Der Kapitän legt mit der ganzen Kraft des Motors unter einem angenehm vibrierenden Tuckern vom Schiffbauerdamm ab. Das Brecht-Haus ist bereits an der Ausflugsgruppe vorbei gezogen, als das Schiff zum Wenden gezwungen wird. Ursprünglich hatten sich die Veranstalter der Berlin Music Week gedacht, dass sie zur Einstimmung auf ihre Woche voller Musik, die vom 4. bis zum 8. September dauert, eine Bootstour mit zwei Bands von Mitte aus mit der Endstation in Friedrichshain zu organisieren. Doch ausgerechnet an diesem Tag streiken die Schleusenwärter und so fährt die Gesellschaft, die es sich mit Wein und belegten Brötchen an Deck und im Bauch des Schiffes schon mal gemütlich gemacht hat, gen Westhafen.

Die Promoter relaxen auf Deck

Da sitzen die Promoter – das sind die Leute, die Werbung für neue Bands machen – also an Deck und lassen sich die Sonne auf den Kopf scheinen. Mit dabei ist ein Redakteur von „Melodie & Rhythmus“, einer Musikzeitschrift, die 1957 als Fachblatt für Tanz- und Unterhaltungsmusik in der DDR gegründet wurde. Im hinteren Teil unterhält sich gerade Ina Keßler, die Geschäftsführerin der Initiative Musik, mit einem jungen Mann über eine von ihr organisierte Reise durch die Republik, die ausländischen Journalisten den „Popstandort Deutschland“ näher bringen soll. Man besucht in Köln das Studio für elektronische Musik, trifft den Begründer des Minimal Techno, Wolfgang Voigt, und in Berlin fahren sie jetzt Boot.

Björn Döring, Head Of Project der Berlin Music Week, begrüßt mit einem Mikrofon in der Hand die Gäste. Er macht gleich einen Witz darüber, dass er jetzt nicht anfangen wird, die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu erklären. Aber Döring dankt den Wein-, Bier und Limosponsoren. Einige applaudieren, wie er das Wort „Wein“ ausspricht, und lassen die Bierflaschen aneinander klirren. Am Nebentisch meint einer mit Jeansweste: „Gibt ja sonst nicht mehr so viel zu trinken bei den Plattenfirmen.“ „Geh’ doch zur Ergo“, antwortet sein Nachbar und sie stoßen prusten erneut an.

Performance im Weitwinkel

Unter der niedrigen Decke des Innenraums positioniert sich der junge Musiker Kid Simius hinter seinen Aufbauten. Mehrere Pads, die bei einem Tastendruck gespeicherte Geräusche abspielen. Ein Wumm, ein Düdüdü oder ein Sound, so wie man sich ein Raumschiff vorstellt. Mischpulte, Regler, zwei Gitarren. Er trägt einen gnadenlos guten Favoris, einen Backenbart, der an den jungen Alexander Puschkin erinnert. Kid Simius kam aus Andalusien nach Berlin. Er unterstützte den Rapper Marteria auf Tourneen und im Studio. Er spielt einen großartigen Tingel-Tangel-Gitarren-Techno. Ein asiatischer Fotograf aus Frau Keßlers internationaler Reisegruppe beginnt sofort, mit groovenden Knien die besten Momente der Performance im Weitwinkel festzuhalten.

Moment der Ekstase

Im virtuosen Spiel, im Moment der Ekstase, wenn Simius den Mund weit aufreißt und die Finger den wehenden Twang der Vergangenheit durch das Griffbrett auf die jetztzeitigen Beats aus den Computern hämmern, dann erkennen die inzwischen Tanzenden, dass es nicht Puschkin ist, dem er so ähnelt. Kid Simius ist eher Wolverine. Frisur, Körperbehaarung und Gestus, seine Körperlichkeit lassen jedenfalls so etwas vermuten.

Was im Moment des Tanzes, des Stampfens und im Hüftwackeln natürlich nicht zu sehen ist, aber woran wir dennoch denken sollten, ist, dass die Berlin Music Week zu einer soliden Veranstaltung heran gewachsen ist, die sowohl die Förderung junger Künstler fokussiert als auch Businesspartner zusammenführt und als Schnittstelle zwischen Politik, Wirtschaft und Kultur funktioniert.

Chancen für junge Musiker

Kid Simius zum Beispiel spielt im Rahmen von First We Take Berlin ein Konzert. Das ist ein Showcase-Festival, also ein Festival, auf dem sich weniger etablierte Künstler vor Fachpublikum, also Plattenfirmenvertretern, Menschen von Konzertagenturen und so weiter, aber auch vor normalen Besuchern präsentieren können. In insgesamt acht Spielstätten um die Oberbaumbrücke spielen am 4. und 5. September über 80 Künstler. Die Band Claire, die gleich nach Kid Simus auftritt, wird auch bei diesem Anlass spielen.

Was für die bekannten Bands das Showcase-Fetival ist, ist für die junge Gründergeneration der Start-Up-Corner beim Fachkongress „Word“, der während der Music Week am 5. und 6. September im Postbahnhof tagt. Denn es ist tatsächlich so, dass sich die Plattenfirmen viel zu lange gar keine Gedanken gemacht haben, was sie denn mit ihrer Musik überhaupt machen können – außer sie auf CDs und Vinyl zu pressen und zu verkaufen. Sie mussten es auch gar nicht. Das Geschäft lief lang gut. Dann kam irgendwann das Neuland Internet und seitdem reden alle von einer Krise. So liegt die Hoffnung der Alten jetzt bei den Jungen vom Start-Up-Corner, neue Vertriebsmöglichkeiten für das gleich gebliebene Produkt zu finden.

Die dritte Rund Weißwein

Aber das liegt, zumindest aus dem Blickwinkel eines Passagiers an Bord des Lustschiffs, noch in weiter Ferne. Auch das Programm des Festivals, dass Blur kommen, Björk und sogar die Pet Shop Boys. Dass letztes Jahr schon achttausend Besucher mehr zur Music Week kamen als 2011. Dass die Initiative Musik von Ina Keßler Künstler substanziell unterstützt, in dem sie denen Flugtickets bezahlt, damit junge Bands im Ausland spielen können. So gibt es die dritte Runde Weißwein aus der Kühltruhe. Derweil springt die Sängerin Claire mit ihrer Band um die Wette. Vier Boys stehen hinter ihr. Auf die Eins biegen sich ihre Oberkörper, wie von einem überirdischen Mechanismus gesteuert, unheimlich zeitgleich. Nach zwei Stunden legt das Boot wieder in Mitte an. Jetzt kann sie kommen, die Music Week.

Die Berlin Music Week findet vom 4. bis 8. 9. statt:

Fritz Musictours Berlin vom 4. bis. 7.9. Während einer zweistündigen Busfahrt ist einiges zu entdecken. MTV, Die Hansa Studios, das SO36 und längst vergessene Orte stehen auf dem Programm. (Abfahrt am Postbahnhof)

First We Take Berlin am 4. + 5.9. Auf dem Showcase-Festival für Nachwuchsbands präsentieren sich über 80 Künstler wie Aroma Pitch, Balthazar, Claire, Die Orsons, Kid Simius, Schwarz Don't Crack oder Simian Ghost. (Postbahnhof, Astra Kulturhaus, Privatclub, Fluxbau, Magnet, Comet, Bi Nuu, Lido und Chalet)

Berlin Festival am 6. +7.9. Größen wie Blur, Björk und die Pet Shop Boys spielen zusammen mit der Avantgarde wie Dillon, Pantha Du Prince oder den Bumm-Bumm-Techno-Anhängern von Boys Noise, Busy P und Sebastian. (Flughafen Tempelhof und Club Xberg)

New Music Award am 8.9. Die jungen Radiosender der ARD küren die beste Nachwuchsband Deutschlands. Aus Berlin treten Ahzumjot an. Kraftklub und Bonaparte haben auch mal so angefangen. (Admiralspalast)