatte abzukühlen, hat die Stiftung eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben. Im Frühjahr soll sie vorliegen, dann endet auch das Ultimatum des Sammlerehepaares Pietzsch, das endlich wissen will, wann die Werke ausgestellt werden. Vielleicht war es voreilig, eine vor nicht allzu langer Zeit gebaute Halle am künftigen Großflughafen wieder abzureißen.

Entflechtung wäre eine Möglichkeit. Die Konzentration auf ein Projekt anstelle von weiteren Verknüpfungen. Im virtuellen Raum, da wären die wünschenswert. Aber auf Visionen wartet man vergebens. Ex-Kultursenator Thomas Flierl (Linke) war der letzte, der Positionspapiere formulierte. Und dafür viel Häme einstecken musste. Dabei wäre es angesichts der kommenden Schuldenbremse und stagnierenden Etats an der Zeit, kulturpolitische Grundsatzfragen zu stellen. Wie kann man zum Beispiel Neues fördern, wenn etablierte Institutionen nahezu den gesamten Kulturetat aufzehren, es also kaum flexible Mittel gibt? Wie soll sich Berlin kulturell entwickeln? Welche Ziele strebt man eigentlich an? Ein Bekenntnis zur reichen Berliner Kulturlandschaft mag beruhigend klingen, ist aber viel zu wenig.