Film

Cindy in Schönefeld - BER taugt wenigstens als Filmkulisse

Fluglärm stört die Dreharbeiten nicht: Noch steht alles still am BER, dafür wird er anderweitig genutzt – als Kulisse für einen Film über das Leben im Stillstand. Welch eine treffliche Metapher!

Foto: Martin U. K. Lengemann

Wie Mahnmale stehen die Schilder auf der Autobahn Richtung Schönefeld, die Abfahrt zum neuen Flughafen Berlin Brandenburg ist auf ihnen mit einem roten Kreuz überklebt. BER gibt’s nicht. Noch nicht. Vor Ort, wo auch in absehbarer Zeit kein Flugzeug abhebt, wird dagegen die berüchtigtste Baustelle der Republik derzeit anderweitig zwischengenutzt. Die Berliner Regisseurin Sylke Enders(„Kroko“) dreht am Rande des Airports ihren neuen Spielfilm „Schönefeld Boulevard“ und setzt das Debakelgebäude sowohl als Kulisse wie auch als Metapher ein. Cindy, die Heldin ihres Films, ist eine übergewichtige Jugendliche, deren Leben im Berliner Vorort Schönefeld ebenso still steht wie die Bauarbeiten am BER.

Die Szene, die gerade gedreht wird, findet am hohen Absperrzaun statt, Richtung Süden erstreckt sich brandenburgischer Acker, soweit das Auge reicht, hinterm Zaun ist die Landebahn zu erahnen, ein Wachturm steht da und rechts das Flughafengebäude. Wie ausgestorben wirkt es, nur einmal fährt im Schritttempo ein Wachfahrzeug am Zaun vorbei. Ein Sicherheitsmann wirft bei heruntergekurbeltem Fenster einen argwöhnischen Blick auf das Filmteam jenseits des Zauns. Für einen kurzen Moment sieht das selbst aus wie eine filmreife Szene im Wilden Osten.

Das Drehbuch wurde dem Schlamassel angepasst

Produzentin Susann Schmink ist gerade etwas verzweifelt, weil ihr für das geplante Schlussbild auf der noch nicht eröffneten Landebahn ein paar Tage später die Drehgenehmigung wieder entzogen wurde. Außerdem fiel die Kamera heute aus, wollte einfach nicht in Zeitlupe aufnehmen. Es sind nicht die ersten Herausforderungen dieser Produktion. Zwei Jahre arbeitete Sylke Enders bereits am Drehbuch, die ursprüngliche Fassung sollte am planmäßig eröffneten Flughafen spielen. Da sollte Gewusel und Hektik herrschen als Kontrast zum tristen Alltag im Vorort. Aber dann folgte eine Schlamasselmeldung nach der anderen und der Starttermin rückte in immer weitere Ferne. „Im Januar wurde uns dann endgültig klar, dass der Flughafen einfach nicht aufmacht“, erzählt Enders. „Zuerst war ich fassungslos, aber dann fand ich es so spannend, dass ich die Geschichte umschrieb.“ Sie nimmt die tragikomische Entwicklung mit Berliner Humor, macht eine kleine sarkastische Anmerkung und packt dann wieder an. Aufgeben gilt nicht.

Das passt auch zur Hauptfigur ihres Films. Enders zeigt ein Mädchen, das von außen vielleicht als Opfer stigmatisiert wird, aber gar keins ist. „Sie ist zu viel mehr in der Lage“, sagt Enders, „als dem, was ihr das Umfeld zutraut.“ In diesem Moment kommt Julia Jendroßek an den Tisch, der da provisorisch auf dem Feldweg zwischen den Cateringwagen und den Filmtrailern aufgebaut ist. Sie spielt diese Wuchtbrumme Cindy und Enders nennt sie „ein Goldschneckchen“. Das klingt wie ein Stoßseufzer, denn die Suche nach der Hauptdarstellerin zog sich über zwei Jahre hin.

Beim Film nur so reingeschnuppert

Julia kam eines Tages nach 18 Uhr vorbei, völlig unvorbereitet. „Ich wollte eigentlich nur mal reinschnuppern, wie so ein Casting funktioniert, und habe kurz meine Mutter angerufen und gesagt, dass ich ein bisschen später zu ihrem Geburtstag komme“, erzählt sie lachend. Enders war von Julias Auftreten begeistert, dabei hatte sie außer Jugendtheater kaum Schauspielerfahrung. Die Freude am Spielen ist ihr ebenso anzumerken wie ihr Talent im Umgang mit Menschen.

Den finnischen Kollegen, der bei manchen im Team als etwas schwierig galt, weil er so zurückhaltend ist, hat sie mit robustem Charme aus der Reserve gelockt. Und für die Abschluss-Ballszene hat sie einfach ihre ehemaligen Mitschüler aus Mitte mobilisiert. Dieses Organisationstalent wird die 21-jährige demnächst am Theater in Bremen einsetzen, wo sie eigentlich längst als Regieassistentin anfangen sollte. Für ihre erste Kinorolle hat sie die Theaterleitung aber dazu überredet, dass ihr Antritt auf Anfang Oktober verschoben wurde.

Und plötzlich hebt doch ein Flieger ab

Nach der Mittagspause beginnen die Proben. Cindy und ihr Filmfreund Danny laufen am Zaun entlang, der Kameramann Benedict Neuenfels und das Tonteam folgen ihnen, mit Fokus auf Cindys dickem Hintern. Sylke Enders sitzt unter einem Sonnenschutz vor dem Bildschirm, auf dem sie live sieht, was gerade gefilmt wird. Danny triezt Cindy ein wenig mit zwei Barbiepuppen, beißt einer schließlich den Kopf ab. „Danke!“ ruft die Regisseurin und gibt den Darstellern Anweisungen für den nächsten Durchlauf. „Ihr seid viel zu schnell! Lasst Euch mehr Zeit!“ Was für Außenstehende vielleicht ruppig klingt, verstehen die zwei Hauptdarsteller als das, was es ist: Enders ist einfach geradeheraus.

Als dann nach ein paar Proben der erste richtige Take aufgenommen werden, steigt ausgerechnet jetzt ein Flugzeug auf und stört mit seinem Lärm die Tonspur. Kurze Irritation, ob am Geisterflughafen womöglich heimliche Tests durchgeführt werden. Aber nein: Das kommt vom dahinterliegenden alten Flughafen. Also abwarten. Aber Sylke Enders hat längst gelernt, sich in Geduld zu üben. Auch wenn es schwer fällt. Schließlich soll „Schönefeld Boulevard“, anders als der Flughafen, rechtzeitig zur Berlinale im Februar fertig sein.