Trauerfeier

Berlin nimmt Abschied vom großen Otto Sander

Otto Sander starb am 12. September im Alter von 72 Jahren in Berlin. Am Sonnabend nahmen Freunde und Weggefährten von dem großen Schauspieler Abschied.

Udo Lindenberg steht – Nadelstreifensakko, Hut, Sonnenbrille – ein wenig abseits an der Straßenecke. Als ob er sich nicht so recht traut, das Berliner Ensemble zu betreten. Oder weil er es genießt, von allen gesehen zu werden. Denn wer zum Theater kommt, um Otto Sander die letzte Ehre zu erweisen, muss an dem Musiker vorbei. Gedränge herrscht im Foyer, viele Prominente, darunter Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, Staatsopern-Intendant Jürgen Flimm, die Schauspieler Eva Mattes, Iris Berben, Klaus Maria Brandauer, Corinna Kirchhoff, Anna Thalbach, Ernst Stötzner, Jenny Schily, Hermann Beyer, David Bennent, der in der Verfilmung der „Blechtrommel“ gemeinsam mit Sander gedreht hat, die Musiker Max Raabe und Klaus Hoffmann, Festspiele-Intendant Thomas Oberender, Schaubühnen-Gründer Jürgen Schitthelm und Anwalt Peter Raue sind zur Trauerfeier für den Schauspieler gekommen, der am 12. September im Alter von 72 Jahren gestorben war.

Otto Sander probte selbst an Heiligabend

„Ihr Ticket bitte“, sagt die Frau am Einlass. „Ich dachte, die Veranstaltung ist öffentlich“, entgegnet der Besucher, der auf keiner Gästeliste steht. „Ja, aber sie brauchen eine Platzkarte, die gibt’s an der Kasse.“ Noch. Wenig später ist das Theater gut gefüllt. Auf der Bühne steht der blütenbedeckte Sarg, Kerzen stehen daneben, an einer Staffelei lehnt ein großes Porträtfoto von Otto Sander. Später, als die Bühne einen Moment leer ist, wirkt es wie ein Gemälde.

Claus Peymann, der auf Wunsch der Familie die Trauerfeier im Berliner Ensemble organisierte, hatte Anfang der 70er-Jahre an der Schaubühne mit Sander den „Ritt über den Bodensee“ inszeniert. Gegen den Widerstand des Schaubühnenkollektivs, das keinen Handke wollte. Dass die Arbeit schließlich doch herauskam, geprobt wurde auch Heiligabend, sei auch dem Einsatz von Otto Sander zu verdanken gewesen, erzählt Peymann bei der bewegenden Trauerfeier.

Großer Schauspieler und „Bürger unserer Stadt“

Wowereit sagt, er nehme Abschied von einem „großen Schauspieler und beliebten Bürger unserer Stadt, der uns mit seiner Kunst tief berührte“. Sander habe sich als „Berufsberliner“ gesehen. „Er war mehr, er war Berlin, einer von uns, man wollte ihn in den Arm nehmen.“ Regisseur Wim Wenders erinnert an die gemeinsamen Dreharbeiten zum Film „Himmel über Berlin“. Sander sei in dem Film zwar der „Engel der Tränen“ gewesen, „aber sonst haben ich und Sander immer Tränen gelacht“. Sanders Stiefkinder Ben und Meret Becker nehmen Hand in Hand vor dem Sarg Abschied.

Anschließend ziehen mehrere Hundert Trauergäste über die Friedrich- und Chausseestraße zum Dorotheenstädtischen Friedhof. Es hat den Charakter eines Staatsbegräbnisses. Die Angestellten einer Bäckerei schauen durch die Fensterscheibe auf diesen außergewöhnlichen Menschenzug. Vorne, hinter dem Auto mit dem Sarg von Otto Sander, gehen die Familienangehörigen, dann folgen Peymann, Wowereit und die anderen, die bei der Trauerfeier im Berliner Ensemble gesprochen haben.

Viele Menschen nehmen Anteil

Die Menschen auf den Bürgersteigen schauen, zücken ihre Handys, um Fotos zu machen, viele wissen, wer da zu Grabe getragen wird. Die offenbar aus Frankreich kommenden Läufer in Sportkleidung, die draußen in der Sonne vor „Murphy’s Pub“ sitzen und wortreich über den Trauerzug rätseln, sind die Ausnahme.

Auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof, wo auch Brecht und Hegel liegen, wird Sander neben dem Regisseur Frank Beyer („Spur der Steine“) beigesetzt. Nur ein paar Meter entfernt ist das Grab von Schauspieler Sven Lehmann, der im Frühjahr 47-jährig starb. Die Trauergesellschaft steht zwischen den Gräbern, gelegentlich fallen Eicheln auf den Sargdeckel und unterbrechen die Stille. Ben Becker kämpft mit den Tränen, er zieht sich kurz zurück, um Fassung ringend. Die herbstliche Sonne wirft Strahlen auf das Grab. „Wir werden Otto Sander vermissen, aber nie und nimmer vergessen.“ Wowereits Worte aus dem Berliner Ensemble, sie hallen nach.

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