Dieser Geruch! Er ist immer noch derselbe. Diese Mischung Staub und Schweiß, aus Pommesfett und Parfum und heißgelaufenen Bremsen: das abertausendmal Ausgeatmete der großen Stadt. Einmal die Augen schließen, und man reist in den orangefarbenen Waggons der legendären „Linie 1“ zurück in die 80er-Jahre. In die Zeit, als die Bahn durch Westberlin rumpelte, vom vornehmen Charlottenburg ins wilde Kreuzberg und zurück. Zu einer Melodie, die damals jeder mitsummen konnte:

Fahr’ mal wieder U-Bahn

Tu dir mal was Gutes an

Sparste Fernsehn, taz und FAZ

Kino, Peepshow, Zoo und Knast

Kitschroman und Geisterbahn

- Fahr mal wieder U-Bahn ...

So heißt es im Musical „Linie 1“ des Berliner Grips-Theaters. Gut ein Vierteljahrhundert ist es her, dass aus einem bis dahin unauffälligen öffentlichen Verkehrsmittel eine Kino-Legende wurde – und aus der halb vergessenen Halbstadt West-Berlin mit seinen Ruinen und Punks ein Sehnsuchtsort. „Linie 1“, das Musical, wurde 1988 von Reinhard Hauff verfilmt und als Eröffnungsfilm auf der Berlinale gefeiert. Es erzählt die Geschichte von der Suche nach der großen Liebe in der verrückten Welt von Berlin. Von Melbourne bis Jerusalem wird „Linie 1“ auf den Bühnen gespielt, adaptiert, neu übersetzt. Es gilt heute als erfolgreichstes deutsches Musical nach Brechts Dreigroschenoper.

Gibt es das Abenteuer „Linie 1“ heute auch noch?

Und heute? Gibt es das Abenteuer noch, das damals am Bahnhof Zoo begann, wo das Mädchen Sunnie am Beginn des Films ins verqualmte, zischende und brüllende Berlin gespuckt wird? Gibt es noch „Penner“, „Spießer“ und „Wilmersdorfer Witwen“, die der Autor und Grips-Theater-Gründer Volker Ludwig dem wirklichen Leben abgeschaut hatte? Sie empfangen das Mädchen mit frechen Sprüchen, als es am Bahnhof Zoo die naive Frage stellt: „Wo geht’s denn hier nach Kreuzberg?“

Kreuzberg? Nee, da seien sie nicht hingefahren, sagen die vier jungen Frauen, die am Bahnhof Zoo 2013 zwischen den Imbissbuden auf ihren Zug warten. Zwar hat das Großstadt-Abenteuer auch Cecilia (24), Stefanie (17), Jana (22) und Aileen (24) nach Berlin gelockt. Für einen Tag, „zum Shoppen, Spaß haben und zum Flirten“, sie kichern. „Wir waren am Alex, da, wo richtig was los ist.“ Jetzt sind sie auf dem Weg nach Hause. Sie wohnen in Vetschau, Prenzlau und der Schorfheide. Orte wie diese lagen in den 80er-Jahren weit außerhalb der Westberliner Wahrnehmung. Die endete an der Mauer wie die Linie 1, die am Schlesischen Tor in Kreuzberg umkehren musste.

Irgendwo in Kreuzberg muss ihr Rockstar wohnen

Da, irgendwo, soviel weiß Sunnie, muss Johnnie wohnen, der Rockstar, den sie auf einem Konzert in Westdeutschland kennengelernt hat. Und der nun Vater ihres ungeborenen Kindes ist. Nur wie sie nach Kreuzberg kommt, weiß Sunnie leider nicht. „Immer der Neese nach!“, raunt ihr ein Alter am Bahnhof Zoo zu, bevor er im Gewühl verschwindet.

Das Gedränge in den Unterwelten das Bahnhof Zoo ist heute so dicht wie einst. Zwei Männer mit Bierflaschen brüllen an: „Ey, Alter“ – „Wat machste mich so an!“ Die Menschen eilen unbewegt an ihnen vorbei. Am Bahnsteig blinkt die Anzeige mit der Wartezeit bis zum nächsten Zug. 1988 gab es so einen Luxus noch nicht. Die Menge vertreibt sich im Musical die Wartezeit im Chor:

Warten!

Die Tür schnappt zu

Der Zug fährt ab

Zurückbleiben!

Mal wieder zu knapp

Es war immer so

Zurückbleiben

und warten ...

Als im realen Bahnhof der Zug hält, springt in der letzten Sekunde ein kräftiger junger Mann in eine offene Tür und hält die sich schließenden Türen gewaltsam auseinander. Er brüllt: „Du Arschloch, komm jetzt!“ – „Zurückbleiben, bitte“, antwortet höflich die Stimme vom Band. Der einstige Lautsprecherbefehl „Zu-rückbleiben!“ war im Stück Anlass vielfältiger Gags. Den kürzesten lieferte Kabarettist Dieter Hildebrandt in einem Gastauftritt mit einem einzigen Wort: „Verrücktbleiben!“

Kommentare der Passanten sind so unbarmherzig wie im Leben

Verrückt ist auch das, was Sunnie im Laufe des Tages erlebt, der im Musical den Rahmen vorgibt. Sunnie begegnet Bambi und Kleister, zwei Kreuzberger Jungs mit großer Klappe und großen Problemen. Während Bambi verspricht: „Den Johnnie treib’ ich dir auf!“, ist Kleister mit seiner drogensüchtigen Freundin beschäftigt, die an ihm klebt „wie Pattex“. Als sie sich schließlich vor die U-Bahn wirft, sind die Kommentare der Passanten so umbarmherzig wie im wahren Leben oft auch.

Zu den Stärken des Musicals gehört, neben dem durchaus dramatischen Plot, die Beobachtung aus dem wirklichen Leben. Der Film bietet, neben Schauspieler-Größen Dieter Landuris oder Andreas Schmidt, heute noch eine weitere Besonderheit. Von der Mode der 80er-Jahre, den Lederjacken und Karottenjeans, die heute als Retro-Style gerade wieder zurückkehren, bis zu den sepiafarbenen Bahnhöfen und dem Chaos von Kreuzberg, auch wenn sämtliche Szenen im Studio nachgebaut wurden, ist der Film eine direkte Rückkehr in die Zeiten von Neuer Deutscher Welle, Poppern und Punks.

Die Züge sind auf jeden Fall geblieben

Was davon ist geblieben? Auf jeden Fall eines – die Züge. Immer noch sind zwischen gelben, durchgehenden Bahnen der neuesten Baureihe und den rumpelnden DDR-Modellen auch die alten orangefarbenen West-Waggons unterwegs. Wie biedere kleine Wohnzimmer wirken sie mit ihren braunen Wänden in Holz-Imitiat und den weich gepolsterten Sitzen. Damals waren sie waldgrün bezogen, heute tragen sie das BVG-einheitliche lilafarbene Muster. Über die Waggonfenster purzeln lustige Symbole des Brandenburger Tors, das zu Zeiten des Film noch unerreichbar am Grenzstreifen stand. Auf den Fenstern hat es schlicht die Funktion, Vandalen vom Zerkratzen abzuhalten.

In den 80er-Jahren verband die Linie 1 das wohlhabende, bürgerliche Charlottenburg mit dem wilden Kreuzberg. Heute führt die Linie längst wieder weiter nach Friedrichshain wie 1902, als sie eröffnet wurde. Welten verbindet sie immer noch – wenn auch ganz andere.

Im Film steigen am Wittenbergplatz die „Wilmersdorfer Witwen“ zu und stimmen einen rückwärtsgewandten Gesang an:

Berlin erstickt vor Türken

und Asylantenpack

Nur eins kann da noch wirken:

Knüppel aus dem Sack!

Mit Gott und Diepgen im Verein

wird unsre Stadt bald sauber sein

wie vor sechzig Jahren.

Heute warten ungefähr an derselben Stelle vier elegante Touristinnen mit riesigen KaDeWe-Tüten auf den Zug. Noora (23), Alya (17), Maha (28) und Moza Al-Shehhi (16) sind aus Dubai für drei Wochen angereist, um Berlin zu besichtigen. Die beiden älteren Frauen sind Anwältin und Wirtschaftsprüferin. Um die Stadt kennenzulernen, haben sie eine geführte Fahrradtour gemacht und sich ans Steuer der Trabis gesetzt, mit denen man rund um den Checkpoint Charlie auf Safari gehen kann. Danach waren sie einkaufen am Kurfürstendamm.

Die sozialen Probleme Berlins sind weniger sichtbar

Zwischen Touristen und Alltagsmenschen wandern am Wittenbergplatz auch jene Gestalten umher, die in „Linie 1“ als fröhliche Penner und tragische Alkoholikerinnen auftreten und kalauern. Heute sind zwar die sozialen Probleme in Berlin sicher nicht weniger als einst – aber sie sind weniger sichtbar. Eine elegante Dame mustert sorgfältig ihre Umgebung, bevor sie unauffällig eine leere Sektflasche aus der Handtasche zieht und in einem Mülleimer versenkt. Ein großer Mann im braunen Cord-Anzug durchmisst in Riesenschritten die Eingangshalle. Sein Blick ist starr ins Nichts gerichtet, während seine Hände in den Mülleimern herumtasten. Das Flaschenpfand hat das „Haste-mal-ne-Mark?“-Geschnorre von einst abgelöst. Der große Mann setzt seine Suche fort, während die vier Dubaier Damen in die U1 steigen. Sie wollen Museen besuchen. Sie wollen verstehen, wie Berlin zu dem wurde, was es ist.

Andere bleiben dafür einfach im Zug sitzen. Die Linie gilt heute als touristische Attraktion. Regelmäßig gibt es ein Ah und Oh, wenn der Zug vor dem Gleisdreieck wie eine Achterbahn ans Tageslicht schießt. Am Horizont erhebt sich dann links das Häusergebirge des Potsdamer Platzes. Viele Fahrgäste steigen heute hier aus. Wie Vera Espeleta und Aron Bartolome (siehe Titelseite), sie sind 22 Jahre alt und aus Wien gekommen. Berlin war für sie „ein spontaner Entschluss, wir wollten ein paar Tage etwas anderes sehen als nur Arbeit und Wien“. Jetzt stehen die beiden Arm in Arm im U-Bahnhof Gleisdreieck. Da, wo die große Uhr einsam in den Himmel über Berlin ragt und der Wind wie an einem Landungssteg pfeift, lässt sich das Berlin-Gefühl nachempfinden, das „Linie 1“ beschwört:

Ich steh’ und atme

Ganz tief ein

Es riecht nach Großstadt

Nach Ruhm und Abenteuer

Nach Kino, Weltkrieg und Benzin

Schicksal und Pisse

Wahnsinn das isse:

Die Luft von Berlin!

1988 gab es die Hochhäuser noch nicht, nur eine Brache. Hier teilte die Mauer Berlin und die Welt. Auch wenn man damals aus der U-Bahn noch nichts davon sah, ist das auch Provinzmädchen Sunnie begeistert: „Meeensch, das ist ja gar keine U-Bahn! Wir fahren ja oben!“, ruft sie, und eine Frau neben ihr knurrt: „Wahnsinn!“ Sunnie landet tatsächlich in Kreuzberg, wo sie neben jeder Menge echter Kreuzberger Typen auch Johnnie findet, der sich – man ahnt es – jedoch als schmieriger Heuchler entpuppt. Die wahre Liebe, so die Moral, sieht anders aus:

Du mein süßer Traum

Du bist wirklich wahr

Stinknormal und lieb

Und wunderbar.

Am Gleisdreieck gibt es auch heute einen ähnlichen Szenenwechsel wie damals. Zumindest sieht es auf den ersten Blick so aus. Touristen steigen um Richtung Potsdamer Platz. Stattdessen steigen Figuren in den Zug, die tatsächlich dem Musical der 80er-Jahre entstiegen sein könnten. Straßenmusikanten, junge Leute mit wirren Frisuren, schwarzen Klamotten und Bierflaschen in der Hand. Doch Berliner Schnauze wie im Film hört man nur noch selten. In Kreuzberg wird englisch gesprochen. Die Musikanten kommen aus Polen, das Pärchen mit Dreadlocks und Sonnenbrillen aus Lappland – Arttu (31) und Roosa (23) sind Fotografen und wegen des Musikfestivals da. Ein halbes Jahr haben sie schon mal in Berlin gelebt. „Es ist eine wunderbare Stadt, vielfältig und international.“ Auch Tom, Andrew und Romeo sprechen ausschließlich englisch. Sie warten am Görlitzer Bahnhof auf den Zug, an jenem Bahnhof, dem das rührendste Berlin-Lied des Musicals gilt:

Wenn am Görlitzer Bahnhof die Linden blühn

Und über die Mauer die Möwen ziehn

Es ist herrlich zu leben

in Berlin

Tom, Andrew und Romeo sind 20, sie studieren Geschichte – und kommen aus London. Berlin, sagen sie, gefalle ihnen besser als die Heimatstadt. Berlin habe eine entspannte Atmosphäre, freier – „und man kann den ganzen Tag Zug fahren und dabei viel sehen“. In den Händen tragen die drei, wie auch Arttu, Roosa und die meisten Wahl-„Kreuzberger“ dieser Tage, eine Bierflasche. Die Pulle, einst Arbeitern zu Feierabend vorbehalten, ist heute ein modisches Accessoire. Ein Symbol dafür, wie Berlin mit seinem eigenen Bild spielt.

Selbst die Kontrolleure machen da mit. Ein Kerl mit Mini-Iro und Schlabberhosen steht am Schlesischen Tor mit einer jungen, blonden Frau ins Gespräch vertieft. Erst auf den zweiten Blick fällt das Lesegerät auf, mit dem er ihren Ausweis scannt. Am Schluss überreicht er ihr höflich ein Formular: „This is for you“ – der Überweisungsträger fürs Schwarzfahren. Die junge Frau nickt und bedankt sich. 1988 sahen die Verhältnisse noch anders aus.

Bist doch selber ’n armes Schwein

Kontrollettilein

Immer auf die armen Kleenen

tust du dir denn gar nicht schämen?

Kontrolletti-Arsch mit Ohren

Hast dein’n Grips verloren!

Wie oft lässt sich ein Abenteuer wiederholen? Der Mythos von Kreuzberg, von Berlin, ist seit den 80-ern in unzähligen Filmen, Romanen und Liedern besungen worden. „Be berlin“ steht heute selbst auf den Waggons der Linie 1, in Kussrot zwischen den Kulleraugen-Lichtern wie ein Knutschfleck, um auch den letzten noch daran zu erinnern, dass Berlin mehr Gefühl als nur Stadt ist. Wer das echte Linie-1-Gefühl noch mal erleben will, kann einen Fahrschein lösen – 2,30 Mark kostete er 1988, heute sind es 2,60 Euro. Oder ins Grips-Theater gehen, wo das Musical auch in diesen Tagen wieder läuft.