„Wir müssen hier echt mal wieder aufräumen“, sagt Gernot Bronsert, 35, als er den Raum betritt. Es riecht nach einem durchgefeierten Wochenende, der Boden klebt. Hinter der Tür stehen Plattenkoffer, überall liegen unendlich lange Kabel aus. Er ist einer der beiden DJs der Band Modeselektor. In Kapuzenpulli und Jogginghose sitzt er neben seinem Bandkollegen Sebastian Szary, 38, auf einer abgewetzten Ledercouch. Die Haare sind zerzaust, nass vom Regen, Augenringe zeichnen sich auf beiden Gesichtern ab. Bronsert trägt eine Basecap, blickt auf sein iPhone. Die beiden Berliner sind für einen Zwischenstopp in Berlin gelandet, eigentlich ist es ihre Heimatstadt.
Ein Ehepaar mit Kompromissen
Seit über 15 Jahren machen sie schon gemeinsam Musik. Mit harten metallischen Elektrobeats haben sie sich zu Pionieren der Szene etabliert und können auf eine beachtliche Karriere zurückblicken: Die zwei von Modeselektor tourten mit Radiohead, produzierten Tracks für Maximo Park und Bonaparte. „Wir sind eigentlich ein wahres Ehepaar“, sagt Szary ironisch. „Wir haben gelernt, Kompromisse zu machen“, fügt Bronsert lachend hinzu.
Dass die beiden DJs momentan in Studentenkreisen wie Popstarts gefeiert werden, ist ein Phänomen. Fanbriefe schreiben, das machen die Berliner zum ersten Mal. Sie wollen trotzdem nicht abgehoben wirken, geben sich bewusst unbeeindruckt. Man hat das Gefühl, zwei alten Kumpels gegenüber zu sitzen. „Nach so langer Zeit auf Tour ist man einfach abgeklärt“, sagt Bronsert und zuckt mit den Schultern. „Wir nehmen auch Mutti mal mit zum Konzert“, sagt Szary. Obwohl die nie ganz verstanden hat, was die zwei da eigentlich machen.
Berlin-Konzert seit Monaten ausverkauft
Waren sie in den Neunzigern in Berlin noch auf illegalen Acid House Raves und Techno-Partys unterwegs, spielen die beiden jetzt weltweit in bekannten Clubs. Auch ihr Konzert in Berlin ist seit Monaten ausverkauft, letztes Jahr bei ihrem Auftritt bei der Fête de la Musique musste die Polizei anrücken, Straßen wurden gesperrt, weil doppelt so viele Leute kamen wie erwartet. „Ich habe dann ‚Berlin‘ gerufen und alle rissen die Arme hoch. Das war schon ein ziemlich geiles Gefühl“, erinnert sich Bronsert. Der plötzliche Hype mag nicht zuletzt an ihrem neuen Musikprojekt „Moderat“ liegen – ein Zusammenschluss mit dem Solo-Künstler Sascha Ring von Apparat. Der Bandname setzt sich aus den Namen Modeselektor und Apparat zusammen. Im Jahr 2000 treffen sie sich das erste Mal in Berlin.
Ring spielt Live-Sets in Clubs, komponiert Musik für Filmtrailer und US-Serien wie „Breaking Bad“. Er begeistert Szary und Bronsert durch sein technisches Können: „Sascha sieht aus wie ein Indie-Typ, ist aber eigentlich ein richtiger PC-Freak“, sagt Bronsert. Gemeinsam basteln sie an einer Software, die Ring aus den USA mitgebracht hat. „Eine One-Man-Show mit Laptop gab es zu dieser Zeit noch nicht“, schwärmt Szary, „das war furchtbar kompliziert.“ Sie optimieren das Programm, vernetzen sich mit ihren Rechnern und spielen Jam-Sessions zu dritt.
„Das war Mädchenelektro“
„Am Anfang ist das Ding immer abgestürzt“, lacht Bronsert. Sie experimentieren auch musikalisch, Modeselektors harte Klänge mischen sich mit Rings sanfter, melancholischer Stimme. „Das war Mädchenelektro“, meint Bronsert. „Sascha hat diesen fluffigen, aber dennoch tiefgehenden Elektrokram gemacht, der total tanzbar war. Unser Sound war hart und breakcoremäßig. Das war genau das, was uns fehlte. Und er hat uns angeguckt und meinte, das ist genau das, was ihm fehlt.“
So baukastenmäßig wie bei der Namensgebung verläuft es mit der Musik allerdings nicht. Wohin sie musikalisch wollen, wissen sie lange nicht. Erst neun Jahre später gelingt den Berlinern, womit keiner mehr gerechnet hätte: Heimlich gehen sie ins Studio, produzieren Tracks und veröffentlichten im Mai 2009 das Album „Moderat“ – ein Überraschungserfolg.
Mit ihrem zweiten Album, schlicht „Moderat II“ genannt, setzen sie nun ihre Erfolgsserie fort. Die zwölf Songs vereinen perfekt den Stil der drei DJs: Sie mischen Popmusik mit Elektro, mal mit harten tiefen Bässen wie in „Milk“, mal tanzbar zum Mitsingen wie in „Bad Kingdom“. „This is not what you want to do/Not what you had in mind“, singt Ring mit kraftvoll-melancholischer Stimme. Seinen verträumten Augen kauft man das sofort ab. Mit seinem Lockenkopf und 3-Tage-Bart könnte er einer der Männer sein, die einem mit Jutebeutel und Club Mate in der Hand in der U-Bahn gegenüber sitzen.
In Ruinen, Strip Clubs oder Waschsalons feiern
Dass man in Berlin auch nach fünf Uhr morgens feiern kann, sei international bekannt. Große Unterschiede zu anderen Städten sehen sie aber nicht: „Ich weiß gar nicht, ob die Berliner Clubszene so besonders ist“, sagt Bronsert überraschend. Wie in anderen Ländern gefeiert wird? „Unterschiede kann man nicht kulturell festmachen“, gibt sich Bronsert diplomatisch. „Die Skandinavier haben ja den Ruf, unterkühlt zu sein. In Finnland dachten wir: Spielen wir das Konzert mal runter. Wir waren überrascht, wie gut das abging.“ Die Zukunft sehen sie in Pop-Up-Clubs.
Partys mit Haltbarkeitsdatum, die temporär an den ungewöhnlichsten Orten stattfinden. Statt jedes Wochenende im selben Club zu gehen, feiert man in Ruinen, Strip Clubs oder Waschsalons. „Die Clubszene ist wie ein Mikrokosmos. Lebewesen sterben, gleichzeitig werden aber auch neue geboren“, erklärt Szary nachdenklich.
Von dem Personenkult des DJ’, wie man ihn aus Filmen wie „Berlin Calling“ kennt, wollen die beiden von Modeselektor allerdings nichts wissen. „Für mich ist Berlin nicht dieses Nightlife, für mich ist Berlin das Haus des Reisens, der Straßenbahnfahrer, schlecht gelaunte Taxifahrer, der Döner“, sagt Bronsert. An ihre internationalen Fans verschicken sie selbst geschriebene Postkarten auf Englisch. „Danke für eure Unterstützung“ steht darauf. Lange Touren versuchen sie jedoch zu vermeiden. Zumindest theoretisch. „Nach vier Wochen will man auch echt wieder nach Hause“, meint Szary ein wenig wehmütig.
„Vielleicht sind wir auch Spießer geworden“
Sein Blick wandert aus dem 12. Stock ihres Studios. Neben einem Club haben die beiden hier einen Rückzugsort zwischen den Reisen gefunden. So richtig sesshaft werden die zwei in der Stadt allerdings trotzdem nicht. Schon gar nicht angesichts des Erfolgs ihres neuen Albums. „Wir sind ja schon ein wenig älter“, erklärt Szary ironisch. „Vielleicht sind wir auch Spießer geworden“, fügt er hinzu. So ganz glaubt er das selbst nicht. Man einigt sich auf bürgerlich. Und gesteht zum Schluss, dass auch in fortgeschrittenem Alter die Nervosität auf der Bühne nicht verfliegt. „Ich werde dann noch ruhiger, als ich schon bin“, gesteht Szary.
Das Album von Moderat: II, Monkeytown Records, 15.89 Euro.




