Über die rot-weiß-karierte Bistrotischdecke ist noch eine weiße aus Papier gelegt. Da steht eine Lampe, wie die von einem, der früher in den stürmischen Nächten nach draußen gegangen ist, um nach dem Rechten zu sehen. Die Kerze im Inneren brennt mit einer ruhigen, angemessen goldenen Flamme. Ein doppelter Ramazzotti ist auf den 4-cl-Strich genau eingegossen, in der Mulde des Aschenbechers liegt eine frische Selbstgedrehte. Otto steht auf dem Kärtchen. Es ist reserviert.

Der Duft einer Rose liegt über dem Gedeck. Aber Otto kann nicht mehr kommen. Und der braune Hund Alfred, er sitzt wie immer vor dem Italiener in der Holsteinischen und wartet dennoch. Die Blätter rascheln vom Wind des Herbstes so schön, dass man einen Drachen steigen lassen möchte. Unendlich hoch müsste der fliegen, so dass er ganz Berlin überblicken könnte. Den alten Westen, den alten Osten, vom Brandenburger Tor zur Schaubühne und wieder rüber zur in den letzten Strahlen warm leuchtenden Viktoria oben auf der Siegessäule und noch mal rüber zur Bar jeder Vernunft. Und am Ende müsste man ihn loslassen, den Drachen, dann würde er zu Otto, zu den Engeln fliegen. Wim Wenders wusste das ja schon, dass Otto Sander eigentlich ein Engel ist, als er ihn für die Rolle des Cassiel in „Der Himmel über Berlin“ besetzte. Am Donnerstag ist Otto Sander gestorben.

Alfio Magro und Viola Hackenberger von seinem Lieblingsitaliener „Ars Vivendi“ erinnern sich an ihn. Als Viola das am Telefon gehört hat, dass Otto Sander tot ist, da hat sie geweint. Draußen saßen zwei Gäste. Die haben sich dann noch beschwert, dass sie gar nicht in Ruhe Mittag essen konnten. Am besten wäre es, es gäbe solche Gäste gar nicht.

Ur-West-Berliner, der eigentlich aus Hannover kam

Viola jedenfalls erinnert sich noch, wie Otto vom letzten Segeltörn ins Bistro kam. Und sie kamen auf die Familie von Schnurrbein zu sprechen, weil Viola mit der Friederike befreundet ist. Und Otto, der salutierte sofort und sagte „Melde mich, Kadett Sander.“ Denn Otto hatte unter Immo von Schnurrbein, der später die Gorch Fock befehligte, gedient. Schnurrbein, der in Berlin geborene Seemann. Und Sander, der Ur-West-Berliner, der eigentlich aus Hannover kam, der Trinker, der an fast jedem Tresen im Westen seinen Platz hatte. Der große Theaterschauspieler, der 68 von Peymann an die Freie Volksbühne geholt wurde, der später zur Schaubühne wechselte, der Berliner Engel, der sich schwarz-weiß-wim-wenders-schön von der Viktoria plumpsen ließ, die Stimme, die selbst Bukowskis Texte warm und zärtlich werden ließen, der Filmschauspieler, der den saufenden Trompeter in der „Blechtrommel“ spielte, und den Ritterkreuzträger Kapitänleutnant Philipp Thomsen in „Das Boot“.

Wir sehen ihn immer noch die kleine Bühne hochstolpern, eine Flasche Champagner in der Hand und hören ihn an der Grenze zwischen dreißig und vierzig sagen: „Auf unseren herrlichen, abstinenten und unbeweibten Führer, der in glorreicher Karriere vom Malerlehrling zum größten Schlachtenlenker aller Zeiten... der große Flottensachverständige, dem es gefallen hat in seinem unerlässlichen Ratschluss … wie geht’n weiter?“ Und dann dieser perfekt getimte Rülps erst. Sander war in Wahrheit ein Komiker.

„Otto war ein Schalk“, meint Viola und Alfio erzählt, wie das immer war, wenn der Otto draußen saß und eine schöne Frau vorbeikam. „Buona notte“, hat er gesagt, gefolgt von einem „Wie hieß die Dame?“ Und gelacht hat er dann. Das Tiramisu mochte er am allerliebsten. Am Ende nahm er den Rest mit nach Hause. Er konnte nicht mehr so viel Essen, der Krebs. Und Monika Hansen, seine Frau, die habe immer darauf geachtet, dass der Otto was Gesundes isst. „Einmal hat die Moni gefragt: Ist Leber gesund? Natürlich ist Leber gesund, habe ich gesagt. Und sie meinte nur, siehste Otto, Leber ist gesund, das kannste essen.“, Viola schluchzt beim Reden, es ist so sauschwer, die schönen, die großartigen Erinnerungen, die einen zum Lachen bringen, und dann ist das alles weg, weil der alte Freund ja tot ist. Scheiß-Krebs. Da wird einem im Jahr zuvor gesagt, man sei geheilt und dann stirbt man doch daran.

Manchmal, als er noch kam, und wenn die Moni, so nannte sie die Viola ja, nach draußen ging, da zischte er der Viola „Ramazzotti“ zu. Und sie brachte ihm den dann schnell, ganz heimlich. Aber wahrscheinlich wusste das die Moni. Denn gute Frauen wissen sowas und lassen ihren geliebten Mann glauben, dass er heimlich einen Ramazzotti trinke, weil’s so schön ist einfach.

Die hohen Schuhe der adretten Dame klackern so schön über die Pflastersteine. Sie ist bestimmt sechzig und trägt natürlich eine Perlenkette. Aus dem Kaiser’s Güntzel/Ecke Jenaer ist sie herausgekommen. Eine Flasche San Pellegrino guckt aus ihrer Handtasche. Vor dem Haus von Otto Sander liegt ein großer Haufen Erde. Ülker Radziwill hängt an einer Laterne und will in den Bundestag. Das Leben geht einfach weiter. Im rostigen Container mitten auf der Straße liegen alte Latten und Metallteile, beim Supermarkt wird die letzte Grillkohle rausgehauen, es wird saniert, ausgeräumt, neuer Mieter, und irgendwann geht auch der wieder. Otto Sander aber war eine Konstante. Und er bleibt es auch.

Messingschild am Tresen

Wir hören in als Erzähler in das „Parfum“, in „Krabat“, wir haben ihn in Erinnerung im Hauptmann von Köpenick, und natürlich auch im „Im weißen Rössl am Wolfgangsee“. Das Singspiel, dass er mit den Geschwister Pfister, mit Max Raabe mit seiner Stieftocher Meret Bäcker und seiner Frau Monika 1994 in der Bar jeder Vernunft aufgeführt hat. Jedes Jahr an Silvester wird das im ZDF-Theaterkanal ausgestrahlt.

Die Geschwister Pfister spielen an diesem Abend wieder in der Bar jeder Vernunft, also schnell dorthin. Aber vorher noch ein Bier in der Paris Bar. Fünf Euro für das Pils. Auf Otto Sander! Auch dort hatte er seinen Platz am Tresen. Ein Messingschild ist dort. Ein Bier und ein Averna stehen auf der Theke. Bis sechs Uhr morgens ging es häufig, erinnert sich der Kellner Sam, der eigentlich Salem Bedoui heißt und schon 15 Jahre hier bedient. Otto Sander gehörte in den West-Berliner Bars zum Inventar. Egal, wie voll es war, sein Platz musste freigehalten werden. „Vor einem halben Jahr hab ich ihn das letzte Mal im Krankenhaus gesehen“, weiß Sam. Im Virchow war das. Sie haben sich zufällig im Aufzug getroffen. „Er hat sich gefreut, mich zu sehen. Wir saßen im Park. Grüße an die Kollegen, hat er gesagt.“

Die Tische sind noch leer. Ist ja erst kurz nach sieben. Da aß er so gern die Blutwurst, dazu einen Bordeaux, und Otto Sander war der zufriedenste Mensch der Welt. Dabei spielte er gerade das Verzweifeln so groß. Wie Cassiel den jungen Mann nicht retten konnte, der einfach runter in den Tod fiel, weil er es so wollte. Und Nick Cave spielt noch mal auf in unseren Ohren. „We’ve come to bring you home/ Haven’t we, Cassiel?“, singt er und das Klavier klingt wie eine verabschiedende Umarmung und die Geigen spielen himmlisch hoch.

Wieder ein Bier, wieder ein Platz frei

Das Spiegelzelt ist rappelvoll. Und wie 1994 sind fast alle da. Max Raabe sitzt an einem Tisch. Und dann kommen die Geschwister Pfister und treten auf die Bühne. „La deutsche Vita“, ein Varieté, wie es nur im Westen aufgeführt werden kann in dieser Zeitmaschine Bar jeder Vernunft. Wieder ist da eine Plakette aus Messing. Wieder steht dort ein Bier. Und wieder ist der Platz frei. Ab jetzt wird er es für immer bleiben. The Show must go on.

Nur die die dunkle, Kaminstimme Sanders ist nicht zu hören. Bis zu diesem Tag hatte seine Stimme darum gebeten, das Rauchen jetzt einzustellen, und darauf hingewiesen, dass man noch etwas bestellen könnte. Der Stand der Dinge ist, dass sie nie wieder in der Bar oder im Tipi zu hören sein wird. Als ob nichts gewesen wäre, treten die Geschwister auf die Bühne und beginnen ihr Singspiel. Zu dritt sind sie an diesem Abend. In engen Hemden mit Krawatte, eine deutsche Hausfrau umtanzend. „Für eine Fahrt ans Mittelmeer, gäb ich alle meine Mittel her“, singen sie dreistimmig zum Mambo-Klavier. Es regnet draußen. Der Springbrunnen tröpfelt und die Kellner inhalieren den feuchtkühlen Zigarettenrauch des Herbstes.

Vor der Schaubühne weht das erste Laub unter dem Licht der Laternen über den Boden. Und der Taxifahrer, er fährt seit 79 in Berlin, der ist auch ganz schön berührt und hält das Lenkrad fester. Er macht das Radio ein bisschen leiser, draußen verschwimmen die Neonreklamen hinter den Schlieren der quietschenden Scheibenwischer. „Das letzte Mal als ich ihn fuhr, so lange ist das noch gar nicht her, da meinte er noch, schreiben Sie auf die Quittung doch Krankenfahrt drauf. Das war so traurig. Aber er hat dabei gelacht.“

Otto Sander hat auch am Ende an das Leben und das Lachen geglaubt. Er hat durch die flinken Augen seines Knautschgesichts nach draußen geschaut, sich den Bart gerieben. Dünner ist er geworden. Aber stets war er so perfekt, so formvollendet gut gekleidet. Er war einer der letzten Menschen, von denen man sagen kann, dass sie Klasse hatten. Der Drachen ist gleich bei ihm, da oben, mit Cassiel und dem, der vom Hochhaus fiel. Und Otto Sander schaut auf sein Berlin. Die Schaubühne, die Bars, in denen er tausende von Drinks trank und dabei rauchte, als sei das Rauchen lebenswichtig. Die Plätze an den Tresen sind jetzt frei geworden, und doch sind sie besetzt. Und vielleicht können ihn ja Kinder jetzt dort sitzen sehen. Die sollen ja Engel sehen können.